tanzmainz1Insidertreffer mit Öffentlichkeitscharakter: Die Tanzplattform Deutschland fand nach 22 Jahren wieder in München statt. Da die städtische und freie Szene sich hier gern vernetzt, wenn es um Spartengroßereignisse geht, ergänzten zahlreiche Begleitveranstaltungen insgesamt 15 Hauptbeiträge. Rückblick auf einen Marathon starker Stücke kurz vor Ausbruch europaweit verordneter kultureller Live-Abstinenz.

„History-Touren“

Die Reaktivierung der schon für das letzte Festival DANCE entwickelten „History-Touren“ bot Gelegenheit, zahlreiche prominente oder sonst unbeachtete bau- und geschichtsträchtige Orte der Stadt mit Verbindung zur Tanzmoderne Anfang des 20. Jahrhunderts per Fahrrad neu zu entdecken. In die Au, ins Westend und nach Neuhausen führten drei performative Spaziergänge der in diesen Vierteln ansässigen Institutionen HochX, Iwanson International School of Contemporary Dance und Tanztendenz München. Gute Gelegenheiten für die lokale freie Tanzszene, sich und eine Auswahl von Räumlichkeiten einmal auf ganz andere Art und Weise vorstellen.

Den Anfang machte das britische Performance-Kollektiv ivo theatre mit seinem Audiowalk „The Land’s Heart is Greater Than Its Map“. Dieser gipfelte in kurzen Impulsvorträgen und kleinen Demonstrationen verschiedener Künstler. Die zweite Route begleiteten Iwanson-Tanzstudenten angeleitet durch eine Choreografie von Katja Wachter. Zum Schluss bot sich die Möglichkeit zum persönlichen Austausch mit Tanzschaffenden. Hingucker des dritten Ausflugs – einer Entdeckertour durch das sogenannte Kreativquartier – war die Performance „Lustwandel“ von Helmut Ott in Objektkostümen von Robert Kis.

Zu Gesprächen mit Künstlern und Diskussionen im engeren Festivalrahmen lud bei freiem Eintritt das Goethe-Institut ein. Pitchings (Kurzpräsentationen) im kleinen Konzertsaal des Gasteig gewährten darüber hinaus Einblicke in die unterschiedlichen Arbeitsansätze ausgesuchter Choreografen. Wer allein hier vieles wahrnehmen wollte, dem blieb wenig Zeit zum einsamen Verschnaufen. Trotz im Alltag ganz langsam anwachsenden Ansteckungsängste und ersten Warnsignalen, große Menschenmengen zu meiden, waren die Zuschauerräume voll. Neugier und Lust auf die Best-Of-Auswahl von Projekten, die in den letzten zwei Jahren „substanziell in Deutschland“ erarbeitet wurden, schienen gutgestimmte Münchner wie die eigens angereiste Tanzszene umzutreiben.

tanzmainz3Sharon Eyal bei tanzmainz

444 Produktionen standen im Fokus der fünfköpfigen Fachjury. Organisatorisch federführend mit dabei: Tanzwerkstatt-Europa-Macher Walter Heun. Das tolle junge Ensemble von tanzmainz-Direktor Honne Dohrmann rüttelte zum Abschluss noch einmal visuell auf – mit bahnbrechenden 55 Minuten Tanz im gefühlsexzentrischen Zehenspitzengang zu heftig lauten Techno-Beats. Im Mai will das Bayerische Staatsballett zum Auftakt seiner Ballettfestwoche eine Arbeit der gefragten israelischen Choreografin Sharon Eyal ins Repertoire übernehmen. Ob das auch wirklich klappt, wird derzeit leider immer ungewisser. „Soul Chain“ jedenfalls – ein krasses Auftragswerk im emotionalen Dauerausnahmezustand – wurde 2018 mit dem Deutschen Theaterpreis „Faust“ ausgezeichnet und kulminiert in physischer Erschöpfung, die sich kontinuierlich in die Gesichter der Interpreten gräbt. Alle, sogar Zuschauer, sind letztlich erledigt, bloß eben auf unterschiedliche Art und Weise.Ostruschnjak11

Moritz Ostruschnjak

„Unstern“ – eine Wiederaufnahme des freien Münchner Choreografen Moritz Ostruschnjak, war die einzige lokale Produktion dieser Tanzplattform Deutschland.

