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woyzeck

Zurück in die Schule schickte God`s Entertainment das Publikum bei seiner Produktion „Messer-Mord: Klinge steckte noch in der Brust“. Das Performancekollektiv beackert – wie gewohnt experimentell – Büchners „Woyzeck“ im Brut.

Rückführung in die Vergangenheit: Auf kleinen Schulbänken werden die Zuseher einer schulische Prüfungssituationen ausgesetzt. Hier werden gnadenlos die mehr oder weniger rudimentären Reste abgeprüft, die noch übrig sind von der je nach Alter weit oder näher zurückliegenden Lektüre des Dramenfragments von Georg Büchners „Woyzeck“. Aufstehen, Namen nennen und – laut und deutlich! – Fragen beantworten: An was man sich erinnere, worum es in Woyzeck denn geht. Was denn Moral sei, auch Persönliches wird gefragt – ob man selbst moralisch sei.

Durch diese Befragung werden Bruchstücke aus der Erinnerung zusammengekratzt. Ein junges Mädchen –  wohl noch mitten im schulischen Bildungssystem und der Generation „Google“ zugehörig – kann ohne zu zögern detailgenau den Inhalt erzählen und die Entstehungszeit nennen. Nach eigenen Angaben hat sie das Drama aber nicht gelesen. Ein Beispiel aus der älteren Generation – ein Zuschauer der sich als ehemaliger Universitätslektor outet – hat das Werk ebenfalls nicht gelesen, wohl aber einiges an Sekundärliteratur. Die Frage nach der Moral ist für die meisten eine Frage, die nicht eindeutig und abschließend, vor allem aber nicht mit nur einem Satz beantwortet werden kann.

Das ist das Schöne an dieser Art von Theaterarbeit – durch die weit geöffneten Türen zum realen Leben wird zusätzlich zum geplanten Thema auch noch anderes verhandelt, was die ZuseherInnen zu der Performance noch einbringen. Und das kann, je nach Publikum, jeden Tag unterschiedlich sein. Auch die PerformerInnen dieser Produktion sind – wie bei den meisten Arbeiten der Gruppe – nicht nur die gewohnten PerformerInnen des Kollektivs God´s Entertainment. Diesmal wird mit Berliner und Wiener Strafentlassenen, die sich in einer Phase der Wiedereingliederung befinden, gearbeitet.

Die Figur des Woyzeck wird bei God´s Entertainment vervielfältigt auf mehrere „Woyzecks“, die den Weg zu ihrer Straftat kurz skizzieren, etwa durch Drogenmissbrauch, Arbeitslosigkeit, Sozialisation mit Alkoholismus und Gewalt. Die Vergehen: Drogendelikte, Wirtschaftsverbrechen, Datenmissbrauch, Vergewaltigung. Aber auch dem Publikum wird es hier nicht leicht gemacht, der Song „If Jesus came to your house“ wirft die Frage nach den persönlichen Vergehen an jeden Einzelnen, der vielleicht nicht für seine Vergehen verurteilt wurde. Die PerformerInnen stellen die Frage dann direkt ans Publikum, nach Vergehen wie Drogenmissbrauch und Co. Trotz des Hinweises, dass „im Theater vieles erlaubt sei“ üben sich die ZuseherInnen in dezenter Zurückhaltung, ihre Vergehen zu beichten.

Am Ende wird, wie diese Aufführung beweist, der auch heute noch sehr moderne Voyeurismus befriedigt, der vermutlich einige der ZuseherInnen zu diesem Theaterabend gelockt hat: Der Reiz, die „Anderen“ der Gesellschaft betrachten zu können, diejenigen, die Grenzen zu überschreiten gewagt haben, oder vielleicht auch nur diejenigen, die dabei aufgeflogen und zur Verantwortung gezogen worden sind. In einer „Jahrmarkt-Show“ werden die Körper der „Kreaturen“ zur Betrachtung ausgestellt. Körper, die mit Nadeln und Rasierapparaten tätowiert und damit zu „Kunstwerken“ gemacht wurden.

Man darf schon gespannt sein auf die nächsten Produktionen von God`s Entertainment: beim Donaufestival die Performance-Installation „Wachau International Europe in 2 hours“ und bei den Wiener Festwochen 2012 die Produktion „Österreicher integriert euch!“, bei der der  Integrationsspieß um 180° gewendet wird.

God's Entertainment: „Messer-Mord: Klinge steckte noch in der Brust (nach Büchners ‚Woyzeck’)“ am  4. April 2012 im Brut Wien

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