sunbengZwei Stücke, die an diesem Wochenende in Wien zu sehen waren, nahmen Folklore-Tänze und –musik zum Ausgangspunkt einer zeitgenössischen Interpretation. Das Solo „SunBengSitting“ von Simon Mayer und „Badke“ mit 10 palästinensischen PerformerInnen in der Zusammenarbeit mit den Choreografen Koen Augustijnen und Rosalba Torres Guerrero von Les Ballets C de la B. Beide Stücke begannen im Dunkeln und lenkten damit die Aufmerksamkeit auf den Sound – und damit hören sich die Gemeinsamkeiten auch schon auf.

Volkstanz und Volksmusik sind hierzulande nach wie vor von der Blut- und Boden-Ideologie der Nazis belastet. Und so ist Simon Mayers Auseinandersetzung damit durchaus mehrdeutig. In seinem Performance-Konzert, in dem er folkloristische Versatzstücke sowohl musikalisch als auch tänzerisch brillant und humorvoll umsetzt, bleibt er – von Anfang bis Ende nackt auf der Bühne – zu seinem Sujet distanziert. Es beginnt im Dunkeln mit Naturgeräuschen wie Vogelgezwitscher. Alle Geräusche erzeugt der Performer selbst: mit Schlaginstrumenten und Gegenständen, Body-Percussion, auf der Geige, mit Gesang oder mit der elektrischen Kettensäge. In einem Live-Loop werden sie addiert und übereinander gelegt und erzeugen nach und nach das Klangvolumen eines kleinen Orchesters. Versatzstücke aus dem Volkstanz (mit einem von der Decke schwingenden Mikrofon als Partnerin), dem Ballett, Schuhplatteln und Aperschnalzen wechseln einander ab. Bis Simon Mayer auf seiner „Sunbeng“ (auf oberösterreichisch die Sonnenbank vor dem Haus), die er zuvor mit der Kettensäge ausgeschnitten hatte, sitzt und ein Liedlein singt. Doch die Idylle ist keine heile Welt, denn der Song handelt von einem Mann, der beim Edelweiß-Brocken für seine Liebste in eine Gebirgsspalte stürzt und zu Tode kommt – und entblößt dabei ganz nebenbei die grausige Realität heimischer Romantik. Die bei der Premierenbesprechung angekündigte Erweiterung zu einem Gruppenstück hat (noch) nicht stattgefunden. Muss auch nicht sein, denn das Solo ist vollendet und hoffentlich noch oft zu sehen.

BadkeFür die Palästinenser, die seit Jahrzehnten um Anerkennung ihres Staates kämpfen und dabei immer wieder in kriegerische Auseinandersetzungen involviert sind, ist ihre Folklore ein starkes und positiv besetztes Identifikationssymbol. Und so wird in  dem Stück „Badke“, ein Anagramm aus ihrem Volkstanz Dabke, auch versucht, eine glücklich-fröhliche Welt zu evozieren. Wie der Titel, so ist auch das Bewegungsmaterial der Performance eine De- und Rekonstruktion des ursprünglichen Reihentanzes. Neben den Choreografen Koen Augustijnen und Rosalba Torres Guerrero hat Hildegard De Vuyst von KVS dramaturgisch mitgearbeitet.

Ihr Stück beginnt mit dem rhythmischen Stampfen des Dabke. Es wird zunehmend lauter, bevor das Licht einsetzt. Mit überbordender Energie tanzen die zehn palästinensischen PerformerInnen, im Kollektiv, um dann einzeln oder im Duo auszuscheren und in ein zeitgenössisches Tanzidiom oder akrobatische Stunts zu wechseln.  Angetrieben wird das wilde Treiben von Dabke-Musiker Naser Al-Faris (aufgepeppt von Sam Serruys). Die PerformerInnen sind alle hervorragende und virtuose TänzerInnen, AkrobatInnen, Capoeiristas oder Hip HopperInnen, die sich 90 Minuten lang verausgaben. Nur zwei oder drei Mal stoppt die Musik, einmal fällt die Gruppe auf die Knie, hält sich den Kopf und schlägt ihn auf den Boden. Gebet oder Schutz vor einem Bombenangriff? Ein anderes Mal wird ihnen von einem Darsteller pantomimisch die Kehle durchschnitten und sie fallen reglos auf den Rücken. Ein Gag oder traurige Realität? Kaum entsteht ein Bild, geht es mit und zum repetitiv agitierenden Sound wieder weiter. Und so will (oder kann) der Funke nicht überspringen. Die Fröhlichkeit wirkt aufgesetzt und bleibt an der vierten Wand hängen, und die kurzen, leisen Momente verpuffen, bevor sie Betroffenheit auslösen könnten. Die politische Message, sofern eine solche intendiert ist, kommt nicht an.

Simon Mayer „SunBengSitting“ am 6. November im brut,
Les Ballets C de la B / A. M. Qattan Foundation / KVS: „Badke“ am 7. November im Tanzquartier Wien