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Schaepfer iconIch treffe Martin Schläpfer in Düsseldorf im neuen Balletthaus der Deutschen Oper am Rhein. Einige Wochen vor der Premiere der „Ulenspiegeltänze“ bekomme ich während der Proben Gelegenheit, ihn bei der Arbeit mit seinem Ballettensemble in Aktion zu erleben. „Ich denke als Tänzer. Ich weiß noch wie es sich anfühlt“, wird er mir später im Interview mitteilen.

Martin Schläpfer kauert auf einem mit beweglichen Rollen ausgestatteten Holzschemel und verfolgt aufmerksam und konzentriert die Bewegungen der Tänzer. Lang hält es ihn nicht auf seinem Beobachtungsposten. Schon springt er auf und ist mitten unter seinen Tänzern, greift unterstützend ein, korrigiert mit dezenten Gesten. Dabei begegnet er ihnen auf Augenhöhe, inszeniert sich nicht, ist ganz und gar Tänzer mit Leib, Seele und Herzblut.

„Ulenspiegeltänze“

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"Ulenspiegeltänze" mit Tamoaki Nakanome,
Wun Sze Chan, Eleanor Freeman, Boris Randzio,
Ann-Kathrin Adam, Cassie Martin, Chidozie Nzerem
© Ingo Schäfer www.ingoschaeferphotography.de

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Daniel Vizcayo © Ingo Schäfer www.ingoschaeferphotography.de

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Cassie Martin © Ingo Schäfer www.ingoschaeferphotography.de

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Alexandra Inculet und Rubén Cabaleiro Campo © Ingo Schäfer www.ingoschaeferphotography.de

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Doris Becker und Brice Asnar © Ingo Schäfer www.ingoschaeferphotography.de

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Rubén Cabaleiro Campo, Alexandra Inculet, Brice Asnar und Doris Becker © Ingo Schäfer www.ingoschaeferphotography.de

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Daniel Smith, Eric White, Rubén Cabaleiro Campo, Alexandra Inculet, Orazio di Bella und Vincent Hoffman © Ingo Schäfer www.ingoschaeferphotography.de

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Vincent Hoffman und Orazio di Bella © Ingo Schäfer www.ingoschaeferphotography.de

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Cassie Martin © Ingo Schäfer www.ingoschaeferphotography.de

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Feline van Dijken © Ingo Schäfer www.ingoschaeferphotography.de

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Feline van Dijken und Daniel Vizcayo © Ingo Schäfer www.ingoschaeferphotography.de

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Brice Asnar © Ingo Schäfer www.ingoschaeferphotography.de

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Pedro Maricato, So-Yeon Kim, Orazio di Bella und Eric White © Ingo Schäfer www.ingoschaeferphotography.de

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Sonny Locsin und So-Yeon Kim © Ingo Schäfer www.ingoschaeferphotography.de

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Till Eulenspiegel - legendäre Märchenfigur oder historische Person? Die Geschichten des anarchischen, unangepassten Till Eulenspiegel waren bereits im 16. Jahrhundert ein Bestseller und wurden bis heute in mehr als 280 Sprachen übersetzt. Der Überlieferung nach wurde Dyl Ulenspiegel im Jahre 1300 in Kneitlingen am Elm geboren. Es heißt, dass Dyl Ulenspiegel im Jahre 1350 in Mölln, im Südosten Schleswig-Holsteins, begraben wurde. Ein Gedenkstein am Westportal der Kirche St. Nikolai zeigt ihn mit einer Eule und der Inschrift „Disen Stein sol nieman erhaben. Hie stat (steht) Ulenspiegel begraben. Anno domini MCCCL (1350) jar.“Till Eulenspiegel - legendäre Märchenfigur oder historische Person? Die Geschichten des anarchischen, unangepassten Till Eulenspiegel waren bereits im 16. Jahrhundert ein Bestseller und wurden bis heute in mehr als 280 Sprachen übersetzt. Der Überlieferung nach wurde Dyl Ulenspiegel im Jahre 1300 in Kneitlingen am Elm geboren. Es heißt, dass Dyl Ulenspiegel im Jahre 1350 in Mölln, im Südosten Schleswig-Holsteins, begraben wurde. Ein Gedenkstein am Westportal der Kirche St. Nikolai zeigt ihn mit einer Eule und der Inschrift „Disen Stein sol nieman erhaben. Hie stat (steht) Ulenspiegel begraben. Anno domini MCCCL (1350) jar.“Nach der Überlieferung wurde er stehend begraben, als der Sarg den Totengräbern entglitt und senkrecht in die Grube stürzte.

Inspiriert von Daniel Kehlmanns Roman „Tyll“ und der 7. Sinfonie in cis-Moll op.131 kreiert Martin Schläpfer sein neues Ballett, die „Ulenspiegeltänze“. Die glückliche Verbindung die Prokofjews ebenso melancholisches wie augenzwinkernd heiteres Spätwerk mit der ganz eigenen, innovativen Formensprache Martin Schläpfers eingeht, macht die „Ulenspiegeltänze“ zu einem ganz besonderen Balletterlebnis.

