fruehlingZu Beginn der Ära Legris beim Wiener Staatsballett wurde die Ballettschule noch mit allen Ehren gewürdigt, etwa durch die Mitwirkung des Orchesters der Wiener Staatsoper. Von der glanzvollen Jahresabschluss-Matinee von damals ist wenig übrig geblieben. Heuer kam der Ton in miserablen Audio-Einspielungen vom Band. Von choreografischer Qualität konnte bei den zwei gezeigten Neukreationen keine Rede sein. Dabei verdienten diese jungen, talentierten TänzerInnen nur die besten Bedingungen.

Die Matinee begann mit Ausschnitten aus zwei Petipa-Choreografien. Mit der Polonaise und Mazurka aus „Paquita“ (Einstudierung: Jasmin Avissar und Lucian Necsea ) eröffneten die SchülerInnen der zweiten und dritten Klassen. Stolz und getragen schritten die Jüngsten der Ballettakademie – wie sich die Schule seit Herbst nennt – über die Bühne. Der „Jardin animé“ aus „Le Corsaire“ war sehr gut einstudiert (von Galina Skuratova) und unter den Solistinnen – nicht namentlich genannte „Damen der Oberstufe“ – ließ sich so manches Talent erkennen.

Daran mangelt es auch bei den Herren nicht, die in „Frühling in Wien“ von Bella Ratchinskais ihren Auftritt hatten. Bereits im letzten Jahr hatten wir das zweifelhafte Vergnügen mit dem Geschmack dieser Lehrerin der Ballettschule Bekanntschaft zu machen, als sie das unsägliche „Cippolino“ ausgegraben hatte. Diesmal ist vor dem Hintergrundprospekt mit dem Bild der Wiener Hofburg aus der Kaiserzeit eine Gruppe von Soldaten hinter einem Mädchen her. Wie bei einer Parade gut trainierter Zirkuspferde geben die jungen Männer ihre virtuosen Variationen zum Besten (technisch sehr sauber und exakt) - wobei die Tänzer die kaiserlichen Truppen in schlabbernden Uniformen aus dem Fundus verkörpern müssen und das süße Wiener Mädel mit einem spanischen Fächer ausgestattet ist. Man glaubt sich bei diesem monarchistischen Nostalgie-Kitsch in ein Provinztheater der 1950er Jahre zurück versetzt …

Oder frönt man vielleicht dem Populismus? Denn das bis dahin zurückhaltende Publikum kam zu den Walzern und Polkas von Strauß und Lehar endlich in Fahrt. Doch dafür braucht es keinen „Frühling in Wien“. Wo sind die edlen Walzer im Wiesenthal-Stil, die in der Choreografie von Hedy Richter, ebenfalls (noch) Lehrerin an der Ballettakademie, viele Jahre lang eine würdige Eröffnung der Schulmatineen boten?Novum

Das „Zeitgenössische“ kam am Ende mit der Jugendkompanie der Ballettakademie der Wiener Staatsoper auf die Bühne. Leider war die Choreografie „Novum Synergy“ von Jed O’Grady Weiss keine gute Wahl, schon gar nicht für den Abschluss der Aufführung. Die jungen TänzerInnen schienen in ihren hautfarbenen Kostümen auf einer Art von New Age Sinnsuche zu sein. Dem Stück fehlt ein klarer Aufbau ebenso wie eine stringente Entwicklung. Die Bewegungen spulen sich ebenso ereignislos ab wie die eintönige Musikcollage (vorwiegend aus  Kompositionen von Ezio Bosso).

Das Publikum beendete den Vormittag mit höflichem Klatschen, das bereits verebbte, bevor sich alle SchülerInnen und LehrerInnen der Ballettakademie verbeugen konnten. Das führte zu einer etwas peinlichen Applaus-Verlängerung, bis auch die künstlerischen Leiter Simona Noja und Manuel Legris auf die Bühne kamen.

Übrigens, dass der Funke zum Publikum nicht wirklich übersprang, lag – vor allem bei den ersten beiden Darbietungen – an der eklatant schlechten Tonqualität. Da krächte und kratzte es aus den Lautsprechern wie zu Grammophons besten Zeiten und die Tonschnitte, besonders in der Walzercollage, waren teilweise abenteuerlich.

Die Stil- und Lieblosigkeit der Inszenierung wird jedenfalls den beachtlichen Leistungen der jungen TänzerInnen, die alle ihr Bestes geben, keineswegs gerecht. Vielmehr stellt sie aber das pädagogische Konzept dieser Ballettausbildung, die schließlich auch für ästhetische Bildung stehen sollte, in Frage. Denn offensichtlich vertritt die Wiener Ballettakademie eine Auffassung von Tanz, die noch nicht im Heute angekommen ist.

In der nächsten Saison wird die Matinee im Haus am Ring bereits am 22. Dezember stattfinden – zusammen mit der Opernschule der Wiener Staatsoper. Die Saison-Abschlussmatinee wird durch einen Abend im MuTh ersetzt.

Matinee der Ballettakademie der Wiener Staatsoper am 24. Juni 2014 an der Wiener Staatsoper.