Energy Pure |
Hofesh Shechter: der Trendsetter verkörpert mit seiner origineller Bewegungssprache eindringlich die Themen unserer Zeit |
DeGeneration, Posthof Linz, 01.04.2008. |
Wow! Schon lange nicht mehr derart energiegeladenen Tanz gesehen wie von Hofesh Shechter, der seine TänzerInnen ebenso in Atem hält wie das Publikum. Hier ist offensichtlich ein Besessener am Werk, ein riesiges Talent, denn er versteht es auch, seine originellen Bewegungsexplosionen in dramaturgisch kluge Stücke zu packen. Seine Tanzsprache erscheint roh und ungeschliffen, und ist trotzdem elegant und überaus attraktiv. Wenn sich der Körper in schmerzlichen Verrenkungen windet oder die Gruppe zu Dancefloor Moves ansetzt, hat das bei Shechter einen Grund - denn Grundtenor seiner Stücke ist der Konflikt, die Unmöglichkeit (?) des friedlichen Zusammenlebens. Die drei bei den Tanztagen Linz gezeigten Choreografien unter dem Übertitel deGeneration sind Soziogramme der Gewalt und der ungleich schwieriger zu bewältigenden Zärtlichkeit, Themen, die sich im Laufe des Abends immer mehr verdichten und steigern. Im Eröffnungsstück Cult, das Shechter bekannt machte, wird das Publikum vor allem mit seiner Tanzsprache vertraut - dynamisch, schnell und virtuos, direkt, ohne Schnörksel und Manierismen mit viel Bodenarbeit - die besockten Füße und die Kostüme aus weichem Material geben den Bewegungen eine extra Portion Schwung, sei es, dass die (großartigen!) TänzerInnen auf dem Boden robben und sich von dort in Blitzesschnelle in den Stand katapultieren oder in rasenden Sequenzen über die Bühne wirbeln. Aber dann auch immer wieder Momente von Ruhe und Erholung, etwa wenn die TänzerInnen schwer atmend auf der Bühne stehen, bevor der nächste Einsatz kommt. Im Duett Fragments können Mann und Frau nicht zueinander finden, da er vor ihrer Berührung zurückschreckt. Es sind ergreifend-bittere Momente, wenn er immer wieder in sich zurück- und von ihr wegfällt, als ob eine unbekannte Kraft ihn wegziehen würde. Am Ende nimmt sie jedoch das Heft in die Hand und gibt zum Monty-Python-Song Always Look on the Bright Side of Life in sicherem Abstand von ihm den Rhythmus vor. Hoffnung auf ein Happy End? So düster Shechters Portraits der verfehlten Verständigung auch sein mögen, am Ende siegt ein ironischer Optimismus. In Uprising scheint nach einer Reihe von Rangeleien und kraftvollen, virilen Szenen bei den sieben Männern so etwas wie Verständnis füreinander aufkeimen - in trauter Zweisamkeit. Doch kaum versammelt sich die Gruppe zu kameradschaftlichem Schulterklopfen, geht die Rauferei schon wieder los. So realistisch diese Kampfszenen erscheinen, so raffiniert sind sie doch choreografiert. Denn der Übergang von rauem Gerangel zum Tanz ist fließend, unaufdringlich. Am Ende gelingt ihnen gemeinsam die Revolution: mit Glanz, Glorie und Pathos wird die Barrikade genommen, auch wenn die Fahne lediglich ein arg zerfledderter, roter Fetzen ist.
Der Werkkatalog von Hofesh Shechter ist noch kurz, begann der aus Israel stammende und in London lebende Choreograf und Musiker (er zeichnet auch bei den meisten seiner Stücke für den Sound verantwortlich) doch erst vor einigen Jahren Tänze zu machen. Bereits seine erste Arbeiten schlugen bei Publikum und Veranstaltern dermaßen ein, dass die drei größten Tanzvenues Londons, The Place, Sadlers' Wells und das South Bank Centre, letztes Jahr in einer einzigartigen Zusammenarbeit beschlossen, Hofesh Shechter eine größere Arbeit zu ermöglichen - der junge Mann enttäuscht seine Förderer nicht. Er ist auf dem besten Weg, der neue Trendsetter im zeitgenössischen Tanz zu werden, mit einer Bewegungssprache und choreografischen Themen, die (nicht nur) seine Generation betreffen. Freilich, der Erfolg gilt auch den großartigen TänzerInnen seiner Compagnie, die das gesamte Tanzspektrum von Modern Dance bis zum HipHop verkörpern können. Äußerst Spannend!
P.S.: Die Tanztage Linz laufen noch bis Ende April: www. Posthof.at
|
Edith Wolf Perez |
Online am: 03.04.2008, © www.tanz.at |