kreation-lukacsMit einem gemischten Tanzabend will Manuel Legris die Vergangenheit beleben und der Gegenwart huldigen. Die Mischung ist nicht geglückt. Andrey Kaydanovskiy, András Lukács, Vesna Orlic und Eno Peçi hatten es schwer, ihre neuen Tanzkreationen in der Abfolge scheinbar wahllos aneinander gereihter Appetithappen aus der klassischen Tanzküche zu platzieren.

Der erste Stolperstein an diesem nicht gerade beglückenden Abend ist schon der gewählte Titel. Was im Französischen (Legris’ Muttersprache) so elegant klingt – Creation et Tradition – wirkt im Deutschen nur holprig und verkrampft. Und gleich taucht die Frage auf: Welche Tradition ist denn da gemeint? Offensichtlich nicht die des Wiener Balletts. Denn dann würde doch der Abend nicht mit dem langweiligen Sowjet-Ballett (Uraufführung 1939) „Laurencia“ eröffnen. Ein Stück, das in Wien nur ein einziges Mal, bei dem Gastspiel des Kirow-Balletts 1959 anlässlich der VII. kommunistischen Weltjugendfestspiele im Raimundtheater gezeigt worden. Manuel Legris hat einen Ausschnitt in die „Nurejew Gala 2012“ eingebaut, der keineswegs Neugier auf mehr gemacht hat. Auch wenn Denys Cherevychko wieder Mal gezeigt hat, welch exzellenter, sprungkräftiger Tänzer er ist, ist diese „Laurencia“ kein Glanzstück der Ballettgeschichte und darf mit allen Ehren ins Archiv gelegt werden.

Lob für alle Tänzerinnen und Tänzer. Die Tänzerinnen und Tänzer des Staatsballetts haben keine Wahl, sie tanzen, was auf dem Programm steht und das immer mit vollem Einsatz und verblüffender Energie. Zum Beispiel Irina Tsymbal. In ihre biegsamen, schwebenden Leichtigkeit zu sehen, ist immer ein Genuss. Ob als Sylphide oder Willis im 2. Akt „Giselle“, aus dem sie mit Robert Gabdullin den Pas de deux getanzt hat, die Erste Solotänzerin verzaubert immer von Neuem durch ihre biegsame, schwebende Leichtigkeit und die entrückte Aura, die sie den geisterhaften Wesen des romantischen Balletts zu verleihen weiß. Doch als Appetitanreger für die etwas fade gemischte Platte, ist der Ausschnitt eigentlich zu schade. Eine Gala, mit allerhand Effektstückerln wird doch ohnehin zu Saisonabschluss serviert, von Direktor Legris seinem Idol Rudolf Nurejew geweiht (heuer am 29. Juni ab 18 Uhr). Noch so ein Programm in Überlänge ist nicht nötig. Dennoch gibt es noch einen Lichtblick zu vermerken: Den schönsten Walzer drehten und flogen virtuos und beschwingt Maria Yakovleva und Kirill Kourlaev in der bekannten Gala-Nummer „Moszkowski-Walzer“ von Wassili Wainonen.

Vier Uraufführungen. Den Abend gerechtfertigt haben jedoch die vier Uraufführungen von Vesna Orlic, András Lukács, Andrey Kaydanovskiy und Eno Peçi. Haben die beiden Erstgenannten bereits mit „Carmina Burana“ (Orlic) und „Bolero“ (Lukács) für das Staatsballett in der Volksoper choreografiert, so arbeiteten die Tänzer Kaydanovskiy und Peçi zum ersten Mal Haus am Währinger Gürtel. Wie erwartet zeigt Vesna Orlic eine angenehme recht effektvolle Show, die ein wenig an das Fernsehballett des vergangenen Jahrhunderts erinnert. Für „Out of Tango“ hat der Komponist und Soloklarinettist der Volksoper Helmut Hödl die Musik komponiert, zu der Orlic die Tänzerinnen in Spitzenschuhen tanzen lässt. Mihail Sosnovschi und Rebecca Horner machen als Solopaar die dem Tango zugeschriebenen Emotionen sichtbar. Die beiden scheinen jedoch die einzigen zu sein, die genau wissen, was sie tun (und wer sie sind). kreation kayda

András Lukács entspricht in seiner Arbeit ganz dem Titel des Abends, in dem er die Tradition, das Adagio aus dem 2. Akt „Schwanensee“, zum Ausgangspunkt für seine Kreation nimmt. In der Ersten Solotänzerin Olga Esina hat er eine unnachahmlich virtuose Interpretin gefunden, die mit ihrem Partner Roman Lazik seine Intention perfekt ausführt. Mit „The White Pas De Deux“ ist Lukács eine schöne Arbeit gelungen. In der Reihe der kleinen Werke, die er bereits mit dem Ballett der Wiener Staatsoper gezeigt hat, sicher sein bestes.

Schwer hat es sich Andrey Kaydanovskiy gemacht, der das abstrakte Thema „Zeitverschwendung“ gewählt hat. Zur Ergänzung und vielleicht auch zum Verständnis den einzelnen Szenen hat er von Georg Gatnar geschriebene Kabarett-Texte vorangestellt. Kaydanovskiy, der in einer früheren Arbeit (in der Reihe „Junge Choreografen des Wiener Staatsballetts “ im Odeon, wo auch Eno Peçi 2012 vertreten war) gezeigt, dass er Fantasie, Intelligenz und auch Witz hat. Diesmal nahm er die Sache möglicherweise allzu ernst, der Funke wollte nicht überspringen. Die eindrucksvollen (meist düsteren) Bilder und die Solistin Zuzana Kvassayova konnten nicht verhindern, dass sich das spröde Thema schwer vermitteln lässt und ich mehr damit beschäftigt war, den roten Faden zu suchen, als der zwar ansprechenden doch etwas einförmigen Tanzsprache zu folgen.

Wären die vier Arbeiten in einen Wettbewerb getreten, so hätte „Herzblume“ von Eno Peçi den Preis errungen. Eine durchdachte, reife Arbeit seiner (als Tänzer) eigenen Tanzsprache, mit der der Solotänzer eindringlich vermitteln konnte, worum es ihm geht. Mit Bedacht hat er sich seine TänzerInnen ausgewählt und keine Enttäuschung erlebt: Alice Firenze, Dagmar Kronberger, Erika Kovácová, Suzanne Kertész, Mihail Sosnovschi, Masayu Kimoto, Davide Dato und Greig Matthews haben genau verstanden, was ihr Kollege ausdrücken wollte. Peçi weiß auch vier Paare zu bewegen und zu einer Einheit zu verschmelzen. In den berührenden Pas de deux, zeigten sich die Paare als Individuen, die jedes für sich den Trennungsschmerz anders fühlen und ausdrücken. „Herzblume“ (gemeint ist die Zierpflanze mit der charakteristischen Blütenform) ist eine bestechend präzise Arbeit, die es durchaus wert ist, ins Repertoire übernommen zu werden. Schade nur, dass der Abend nahezu drei Stunden dauert und das Publikum nach dem ersten Teil (nur Lukács’ Choreografie war als Anhängsel vor der Pause an der Reihe) schon recht ermüdet war.

„Kreation und Tradition“, ein Abend mit dem Wiener Staatsballett in der Volksoper. Premiere am 27. April 2013. Weitere Vorstellungen: 3., 7., 28. Mai 2013