Kritiken
Kritiken 2011
Der Abend der Gegensätze
Der Abend der Gegensätze
Wie jedes Jahr übernehmen auch heuer heimische TänzerInnen das Festspielhaus St. Pölten. Seit Montag wird dort in Workshops und Vermittlungsaktionen heftig getanzt. Das Abendprogramm von Österreich TANZT wurde mit einer Uraufführung von Martina Haager und Doris Uhlichs „Rising Swan“ eröffnet.
Unter dem Motto „Courage – Mut – Schneid“ gelingt es den Kuratoren Manfred Aichinger und Nikolaus Selimov auch heuer wieder unterschiedlichste Tanz-Spielarten der freien Szene in einem kompakt programmierten Festival zu vereinen. Newcomer sind dabei ebenso auf dem Spielplan wie erfahrene ChoreografInnen. Die beiden Stücke am Eröffnungsabend verfolgten diametral entgegengesetzte kompositorische Ansätze.
Martina Haager ist als vielseitige Tänzerin bekannt, als Choreografin ist sie bisher nur gelegentlich in Erscheinung getreten. Mit ihrem Solo „13 + 1“ ist ihr jedoch auf Anhieb eine rundum stimmige Kreation gelungen. Mut heißt in ihrem Fall, einfach einen Tanz zu einem Musikstück zu schaffen. Beispiele dafür sind in den letzten Jahren selten geworden, doch Martina Haager verweist mit ihrem Solo auf die natürliche Verbindung von Musik und Tanz. Sie nimmt György Ligetis „Kammerkonzert für 13 Instrumentalisten“ in ihrem Tanz auf oder die Musik tänzerisch vorweg. Nichts stört die Musik, wenn sich die Tänzerin geräuschlos über die Bühne bewegt und in Momenten der Stille die Musik nachklingen lässt. Für jeden der vier Sätze findet sie ein eigenes choreografisches Motiv sowie eine spezielle räumliche Anordnung. Die daraus resultierenden Stimmungen und emotionalen Färbungen werden von Peter Thalhammers Lichtregie kongenial beleuchtet und unterstützt. Mit diesem Solo zeigt Haager nicht nur choreografisches Talent, sondern auch, dass sie das dazu gehörende „Handwerk“ versteht.
Lässt sich Haager bei ihrer Kreation von musikalischen Strukturen leiten, so verfolgt Doris Uhlich in ihrem Solo „Rising Swan“ (UA 2010) die Form der freien Assoziation. Ihr Ausgangspunkt ist „Der Sterbende Schwan“ von Michel Fokine, jenes damals von Anna Pawlowa getanzte dreiminütige Solo aus Camille Saint-Saëns' „Karneval der Tiere“ aus dem Jahr 1907, das zur Ikone des klassisch-romantischen Balletts wurde. Uhlich ist der Gegenpol zur zierlichen, ätherischen Ballerina. Mit ihrer fülligen Figur entspricht ganz und gar nicht dem gängigen Tänzerklischee. Selbstbewusst setzt sie ihre Statur als kraftvolle Performerin ein. Den Traum von Schwanen-Schönheit und Leichtigkeit verwandelt sie in Fantasien einer jungen Frau von heute, in Motorradkluft gekleidet und von der Popkultur geprägt. Gleichzeitig stellt sie die Ambivalenz zwischen romantischen Illusionen und modernen Realitäten in den Raum. Sie erzählt von unerfüllten und in Erfüllung gegangenen Visionen und verknüpft dabei Biografisches mit Weltpolitischem und spart auch den Tod nicht aus, wenn sie in einer Szene mit ihrem behelmten Kopf auf den Boden schlägt und eine Kreisbahn beschreibt. Immer wieder kehrt sie in die Schwanenrolle zurück – im weißen Tütü und das Haar in einem braven Dutt gezähmt. Doch der Haarknoten löst sich in einem befreienden Wasserbad auf, der grazile Port de bras mutiert zur Kampfpose mit geballten Fäusten.
Doris Uhlich ist eine originelle, authentisch agierende Künstlerin und das macht sie zur Zeit auch zu einem „rising star“ der Performance-Szene. Die Auftragsarbeit „Uhlich“ ist demnächst im Rahmen von „signed, sealed, delivered“ bei den Wiener Festwochen zu sehen. In der Saison 2011/2012 ist die international beachtete Performerin artist in residence im Festspielhaus St. Pölten. Dort wird das Thema „Courage – Mut - Schneid“ noch bis Samstag, 21. Mai choreografisch und performativ verhandelt.
Martina Haager: „13 + 1“ und Doris Uhlich „Rising Swan“ am 18. Mai 2011 im Festspielhaus St. Pölten im Rahmen von Österreich TANZT
Der Text ist in gekürzter Form am 20. Mai in der Tageszeitung Der Standard erschienen.
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