Zwei Männer im leeren Raum. Die Atmosphäre zwischen beiden ist geladen – vorerst visuell bedingt durch die hellgräulich intensive Ausleuchtung der Lichtdesignerin Tanja Rühl. Ihr im Kurzschlussverfahren neue Kapitel auffächerndes Spiel der Deckenspots kleidet „Unstern“ bis zum Schluss in wirksame Stimmungsbilder.

Ostruschnjak2Auch in Ostruschnjaks Stück schlägt jede optische Neueinstellung blitzartig unheilverheißend ein. Sie lässt Zuschauer zusammenfahren und fungiert als Signal, dass die insgesamt vier sich in Vokabular, Ausdruck und Outfit gleichwertigen Tänzer neu formieren. Immer wieder herrscht für Momente die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Warum Emotionen oder körperliche Abrichtung und Disziplinierung in Aggressivität umschlagen bzw. Propaganda zu Gewalt und Eskalation führen, untersucht der gebürtige Marburger in seiner vierten Münchner Arbeit (Uraufführung am 13. September 2018 im Münchner Schwere Reiter). Eine globale Frage, die bei ihm mit dem Blick in die Vergangenheit vor dem ersten Weltkrieg ansetzt.Ostruschnjak3

Der Taumel zwischen Unsicherheit und Euphorie, Individualität und kollektiver Sehnsucht, Aufbruch und Kapitulation, Gleichmacherei und dominant zur Schau gestellter Konfliktbereitschaft funktioniert rein tänzerisch nur begrenzt. Erst in Verbindung mit eindeutigen filmischen Zuspielungen wie der rhythmischen Explosion zu Brezen geschwungener Stacheldrahtbänder (Video: Moritz Stumm) gewinnt die kaleidoskopische Abfolge akribisch durchchoreografierter Zustandsbeschreibungen und Empfindungskurven an Brisanz. Außerdem verstärkt eine perfekt auf die Situationen zugeschnittene klangliche Komponente des Musikers/DJ‘s Jonas Friedlich mit Einspielungen von Royer und Rameau sowie Gustav Holst (The Planets: Venus, the Bringer of Peace) und György Ligeti die Gesamtwirkung des Werks. Nur dass die Inszenierung herrlich suggestiver und störrischer Einfälle nach 70 Minuten einfach abbricht, wäre ein Überdenken wert.

FlierlJule Flierl, Sheena McGrandles, Kat Válastur

Auf einer Nebenspur trat Jule Flierl in Erscheinung. Patin ihrer ungewöhnlichen Ton-Tanz-Suche „Störlaut“ mit grober Schminke und verzerrter Gesichtsanatomie war Grotesk-Tänzerin Valeska Gert. Sheena McGrandles spielte dagegen lieber mit der Replay-Taste. Sie brachte das Duett „Figured“ mit nach München, in dem eine kurze Bewegungssequenz vor einer Holzwand in ständigen Wiederholungen seziert und zerstückelt wird. Dritte Berlinerin im Bunde einer Reihe kleinerer Formate war Kat Válastur, die in ihrer Choreografie „Rasp your soul“ den italienischen Performer Enrico Ticconi in abstrakter Umgebung permanenten Einflüssen einer digitalen Welt aussetzte. Diesen konnte man außerdem im gestischen Parcours „Harleking“ gemeinsam mit seiner Kreations-Partnerin Ginevra Panzetti erleben. Einem dämonischen Vergnügen zweier Identitätswandler in Commedia dell’Arte-Manier.

