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faunSadler’s Wells, das traditionsreiche Theater und größte Tanzhaus Londons, hat die schillerndsten Vertreter der zeitgenössischen Tanzszene als associate artists oder in Residenzen an sich gebunden. Mit fünf Arbeiten einiger seiner Starchoreografen war es zu Gast im Festspielhaus St. Pölten, das nunmehr als österreichischen Partnerinstitution fungiert.

Die spannende Assoziation ist mit Sidi Larbi Cherkaoui als „Artist in Residence“ bereits voll im Gange. In dieser Saison gastieren darüber hinaus Wayne McGregor, Jasmin Vardimon und Russel Maliphant aus dem Sadler’s Wells Dunstkreis in Niederösterreich. Auch für die Saison 2011/2012 sind weitere gemeinsame Projekte der beiden Häuser in Planung.

In der „Langen Nacht des Tanzes“ waren mit Maliphant, Cherkaoui, mit Hofesh Shechter und Gregory Maqoma vier sehr unterschiedlich choreografische Idiome zu sehen, die aber eine Gemeinsamkeit hatten: Es geht um den Tanz, um die Erforschung von Bewegung und selten habe ich in den letzten Jahren derartig viele und vielfältige „Bewegungserfindungen“ gesehen wie an diesem Abend. Russel Maliphant etwa lotet in „AfterLight Part One“ die Drehbewegung zu Erik Saties „Gnossiennes“ aus. Der Tänzer Daniel Proietto erweitert seinen Bewegungsradius in einer Spirale, steigert das Tempo und zieht das Publikum in seinen kreisenden Bann. Die Lichtregie von Michael Hulls übernimmt das Drehmoment und verstärkt den magischen Sog. Das von Zeichnungen von Vaslav Nijinski inspirierte Stück ist am 8. April 2011 in voller Länge und mit drei Tänzern im Festspielhaus St. Pölten zu sehen. Not to miss!

An Nijinski erinnerte auch Sidi Larbi Cherkaoui mit „Faun“, einer Neuinterpretation von „L’Après-midi d’un faune“. (Beide Stücke sind übrigens zum hundertsten Geburtstag der Ballets Russes 2009 vom Sadler’s Wells Theatre für den Abend „In the Spirit of Diaghilev“ in Auftrag gegeben worden.) Cherkaoui behält den Manierismus des Faun bei, die animalischen Bewegungen entsprechen dem Mythos des Zwitterwesens des Fauns, ein Hybrid aus Mensch und Tier. Wenn bei Nijinski der Faun noch einer unerfüllten Liebe zur Nymphe nachhängt, so leben die beiden bei Cherkaoui ihre gegenseitige Attraktion in naiv-spielerischer Unschuld aus. Debussys romantische Musik wird mit den erdigen Kompositionen von Nitin Sawhney gemixt, die einsetzen, wenn sich Faun und Nymphe vereinigen. Die beiden TänzerInnen, James O’Hara und Daisy Phillips, sind von außerirdischer Biegsamkeit und feiern ihre Begegnung in einem ekstatischen Pas de deux, während im Herbstwald im Bühnenhintergrund die Irrlichter tanzen (Licht: Adam Carrée).

Das dritte Stück des Abends ist wiederum von irdischer Dynamik: „Uprising“ des israelisch-britischen Choreografen Hofesh Shechter. Das Testosteron-gefüllte Stück mit sieben, jungen Männern, die auf der Suche nach dem gemeinsamen Ziel (was immer das sein soll) immer wieder den Gemeinschaftsgeist über den gegenseitigen Animositäten vergessen, changiert zwischen Zärtlichkeit und Gewalt, Gerangel und Verbrüderung, Angriff und Konsolidierung. (Eine Besprechung aus dem Jahr 2008 ist hier zu finden.) Das Publikum wird in diese Aktionen förmlich hineingesogen,  besonders in den Momenten, in denen das Scheinwerferlicht in Richtung Zuschauerraum leuchtet (Licht: Lee Curran).

Und so verließ ein euphorisiertes Publikum den Großen Saal und den ersten Teil der „langen Nacht des Tanzes“. Viele wollten auch die anschließende Performance in der Box sehen, doch die hat bekanntlich nur einen Bruchteil der Kapazität des Hauptsaales. Die, die es geschafft hatten ein Ticket zu ergattern, hatten Glück, denn diese beiden „Kammertänze“, die unter dem Titel „Southern Bound Comfort“ gezeigt wurden waren formal gegensätzlich und doch thematisch miteinander verbunden.

Gregory Maqoma und Shanell Winlock waren die hinreißenden TänzerInnen in beiden Stücken, zu denen Stefan Knapik, Soumik Datta und Manjunath B.  Chandramouli live den rhythmischen Ethnosound lieferten.

Der südafrikanische Choreograf und Tänzer Maqoma hat für die beiden einen Comedy-Tanz kreiert, der erst am Ende eine düstere Wendung erhält. Winlock spielt in „Southern Comfort“ eine herrische Choreografin. Maqoma ist ihr Tänzer – „soft and black“, wie er eingangs fröhlich verkündet. Winlock gebietet ihm Einhalt und wird in der Folge mit ihm und den Musikern unwirsch und respektlos umspringen. Wie sie sich ängstlich dem Kommando der kleinen Frau unterwerfen, ist witzig und pointiert. Lautes Gelächter im Saal. Doch dann reißt dem Tänzer der Geduldfaden, er stürzt sich auf die Frau und würgt sie in besinnungsloser Wut. Im letzten Moment hält er inne. Am Ende bleibt sie allein auf der Bühne und fährt – immerhin leicht verunsichert - mit ihren choreografischen Anweisungen fort – doch die Musiker und der Tänzer haben sich längst aus dem Staub gemacht. Das Stück ist eine Parabel auf zwischenmenschliche Beziehungen, evoziert aber ebenso die jüngste Geschichte Südafrikas zu Zeiten der Apartheid.

Sidi Larbi Cherkaoui hat für die beiden TänzerInnen mit „Bound“ eine Beziehungsallegorie choreografiert. Seile symbolisieren die Verbindungen zwischen dem Paar, werden zu Babies und Kindern, den Wunschvorstellungen des Paares geformt, sind Fesseln, die die beiden aneinander ketten und  Spielzeug, mit den sie sich von der Schwere befreien. Ein nachdenklich stimmendes Stück zum Ausklang eines großartigen Abends.

Ein Theatererlebnis, das nicht nur auf der Höhe der Zeit ist, sondern auch in jene emotionalen Zustände vordringt, die der Tanz so plausibel vermitteln kann, ohne dass er eine Geschichte erzählen muss.

Sadler's Wells presents, 20, November 2010 im Festspielhaus St. Pölten

Nächste Termine:

Sidi Larbi Cherkaoui: „Play“, 29. Jänner 2011
Wayne McGregor: „Far“, 19. Februar 2011
Jasmin Vardimon: „7734“, 26. Februar 2011
Russel Maliphant: „AfterLight“, 8. April 2011

www.festspielhaus.at