lukkarilaSechs Performance-KünstlerInnen untersuchten beim zweiten "Rakete"-Festival an zwei Wochenenden in den Studios des Tanzquartier Wien queer-feministische Thematiken, kulturelle Identitäten, menschlich-kosmische Relationen und den Kunstbetrieb: Lau Lukkarila,  Ulduz Ahmadzadeh, Hannah De Meyer, Mohamed Toukabri, Karin Pauer und Sophia Süßmilch.

Lau Lukkarila: „Trouble“

Die Signal-Farbe Orange dominiert diese Solo-Performance. Anfangs vermummt in eine schwarze Kapuzenjacke kämpft Lau Lukkarila mit einem Kuppelzelt, ihrem Schutzraum. Sehr schnell zieht sie uns in diese fast die ganze Performance anhaltende Stimmung von Verunsicherung und Zurückgezogenheit in sich selbst. Artikulationsversuche. Stammelnd und sich kantig bewegend spricht sie von ihrem Fremdsein in der Welt. Nicht wissend, was Liebe ist, reinigt und peinigt sie sich. Erst verhüllt in Nebel findet sie zu ausgelassenem, ekstatischem Selbstausdruck, tanzend. Und jemand singt von Schmerz und Liebe. In einem eingespielten Video, das sie in den Armen einer Tätowiererin (Ina Bär) zeigt, genießt sie diese erotische Peinigung.

Doch das nun geöffnete Fenster erlaubt ihr den Blick in die Ferne. Mit herausforderndem Gestus schleudert sie einen pfeifenden, (natürlich) orangefarbenen Schlauch.

In ihrer Performance „Trouble“ stellt uns Lau Lukkarila, in Finnland geboren und in Wien lebend, eine zutiefst verunsicherte, verstört-verängstigte, beinahe depressive queere Persönlichkeit vor. Dem aus ihrem Wunsch, sich abzugrenzen, anders zu sein als „normal“, resultierenden Leid begegnet dieser Mensch mit einem trotzig-kämpferischen, alternativen Identitäts-Entwurf. Lau Lukkarila überzeugt mit ihrem Konzept für diese ihre erste eigenständige, hier erstaufgeführte Arbeit und durch ihre darstellerische Leistung.

Bemerkenswert war wiederum das Erscheinen zahlreicher Mitglieder der queeren Gemeinde ausschließlich für diese erste der drei Performances des Abends. Darf man ausgeprägtes Interesse an sich selbst und seinesgleichen feststellen, keines jedoch an Tanz/Performance oder gar Kunst im Allgemeinen?

ulduzahmadzadehUlduz Ahmadzadeh: „Under Cover“

Die iranisch-österreichische Tänzerin und Choreografin Ulduz Ahmadzadeh beginnt diese sequenziell gestaltete performative Installation (Erstaufführung) mit dem Ausschenken von Tee an die vorn Sitzenden und einem „Teetanz“. In der islamischen Welt stellt sich auf diese Weise eine zur Heirat bestimmte Braut ihrem Bräutigam vor, von dessen Familie eingeladen und einander noch völlig unbekannt. Hochschwanger präsentiert uns Ulduz Ahmadzadeh, schwarz gekleidet, in flüssig gereihten Szenen Bilder einer Frau, die unterdrückt wird und Gewalt erfährt, die sich hinter Plexiglas autoerotischer Erregung hingibt, die hinter einem leeren hängenden Rahmen einen Teppich webt. Dazu erklingt ein in Persien sehr bekanntes (Liebes-) Lied, eine einzige erfüllte Nacht und den Abschied am Morgen danach besingend. Und ein Fisch fliegt ein. Heliumgefüllt und ferngesteuert mit dem Schwanz wedelnd, schwebt er durch den Raum. Sehr zur Freude der Besucher. Ob ein jeder weiß um das von den iranischen Mullahs geprägte „Sprichwort“, dass eine Frau ohne Hijab (Kopftuch) ist wie ein Fisch ohne Wasser? Ulduz Ahmadzadeh aber lässt das Licht bald verlöschen und taucht die Bühne in blaues Licht. Es wirkt wie eine Unterwasser-Szene …

Johanna Figl unterstützte bei Konzept und Dramaturgie, Till Jasper Krappmann mit der Bühne, die er auch als insbesondere in Nachhinein begehbare Installation gestaltete. Video-Projektionen auf die verlassene Bühne fordern auf, sich diese zu erschließen. Eine Fülle von Sequenzen folgt, aufgenommen auf der südwest-iranischen Insel Hormuz in fremdartiger, umwerfend schöner Gebirgslandschaft. Eine Katze, das Tier der Selbstbestimmtheit, Freiheit und Weiblichkeit, auf toten Fischen, Ulduz Ahmadzadeh in Plastikfolie gehüllt, sie mit fliegenbesetzten toten Fischen als Ohrgehänge, sie eingegraben wie zur Steinigung, mit vielen Granatäpfeln, Symbol für Leben und Fruchtbarkeit, um sie liegend, sie sich einen Spanngurt um Kopf und Kinn festzurrend, ihr Gesicht das Gestein spiegelnd. Und der Saal leert sich langsam.

„Under Cover“ klagt in nicht immer leicht zu entschlüsselnden Bildern die Unterdrückung, Entrechtung und Entwertung der Frau im Iran und in islamisch geprägten Kulturen an, die Pervertierung und Zerstörung der kulturellen Werte durch die religiösen Führer des Iran, die Macht des Erdöls. Die kraftvolle Poesie, die Bandbreite und die mutige Subversion dieser Arbeit beeindrucken. Schade, dass uns Ulduz Ahmadzadeh keine Möglichkeit mehr gab, ihr abschließend zu danken.