PanzettiTicconiPanzetti & Ticconi

Das aus Italien stammende Duo Panzetti/Ticconi bestacht nicht nur durch technische Hyperexaktheit und Synchronität, sondern schaffte es darüber hinaus, den einen oder anderen zu befremden bzw. zu irritieren. Zu Beginn und am Ende ihrer verblüffenden Choreografie "Harleking" zu gurgelndem, dann unschön schleifendem Sounddesign wurden die beiden vor Lachen nur so gebeutelt. Bald steckten sie in sich wiederholenden, dabei kontinuierlich verändernden Bewegungsschemen fest. Ihr zunächst heiter-verspieltes Posieren entwickelte sich zu hinterlistiger Bösartigkeit und wuchs sich schließlich zu einem Zwei-Personen-In-Einem-Monster-Nimmersatt aus. Die Beklemmung kroch dem Publikum vollends unter die Haut, als beide ihren rechten Arm hoben. Ein unmissverständliches geschichtsbelastetes Zitat, das Panzetti – liebevoll auf ihren Partner zugehend – dadurch auflöste, dass sie diesem mit einem Ellbogengriff die Luft abschnürte. Widersprüchlichkeit als brachial dahinfließende Metamorphose. Hintergründig plausibel.Disylphide

Inklusive Tanzgeschichte

Zwei Jahre lang wurden die 15 Produktionen ausgewählt, die vom 4. bis 8. März exemplarisch Lebendigkeit, Bandbreite und Einzigartig der freien Tanzszene sowie von Kompanien an Stadt- und Staatstheatern in Deutschland aufzeigen sollten. „Dis_Sylphide – ein Tanzstück über Behinderung und die deutsche Tanzgeschichte“ des Serben Saša Asenti hatte es in die enge Auswahl geschafft – wohl auch deshalb, weil den drei voneinander unabhängigen Teilen so markante Werke wie Mary Wigmans „Hexentanz“, Pina Bauschs „Kontakthof“ und Xavier Le Roys „Self Unifinshed“ zugrunde liegen.

Disylphide1Trotz Längen vor allem im Mittelteil, wo man das Bausch-Werk rückblickend auf die Erarbeitungsphasen über Gesprächspassagen in der Gruppe verhandelte, vermittelte das im Gesamtprogramm einzige Inklusionsprojekt, wie andersartiges Denken den Blick auf Meisterwerke erweitern kann. Insbesondere Natalija Vladisavlević – eine sehr mitteilsame Frau mit Down Syndrom – gab ausgehend von Mary Wigmans „Hexentanz“ ein furioses Ich-bin-wer-ich-bin-Statement ab. Im Schlussteil präsentierte sich die Gruppe rein physisch im Sinn eines tänzerischen Fortsetzungsspiels. Simone Aughterlony und Petra Hrašćanec wiederum agierten – bezugnehmend auf den „Odyssee“-Epos und eine Roman-Trilogie der Ungarin Ágota Kristóf in „Compass“ wie Zwillinge auf einer Expedition in das jeweils eigene Innere.

Cocoon Dance

Einer total fremdartigen Optik setzte man sich zunehmend fasziniert in „Vis Motrix“ der Ex-Forsythe-Tänzerin und Choreografin Rafaële Giovanola aus. Ihre vier Tänzerinnen der Kompanie Cocoon Dance aus Bonn liegen anfangs rücklings am Boden. Eine Position, die sie bis zum Schluss lediglich unterbrochen von tänzerischen Varianten des Aufbäumens und Sich-In-die-Senkrechte-Katapultierens beibehalten. Dann wölben sich energiegeladen Brustkörbe, Knie werden angewinkelt, Ellbogen aufgestützt. Dutt-Frisuren verlängern die schwarzgliedrigen Körper. Wie diese dann – vergleichbar elektronischen Teilchen oder hybriden Organismen – halb Mensch, halb Maschine – in unterschiedlicher Schnelligkeit, Dynamik und schritttechnischer Komplexität über eine weiße Fläche flutschen, ist sensationell.CocoonDance

Performance-Power auf solch tänzerischem Topniveau – das hat man schon lange bei keinem Münchner Festival mit choreografischen Produktionen mehr erlebt. Sieben Gastspiele galt es allein an den ersten beiden von insgesamt fünf Tanzplattform-Deutschland-Tagen zu bewältigen. Angesichts der über die Stadt verteilten Spielstätten eine echte Herausforderung. Zum Glück blieb die ermüdende Wirkung durch das Zuballern mit Eindrücken aus. Die besuchten Vorstellungen – alle mit straffem dramaturgischem Spannungsbogen und ohne Pause – unterschieden sich deutlich voneinander. Keine entpuppte sich als totaler Durchhänger oder in Konzept bzw. Ausführung nicht originell genug oder gar als reine Niete. Der Fokus ruhte stets auf dem Tanz als Ausdrucksmittel und kommunikatives „Vehikel“.

