torobakaWenn zwei Giganten der zeitgenössischen Tanzwelt mit traditionellen Wurzeln aufeinander treffen, dann erwartet man ein Feuerwerk. Besonders dann, wenn der nordindische Kathak und der spanische Flamenco eine neuartige Fusion eingehen, wie im Fall von Akram Khan und Israel Galván. Deren Stück „Torobaka“ ist für die Bühne inszeniert und doch als Tanzkonzert konzipiert, bei dem sich Tänzer und Musiker in einem ständigem Dialog miteinander befinden.

Zwei Tänzer, eine Sängerin, zwei Sänger und ein Schlagzeuger – doch nein, die Rollen sind keineswegs so klar abgesteckt, denn die Tänzer sind auch Musiker, der Sänger tanzt, der Schlagzeuger singt. Im Flamenco nichts ungewöhnliches, wo Musiker und Tänzer in einer Person verkörpert sind. Doch wie gehen cantaor und bailaor mit der Polyrhythmik des Kathak um? Welchen Einfluss hat die enorme Wendigkeit des Kathak-Tänzers auf den akzentuierten Flamenco? Und was passiert, wenn Musiker unterschiedlicher Provenienz auch noch mitmischen? Diese Fragen werden in diesem Stück erörtert, in choreografisch festgelegten Passagen und improvisierten Freiräumen.

Als Bühnensetting wurde die Form einer Arena gewählt, eine runde Aktionsfläche, die sich im Farbenspiel des Lichtdesigners Michael Hulls verändert und jeweils eine andere Stimmung verbreitet. Ich habe mir beim Zusehen manchmal ein helles Arbeitslicht gewünscht, um den Prozess, der sich vor den Augen des Publikums abspielt, deutlicher sehen zu können. Denn „Torobaka“ ist keine perfekte Bühnenshow, sondern vielmehr ein offenes Spielfeld, auf dem die Akteure experimentieren.

Wie bereits erwähnt sind dabei die Musiker gleichermaßen involviert wie die Tänzer. (Daher ist es eher befremdlich dass über sie außer der Namensnennung im Programmheft nichts zu erfahren ist). Die Recherche ergibt, es sind ebensolche Ikonoklasten wie die beiden Tänzer: der spanische Countertenor David Azurza, der Cantaor Bobote, die ursprünglich klassische und in der italienischen Folklore ausgebildete Sängerin Christine Laboutte mit ihrer satten Alt-Stimme und der österreich-britische Schlagzeuger Bernhard Schimpelsberger, der in seiner Arbeit Rhythmen der indischen Klassik mit westlicher Musik vereint.

Sie alle leben auf der Bühne die De- und Rekonstruktion der traditionellen Formen vor. Es ist, als würde vor unseren Augen ein Haus abgetragen. Das Gerüst bleibt stehen und daraus entsteht etwas Neues, etwas Aufregendes, das noch nicht wirklich greifbar ist.Wie im Titel, in dem der spanische Stier (toro) und die heilige Kuh Indiens (vaca) zum neuen Wort "Torobaka" verschmelzen.

Ein Experiment jedenfalls, das bei diesen Virtuosen zu einer abenteuerlichen und mitreißenden Entdeckungsreise wird.

Akram Khan / Israel Galván: „Torobaka“ am 12. Dezember 2014 im Festspielhaus St. Pölten

Der Entstehungsprozess ist auf der Website www.torobaka.com dokumentiert