arlesienneEin Fest der Sinne war dieser Premierenabend an der Wiener Staatsoper mit „Suite en blanc“ von Serge Lifar, „Before Nightfall“ von Nils Christe sowie „L’Arlésienne“ von Roland Petit am Ende dieser kontrastreichen „Meisterwerke des 20. Jahrhunderts“. Der Star des Abends heißt Kirill Kourlaev, der für seine meisterliche Leistung als Frédéri nach dieser Vorstellung mit der Beförderung in den Rang des Ersten Solisten belohnt wurde.

In der Rolle des Frédéri in „L’Arlésienne“ ist die Pathologie einer amour fou verkörpert.  Während seiner Hochzeit erscheint dem Bräutigam die Vision seiner verlorenen Liebe, dem Mädchen von Arles. Auf der einen Seite stehen die mit verspielten Schrittkombinationen über die Bühne trippelnde Braut Vivette (wunderbar: Maria Yakovleva) und die aufgeräumten Freunde, die gekommen sind, um mit folkloristisch getönten Tänzen das Fest zu feiern. Auf der anderen Seite erliegt der Bräutigam in zunehmendem Maße seinen Wahnvorstellungen. Kirill Kourlaev schaffte es die Aufmerksamkeit ganz auf den seelischen Konflikt zu lenken. In den Pas de deux mit der um das Wohl ihres Verlobten werbende Vivette vermeidet er durchgehend den Blickkontakt, als tanze er das Duett nicht mit seiner Braut, sondern mit dem Phantom seiner Fantasie. In seinem Solo schwankt er zwischen Verzweiflung und Leichtigkeit und findet schließlich den Ausweg im Freitod. Großartig und berührend!

suiteenblancHat Roland Petit „L’Arlésienne“ 1974 choreografiert, schuf Serge Lifar seine „Suite en blanc“ zur Musik von Edouard Lalo bereits 1943. In der Zeit der deutschen Besatzung kreierte er eine neoklassizistische Hymne für das Pariser Ballett, das die technische Exzellenz des Ensembles vorführen sollte: Eine Hommage an das traditionelle, klassische Ballett mit französischer Note, in der Solo-, Duo-, Trio- und Ensemblevariationen einander abwechseln – umrahmt von einem Tableau am Anfang und Ende. Nun kann auch das Wiener Staatsballett diese Visitenkarte der Ballettkunst stolz präsentieren. Unter der Leitung von Claude Bessy und Ballettchef Manuel Legris haben die Tänzerinnen und Tänzer die Variationen mit äußester Präzision und engagiertem Verve einstudiert, mit den Höhepunkten „La Cigarette“ der strahlend-perfekten Olga Esina, dem Pas de deux „Adage“ mit Irina Tsymbal und Roman Lazik, sowie dem Pas de cinq mit der bestechenden Herrenformation bestehend aus Davide Dato, Maxime Quiroga, Richard Szabó und Dumitru Taran, die mit ihrem Feuerwerk an Entrechats der Ballerina (Kiyoka Hashimoto) die Show stahlen.  

befnightfallDas choreografische Highlight des Abends war jedoch „Before Nightfall“. Nils Christe übersetzt darin die Energie, aber auch die beklemmende Stimmung von Bohuslav Martinus Doppelkonzert für zwei Streichorchester, Klavier und Pauken in eine fließende Tanzsprache. In ihrem hinreißend getanzten Pas de deux schaffen es Nina Poláková und Roman Lazik besonders gut, die Eleganz der Bewegung mit emotionalem Gehalt aufzuladen. Dieses empathische Zusammenspiel der Partner muss sich bei den anderen beiden Hauptpaaren, Ketevan Papava und Eno Peci sowie Liudmila Konovalova und Mihail Sosnovshi, noch einstellen.

Die „Meisterwerke“ endeten mit Publikumsjubel, der den TänzerInnen und MusikerInnen unter der Stabführung von Markus Lehtinen  gleichermaßen gebührte.

„Meisterwerke des 20. Jahrhunderts“ am 12. Februar 2012 an der Wiener Staatsoper

Weitere Vorstellungen mit alternativen Besetzungen am 13., 19., 20., 23. Februar und 3. März 2012