forsytheMit einer „Attacke“ wollte Manuel Legris seine Direktion beim Wiener Staatsballett beginnen. Seine erste Visitenkarte an das Wiener Publikum sollte „etwas Glanzvolles“ sein. Nun, er hat sein Vorhaben überzeugend eingelöst, seine TänzerInnen zu Höchstleistungen angespornt und die ZuseherInnen zu Begeisterungsstürmen verführt.

Es war mutig, das Ensemble an der Wiener Staatsoper für die erste Premiere mit einem technisch anspruchsvollen Programm herauszufordern. Balanchine, Tharp und Forsythe sind wohl die „State of the Art“-Choreografen, wenn man eine Compagnie auf ihre Qualität prüfen will. Für TänzerInnen und Publikum gab es ein Erwachen aus dem Dornröschenschlaf. Die ausgezeichneten SolistInnen konnten endlich brillieren und das Corps machte dabei genauso motiviert mit. Der glanzvolle Abend stellte die TänzerInnen in ein neues Licht, unterstützt vom ebenso inspiriert agierenden Orchester unter der Leitung von Christoph Eberle.

Zum Beispiel Olga Esina in Balanchines „Thema und Variationen“, die erstmals, seitdem ich sie kenne, Seele zeigte – und das ist kein Widerspruch zu Balanchine. Die Werke des Petipa-Nachfolgers, der den akademischen Tanz in seiner reinsten, abstrakten Form vertrat, sind längst selbst zu Klassikern geworden. Eine virtuose Ausführung ohne Esprit wird dieser Formensprache nicht gerecht. Daher bringt auch der verspielte Flirt in den Pas de deux von Maria Yakovleva und Mihail Sosnovshi die kapriziösen „Rubies“ so richtig zum Glänzen. In diesem Stück, das übrigens erstmals an der Wiener Staatsoper* getanzt wurde, brillierte Ketevan Papava in der dritten Solorolle.

Die beiden Balanchine-Stücke sind so differenziert einstudiert, dass sie die jeweilige choreografische Absicht deutlich machen: das rasend Schnelle und trotzdem zeremoniell Getragene in „Thema und Variationen“ (Uraufführung 1947) zu Tschaikowskis Orchestersuite Nr. 3 wurde durch das Paar Olga Esina und Vladimir Shishov mit edler Zurückhaltung unterstrichen. Die Kostüme in Gelb-, Orange- und Pinktöne, Ende der 90er Jahre von Modeschöpfer Christian Lacroix für das Wiener Staatsopernballett kreiert, betonen in ihrer klassischen Formgebung -  opulente Tutus für die Damen, Wamse und Trikots für die Herren - die Ballettlinien.

Zu Strawinskis drängendem Cappricio für Klavier (bravourös gespielt von Igor Zapravdin) und Orchester und in den rubinroten Kostümen von Karinska explodieren die „Rubies“(1967) in einer viel ausgelassener wirkenden Tanzsprache.

Schwieriger gestaltete sich für das Ensemble die Choreografie von Twyla Tharp „Variationen über ein Thema von Haydn“ (zur gleichnamigen Musik von Johannes Brahms) aus dem Jahr 2000. Das Stück flirrt in ununterbrochenen Gruppen- und Duokonstellationen über die Bühne. Es ist wohl das klassischste Stück der vielseitigen Choreografin, das jedoch in der Raumgestaltung dem dezentralisierten, postmodernen Duktus folgt. In dem unaufhaltsamen Strom von Bewegungen ist kein klarer Fokus auszumachen und die diffuse Stimmung wird durch die Lichtregie von Jennifer Tipton unterstützt.

William Forsythes „The Vertiginous Thrill of Exactitude“ für drei Tänzerinnen und zwei Tänzer ist eine Herausforderung der besonderen Art. Jede Note im 4. Satz von Schuberts Symphonie in C-Dur entspricht einer Bewegung - und die Musik kommt im Turbo-Tempo aus dem Orchestergraben. Stephen Galloway hat die Tänzerinnen mit grünen scharfkantigen Tellerröcken und die Tänzer mit lila Trikots, beide mit freiem Rückendekolletees, ausgestattet. Die Damen, Liudmila Konovalova, Franziska Wallner-Hollinek, Kiyoka Hashimoto schlagen sich dabei wacker. Die Herren, der Corps-Tänzer (!) Masayu Kimoto und Solist Denys Cherevychko scheinen bei dieser Choreografie so richtig in ihrem Element – großartig!

Auch wenn es an diesem Abend noch die eine oder andere Unsicherheiten und Ungenauigkeiten gab, kleine Patzer passierten, so ändert das nichts am Gesamteindruck des Abends: Das Wiener Staatsballett präsentierte sich bei dieser fordernden Premiere als ambitionierte Truppe, die alle Erwartungen übertroffen hat. Mehr geht nicht.

Wiener Staatsballett: Juwelen der Neuen Welt, Wiener Staatsoper am 24. Oktober 2010

Weiter Vorstellungen: 26. Oktober, 1., 5., 7., 10., 13., 18. und 21. November

Besetzung und Karten: www.wiener-staatsoper.at

* PS: Dank einer Leserin eine Richtigstellung: "'Rubies' wurde vor einigen Jahren anläßlich eines Gastspiels der Pariser Opéra im Rahmen von IMPULS TANZ mehrmals an der Wiener Staatsoper gezeigt, Manuel Legris tanzte den Solopart unglaublich virtuos,seine Partnerin war Aurélie Dupond."
Neu ist das Stück allerdings im Repertoire des Balletts der Wiener Staatsoper, dem nunmehrigen Wiener Staatsballett.