hannabergerAls „Die Unbekannte aus der Seine“ von Hanna Berger 1995 wieder auf der Bühne zu sehen war, fragte man sich, warum diese Künstlerin mit ihrer einfachen, klar strukturierten "Tanzschrift" in der Chronik des freien Tanzes nicht einen zentralen Platz einnimmt. Hätten nicht eine Handvoll engagierter TanzhistorikerInnen und TänzerInnen diese Rekonstruktion realisiert, wäre diese talentierte Choreografin wohl eine Fußnote der Tanzgeschichte geblieben.

stabelKlug und brilliant sind die Geschichten, anhand derer Ralf Stabel die Tanzgeschichte erzählt. Zwar folgt er der Historie von den mittelalterlichen Totentänzen bis zum postmodernen Tanz chronologisch, hält sich aber nicht so sehr mit dem Sammeln von Daten und Fakten auf. Vielmehr nimmt er die einzelnen Kapitel der Geschichte zum Anlass für weiter führende Überlegungen.

tangoTango ist ein argentinisches Markenzeichen. Inzwischen hat er aber eine Popularität erreicht, dass man sich umgekehrt fragen kann, ob Argentinien nicht eine Erfindung des Tango geworden ist. Jedenfalls gehören die beiden einfach zusammen, wie dieses jüngste Tangobuch, gefühlvoll aus dem Spanischen übersetzt („Tango para princiantes“) beweist.

buchballetWas dem menschlichen Gehirn nicht gelingt, den flüchtigen Augenblick festzuhalten, kann die Kamera des Fotografen. Tänzerinnen und Tänzer der beiden Wiener Opernhäuser in Ruhe zu betrachten, den von der Kamera vorgetäuschten Stillstand der Bewegung zu genießen, erlaubt ein neuer Fotoband von Josef Gallauer über die Tänzerinnen und Tänzer der Wiener Staatsoper und Volksoper.

buch_roystonSir Simon Rattle, künstlerischer Leiter der Berliner Philharmoniker, und der Choreograf Royston Maldoom haben 2004 mit dem Film „Rhythm is it!“ das Konzept des Community Dance in Deutschland und Österreich mit einem Paukenschlag bekannt und populär gemacht.

Jacalyn Carley hat bereits bei Royston Maldooms Autobiografie mitgearbeitet. Das vorliegende Praxisbuch ist ein weiteres Produkt dieser Zusammenarbeit der beiden und beleuchtet die praktischen Aspekte für die Arbeit im Community Dance. Es bietet einen Leitfaden für die Organisation und Durchführung von Tanzprojekten, stellt die Frage nach der Nachhaltigkeit wie Publikumsgewinnung, Artists in Residence und Festivals.

Die britische Performancegruppe Forced Entertainment hat ihren 20. Geburtstag schon einige Jahre hinter sich und dennoch nicht die Absicht, sich zur Ruhe zu setzen. Die 1984 von ehemaligen TheaterwissenschaftlerInnen der Universität Exeter in Sheffield gegründete Gruppe kann einen ungewöhnlichen Werkkatalog vorweisen. Haben Forced Entertainment doch im Lauf ihrer Arbeit beschlossen, keine der üblichen Grenzen des Theaters mehr anzuerkennen. Weder zeitliche - manche Vorstellungen dauern sechs, zwölf oder gar 24 Stunden -, noch stilistische oder mediale. Installationen, Videos, Fotografien zählen ebenso zu den Produktionen des Teams unter Tim Etchells wie Internetarbeiten oder reflexive Essays. Essays über die Gruppe bietet auch ein ansehnlicher, weil zweisprachiger (Deutsch /Englisch) Band über diese Ausnahmeerscheinungen auf der Theaterbühne. Denn, eines muss festgehalten werden, wenn Forced Entertainment auch mit dem Publikum Kontakt aufnehmen, das Publikum beschimpfen oder auffordern, wegzugehen, über ihre eigene Arbeit reflektieren und spielen, oder einfach am Tisch sitzend lange Reden halten, die SpielerInnen verlassen niemals die Bühne. Die eine Rolle (oder auch sich selbst) spielenden Frauen und Männer reißen möglicherweise die vierte Wand ein, aber sie überspringen sie dann doch nicht. Auf Einladung der Wiener Festwochen war die Truppe auch bereits mehrmals in Wien zu sehen.
Forced Entertainment sind anarchisch und frech, sie lassen die Grenzen zwischen Gespieltem und Realität immer mehr verschwimmen und zetteln auf der Bühne gerne einen Diskurs über das Theater und seine Funktion, also darüber, was sie da gerade tun, an. Für dieses Ensemble ist die ganze Bühne Welt. Möglich, dass man mit der ausufernden Selbstdarstellung, der mangelnden Rücksicht auf ein sich nach unterhaltender Entspannung sehnendem Publikum, der Dreistigkeit einer ihre eigenen Ziele verfolgenden Truppe nicht immer zurecht kommt, auch oft nicht versteht, worum es da eigentlich geht, sicher ist, dass Forced Entertainment und ihre Arbeit in der Beschreibung und Reflexion ganz nahe kommen, näher möglicherweise als in der direkten Konfrontation zwischen Bühne und Zuschauerraum.
Zu verdanken ist das der in Wien lebenden Theaterwissenschaftlerin und Kritikerin Judith Helmer, die gemeinsam mit dem Journalisten Florian Malzacher die erste Buchpublikation über Forced Entertainment herausgegeben hat. Obwohl Helmer ihre Diplomarbeit über F. E. geschrieben hat, ist sie selbst nur mit dem Einleitungsbeitrag vertreten. Durch die unterschiedlichsten Beiträge renommierter AutorInnen wird Forced Entertainment von vielen möglichen Seiten unter die Lupe genommen und beleuchten. Kritikpunkte allerdings werden nicht angestrahlt - Forced Entertainment haben auch unter Fachleuten nur AnhängerInnen. Dennoch, das Buch ist wärmstens zu empfehlen: Wissenschaftliche Analysen stehen neben essayistischen Annäherungen (Hans-Thies Lehmann schlägt eine Brücke zu Shakespeare), subjektive Eindrücke finden sich neben informativen Rückblicken auf erste Arbeiten in den Achtzigerjahren oder die innovativen Ansätze ab den Neunzigerjahren, das Theater spielerisch auf seine grundlegenden Prinzipien zu untersuchen (Helmer). Tim Etchells selbst hat einen Text „über 20 Jahre mit 66 Fußnoten“ verfasst und sich auch für ein Interview zur Verfügung gestellt. „Not Even a Game Anymore“gibt nicht nur spezifische Auskunft über das Theaterkollektiv und seine Arbeit, sondern darüber hinaus auch über Formen, Intentionen und Möglichkeiten von Performance überhaupt.

Hg Judith Helmer / Florian Malzacher (Hg): Not Even a Game Anymore
ISBN: 978-3-89581-115-7

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