Das nach der Pause vorgestellte Solo „new skin“ von Hannah De Meyer habe ich verpasst. Da der Nach-Einlass war strengstens untersagt war.

toukabriMohamed Toukabri: „The Upside Down Man (The Son of the Road)“

Sehr persönlich, uns alle schon beim Eintreten namentlich begrüßend, tritt uns der gebürtige Tunesier Mohamed Toukabri in der österreichischen Erstaufführung seiner Arbeit „The Upside Down Man“ gegenüber. Bereits zu einem Studienaufenthalt in Paris gewesen, wechselte er 2008 nach Brüssel zur Ausbildung an Anne Teresa de Keersmaekers P.A.R.T.S., seit dem dort lebend. Seine Erfahrungen in diesen zwei Kulturkreisen bilden die Basis für diese autobiographische Reflexion über Identität, Migration und deren Implikationen. Zu Video-Sequenzen aus seiner Familie und kurzen Text-Passagen auf der Leinwand erzählt Toukabri in vier Kapiteln, „Mutter“, „Vater“, „Mohamed“ und „In between“ von seiner Leidenschaft für den (verbotenen) Tanz, „Tanz wurde meine Art zu denken.“, für die Neugier „auf die andere Seite des Unbekannten“. Begleitet von Breakdance und zeitgenössischem Bewegungs-Material lernen wir die den „Sucher des Wissens“ unterstützenden und ermutigenden Eltern kennen, hören von den so verschiedenen Assoziationen, die mit seinem Namen Mohamed verbunden sind (in Tunesien tolerant, nett, rein; in Europa ISIS, Terror, Tod). Er lässt uns spüren, wie zwei Länder, Kulturen, Traditionen und Sprachen seine Identität definieren. Die Grenze zwischen alldem ist sehr schmal. „Wie geht das, ohne seine Seele zu verkaufen?“ Und er dreht sich wie ein Kreisel auf seinem Kopf ...

Mohamed Toukabri beeindruckt nicht nur mit seiner tänzerischen Vielfalt und Meisterschaft, sondern auch mit seinem Mut zu einem so gar nicht verkopften Konzept. Mit klugem Herzen und klarem Geiste spricht er auf so sympathische Weise von Reichtum und Liebe. „Du musst emigrieren, um zu verstehen!“

Karin Pauer: „the next five hundred thousand years of movement“

Sie macht die Million voll. Nach ihrem Ausflug in die Geschichte der letzten 500.000 Jahre in ihrem vorherigen Stück eröffnet Karin Pauer (gemeinsam mit ihrer Mutter Johanna) die Erstaufführung ihrer jüngsten Arbeit mit „Wie sollen wir beginnen?“ Ein Reigen von Fragen, die vom ganz Persönlichen in eine kosmische Dimension münden. Und die Mutter beginnt einen hüpfenden Tanz, zu dem die Tochter sich gesellt, komplementär und sich synchronisierend bewegend. Die Mutter verlässt die Bühne, Agnieszka Dmochowska betritt sie. Zum Herzschlag aus den Boxen tanzen sie Parallelitäten, die entstehen und vergehen, stellen Fragen zwischen Frühstücksei und dunkler Materie, zwischen profan und existenziell. „Wiederholt sich alles ewig?“ Und zum wummernden Sound zelebrieren sie kniend das Auf und Ab. Wie Wasser wellt sich's auf der Leinwand, Tropfen und Tierstimmen schallen durch den Raum. Mit goldglänzender (Rettungs-) Decke strahlen sie Sonnenlicht ins Publikum. Mit Handscheinwerfern zum Popsong, auf der Rückwand und gen Publikum suchend, finden sie auch sich selbst, um dann die Lichter flirren zu lassen zu „It's a star!“

Kosmischen Gesetzen, Resonanzen im Kleinen und Chaos und Ordnung im Großen, unterwirft Karin Pauer in dieser Arbeit den Menschen, vergänglich im Angesicht der Zeiten, nichtig im Angesicht der Macht, fragend ob der Gabe seines Geistes. Das in nicht immer leicht zu entschlüsselnde Metaphorik verpackte große Thema stellt auch an den Betrachter hohe Anforderungen, denen sich zu stellen man bereit sein muss.

Sophia Süßmilch: „If You Think You Are A Performance Artist But You’re Really Just A Meme“

In ihrer szenischen, von Blackouts unterbrochenen Arbeit, die sie gemeinsam mit sieben weiteren PerformerInnen als Erstaufführung in den TQW-Studios präsentiert, führt die Münchnerin Sophia Süßmilch den Kunstbetrieb mit seinen Mechaniken und Zwängen und seine darin Verstrickten auf satirische Weise vor. Sie wird am Kindertisch herunter gemacht, sie zapft einem Kollegen sein Blut ab und bemalt ihn damit, eine Malerin wird von hinten gefickt, während sie stoßweise ihre Kleckse auf die Leinwand drückt, Tänzer walzern mit barocker Perücke, die dialektische Logik von These, Antithese und Synthese führt sie mit verfütterter Karotte und Peitsche ad absurdum. Während ihr jemand den Hals immer weiter zudrückt, affirmiert sie, dass sie als Künstlerin kein Produkt ihrer Umwelt sein will, sondern dass die Umwelt ihr Produkt sein möge, und final beten alle acht als „Entertainer“ spaßbehütet und mit apathischen Gesichtern das Alphabet herunter.

Kurz, prägnant, unmissverständlich, mit bitterbösem Humor und beißender Ironie entlarvt sie den blutsaugenden Kunstbasar und seine Prostituierten. Trotz Kloß im Hals ein Vergnügen.

„Rakete“ in den Tanzquartier Wien Studios am 03./04. und 10./11. Mai.