Die musikalische Vorgeschichte: Am 5. März 1953 stirbt in seiner Datscha vor den Toren Moskaus der Georgier Josef Wissarionowitsch Dschugaschwilli, bekannt unter dem Namen Stalin, an den Folgen einer Hirnblutung. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit erliegt eine Stunde zuvor, am Abend desselben Tages, ebenfalls einer Hirnblutung der Komponist Sergei Prokofjew. Die Zufälligkeit dieser Ereignisse ist nicht ganz ohne Ironie, standen der Diktator und der Starkomponist doch auf eine bizarre Weise miteinander in Verbindung. Stalin war zugleich Bewunderer als auch Peiniger des auf tragische Weise in die politischen Abgründe des stalinistischen Russlands verstrickten musikalischen Genies. Er verehrte und attackierte die Musik des gefeierten Komponisten, der nach seiner Rückkehr in die Sowjetunion einige seiner größten Werke schuf.

Prokofjews letzte Jahre sind von Angst vor politischer Willkür, finanziellen Nöten und Krankheit geprägt. Im Jahre 1951 beginnt er die Arbeit an seiner siebenten und letzten Sinfonie. Die Uraufführung erlebt Sergej Prokofjew noch wenige Monate vor seinem Tod am 11. Oktober 1952 in Moskau.

Ulenspiegel 5 hochSergej Prokofjews 7. Sinfonie in cis-Moll op.131 führt gegenüber der, unter dem Beinamen „Klassische“ bekannten, 1. und der klanglich mächtigen 5. Sinfonie im Konzertbetrieb ein vergleichsweise stiefmütterliches Dasein. Zu Unrecht, bekennt Martin Schläpfer auf die Frage, wie er denn auf die Musik zu den Ulenspiegeltänzen gekommen ist.

„Es ist die Sinfonie, die mich am meisten angesprochen hat von allen. Es heißt, dass sie nicht bedeutend ist oder schon schwächelt, mir geht es völlig anders. Sie hat einen Zynismus, aber auch eine Ironie, eine Virtuosität und gleichzeitig hat es Klanglandschaften die fast an den französischen Impressionismus heranreichen. Sie hat etwas Filmisches.“

„Prokofiev hat ja unter Stalin geschrieben, auch wenn er ganz anders reagiert hat als Andere. Diese indirekte Rebellion, dieses indirekt auch damit Nicht-Einverstanden-Sein ist immer präsent. Insofern hat es unter dieser großartigen Oberfläche seiner Musik eben auch diesen dunklen Untergrund und diese vielfältigen Gletscherspalten.“

„Einen Bogen um Prokofiev habe ich vielleicht lange geschlagen wegen „Romeo und Julia“. Ich habe das selber häufig getanzt, es ist eine großartige Partitur für Tanz. Ich habe immer gesagt, ich mach nie ein „Romeo und Julia“-Ballett weil ich diesen Umgang zwischen Mann und Frau nicht mehr toll finde. […] Aber irgendwie habe ich eine Prokofiev Phase und habe ihn kennengelernt. […] Das kam einfach irgendwann. Vielleicht auch weil ich jetzt 59 bin und nicht immer mit dem Kopf gegen die Wand muss was zeitgenössische Musik angeht.“„Einen Bogen um Prokofiev habe ich vielleicht lange geschlagen wegen „Romeo und Julia“. Ich habe das selber häufig getanzt, es ist eine großartige Partitur für Tanz. Ich habe immer gesagt, ich mach nie ein „Romeo und Julia“-Ballett weil ich diesen Umgang zwischen Mann und Frau nicht mehr toll finde. […] Aber irgendwie habe ich eine Prokofiev Phase und habe ihn kennengelernt. […] Das kam einfach irgendwann. Vielleicht auch weil ich jetzt 59 bin und nicht immer mit dem Kopf gegen die Wand muss was zeitgenössische Musik angeht.“

Der als begnadeter Melodiker bekannte Prokofiev hatte die 7. Sinfonie ursprünglich für Jugendorchester geplant. Es mag zum Teil die instrumentale Transparenz und harmonisch vergleichsweise einfache Struktur dieser letzten Sinfonie erklären. Es ist aber vor allem der nostalgische, lyrische Prokofjew der zurückhaltenden, leiseren Töne, der sich hier zeigt. Ein Komponist, der nicht mehr musikalisch auftrumpfen muss. Themen von spielerischer Leichtigkeit wechseln sich ab mit groß angelegten, sehnsuchtsvoll melancholischen Melodiebögen. Der balletthaft tänzerische Gestus dieser letzten Sinfonie prädestiniert das Werk geradezu für die Umsetzung in ein Ballett.Martin Schläpfer spürt nicht nur außerordentlich feinfühlig den Klängen der 7. Sinfonie nach und setzt sie in seiner Choreografie um, er erweitert Prokofjews Werk in der für ihn ganz eigenen Ästhetik und mit einer ordentlichen Portion Humor um eine ganz neue Dimension.