LaMacanaLaMacana

Selbst dort, wo auf der Bühne jede Menge gequasselt wurde wie im spanischsprachigen „Pink Unicorn“ des Künstlerkollektiv LaMacana: eine subtile Vater-Sohn-Konstellation – inklusive Rollentausch und herrlichen, tierischen Vergleichen – auf bunter Männerspielwiese. Wildes Tanztheater, performed von dem kubanischen Tänzer Alexis Fernández und seinem leiblichen Sohn. Dass dieser smarte Bursche nie zuvor getanzt haben soll, mag man kaum glauben und verbleibt überwältigt angesichts dieses ungewöhnlichen, energiegeladenen Duells im Spannungsfeld der Generationen.AdriennHod

Adrienn Hód

Wenn abstruse, zumeist unbekleidete Solo-Outings jenseits von Scham oder von Konvention dezidierte Widmungen wie „für alle Diktatoren“, „für die, die heute nicht mehr unter uns sind“ oder „für kulturelle Aneignung“ bekamen, blieb die Bewegung, zum Ende hin sogar in paraphrasierend-soghafter Extremform, nichtsdestoweniger zentrales Element. So bei „Coexist“ von Adrienn Hód für das Ensemble Unusual Symptoms für das Theater Bremen, einem ambivalenten Spiel um Tabus und gesellschaftliches Anecken mit viel schwarzem Humor: Zehn Tänzer, stets bereit, beim Zuschauer das Phänomen Wahrnehmung neu zu justieren.

ShemeshJoana Tischkau, Reut Shemesh

Oder wenn durch lippensynchrones Playback-Singen – in tollsten Verkleidungen zu einem abenteuerlichen O-Ton-Verschnitt quer durch die Pop- und Schlagercharts – herausgefunden werden sollte, was Identität im Panoptikum afroamerikanischer und afrodeutscher Kultur ausmache. Mit „Playblack“ – der beeindruckenden Abschlussarbeit von Joana Tischkau im Fach Angewandte Theaterwissenschaft an der Universität Gießen – wurde dem Phänomen des Überwältigens mittels tänzerischer und darstellerischer Präzision ein temporeiches, amüsant-farbiges Sahnehäubchen aufgesetzt. Inhalt sind perfekt kopierte Verhaltensmanierismen im Daueridentitätswandel dreier Performerinnen. Ein turbulenter Schrei nach liberaler Farbblindheit, während Reut Shemesh in „ATARA – for you, who has not found yet the one“ Besonderheiten ihrer Tel Aviver Heimat zwischen weltlichen und religiösen Belangen sowie die Rolle der Frau darin beschäftigten.Gintersdorfer

Monika Gintersdorfer / Knut Klaßen

Seit 2005 entwickeln die Regisseurin Monika Gintersdorfer und der bildende Künstler Knut Klaßen gemeinsam Projekte zu kultureller Differenz. Nun rieben sich, kennt man andere Stücke des Teams, wenig überraschend in ihrem „Kabuki Noir“ Codes der japanischen Theaterform an der Pariser Erfindung von Musikern der Elfenbeinküste: dem Coupé Decalé.

SchadIsabelle Schad

Für die Eröffnung hat man sich das Gruppenstück „Reflected“ der Berlinerin Isabelle Schad herausgepickt. Ihre in München 13 (statt wie bei der Uraufführung 14) Performer ergründeten eine teilweise mobile Bühne als sozialen Versammlungsort und testeten Kräfte aus, die uns mehr physisch als emotional bewegen. Darstellerisch völlig unaufgeregt wurden Möglichkeiten des Tanzes hinsichtlich Ko-Existenz und Verselbständigung innerhalb von Gruppenkonstellationen einer Bühne, die eine Drehscheibe dominiert, untersucht und über abstrakte Formen an die Beobachtungs- und Assoziationsfähigkeit des Publikums appelliert. Die totale Fokussierung auf genau solche Qualitäten sorgte für einen unspektakulär imposanten Auftakt eines beeindruckenden Festivals starker Stücke.

Tanzplattform Deutschland, 4. bis 8. März 2020 in München