„Ich arbeite hier mit Keso Dekker (Kostüme und Bühnenbild) mit Projektionen. Wir haben im zweiten Satz einen Kronenleuchter mit flackernden Kerzen. Wir haben im dritten Satz Eulenaugen die umherschauen, aber auch Sterne sein können. Es ist eine große Aussenbeobachtung da. Das kann politisch angehaucht sein, aber in einem poetischen Sinne. Politisch wie das Konzert für Orchester von Witold Lutoslawski ist es nicht. […] Aber es transportiert schon auch Schub. Es ist schon auch ein Bach der Schotter schiebt.“

„Ich … freu mich auf Wien“

Ab der Spielzeit 2020/21 wird Martin Schläpfer die Direktion des Wiener Staatsballetts und seiner Ballettakademie übernehmen. Was denkt er über den bevorstehenden Weggang aus Düsseldorf und die vor ihm liegende Zeit in Wien?Ab der Spielzeit 2020/21 wird Martin Schläpfer die Direktion des Wiener Staatsballetts und seiner Ballettakademie übernehmen. Was denkt er über den bevorstehenden Weggang aus Düsseldorf und die vor ihm liegende Zeit in Wien?

„Ich mache meine Arbeit weiter, die wird auch nicht plötzlich neu und anders. Düsseldorf und Duisburg fällt auch nicht grad weg. Es ist wie eine Brücke, man geht die einfach weiter, diesen Bogen. Ich glaube nicht, dass die Menschen in Wien so anders sind als andere Menschen. Natürlich ist es anders gewachsen und natürlich mobilisiert das Ganze etwas in mir und verändert mich auch. Und lässt auch etwas zu, was ich hier nicht konnte. […] Ich habe schon Lust die Menschen zu packen und woanders hin zu führen. Ob das, was ich mache, anders ist, wird sich zeigen.“

„Ich habe jetzt Freude und freu mich auf Wien. Von der Natur, von der Luft, vom Wetter, von diesen Ingredienzen wird es mir wohler sein als hier. Ich glaube auch, dass das Skurrile des Schweizers sehr gut da hin passen könnte. Nevertheless, Deutschland hat mich wahnsinnig viel gelehrt, auch wenn ich hier nie ankam. Ich hab hier wahnsinnig viel gelernt, auch die Härte, das Direkte haben mich sehr stimuliert.“

„Ich werde alles tun, um den Künstlern und Künstlerinnen zu vermitteln, dass ich mit ihnen etwas bauen will, […] dass es eine Glut haben muss, dass es sonst nicht legitim ist, weil es irgendwie in sich selber erlischt. Das, was hier passiert in Theatern, ist natürlich nicht unabhängig von der Gesellschaft, die auch immer mehr alles einrahmt. Alles ist Sicherheit, es braucht immer einen Schuldigen. Der Nationalismus, das Religiöse, wir leben in einer furchtbar konservativen Zeit.“

Als gebürtiger Appenzeller sucht und findet Martin Schläpfer Entspannung und kreative Zurückgezogenheit bei seinen Ausflügen in die geliebte Welt der Berge.„Für mich ist Natur nicht eine Flucht, […] mir persönlich gibt es den Sinn zurück, weil alles so klar da liegt. Um Sinn zu spüren und im Leben zu lesen, braucht es für mich auch Komponenten, die nicht mit Menschen zu tun haben.“

Einst leitete Martin Schläpfer seine eigene Ballettschule Dance Place in Basel. Wie empfindet er heute die Arbeit mit dem Ensemble? „Ich unterrichte sehr gerne, passioniert. Ich glaube, wenn man unterrichten kann, ist dies die Zeit, in der man umfallen, sich verbessern kann, sich exponieren darf und zwar beide Seiten, auch die musikalische. Es ist das Labor, es ist da, wo man Grenzen erweitert, ohne dass man stückbezogen etwas erfüllen muss.“

Sinfonie1PS:

Neben „Ulenspiegeltänze“ hatte Remus Şucheanăs Balletts „Sinfonie Nr. 1“ zur Sinfonie Nr. 1 d-Moll op. 13 von Sergej Rachmaninow im Theater Duisburg am 9. Februar Premiere. Die dramatisch und mitreißend angelegte „Jugendsinfonie“ Rachmaninows inspirierte Şucheană zu einer Choreografie in der sich Bilder von Krieg und Verwüstung und das immer wiederkehrende Leid des menschlichen Daseins widerspiegeln.
OneFlatThing

Außerdem zeigen die 14 Tänzerinnen und Tänzer des Ensembles der Oper am Rhein William Forsythes im Jahr 2000 vom Ballett Frankfurt uraufgeführtes „One Flat Thing, Reproduced“. Zur Musik des niederländischen Komponisten Thom Willems erleben wir eine rasante und komplexe Choreografie, bei der die Tänzer sich in atemberaubendem Tempo zugleich zwischen, über und unter 20 scharfkantigen Tischen bewegen.

Ballett am Rhein: „Sinfonie Nr. 1“ von Remus Şucheană, „One Flat Thing, Reproduced“ von William Forsythe, „Ulenspiegeltänze“ von Martin Schläpfer. Premiere am 9. Februar 2019 im Theater Duisburg, weitere Termine: 23. Februar; 17., 20. März, 28. April, 18. Mai, 21. Juni