semele_3Die Barockoper ist wieder zum Leben erwacht. Welche Probleme sich daraus ergeben und wie man Musik und Tanz von früher auf heutige Bühnen bringt, beleuchtet eine neue Publikation der Europäischen Musiktheater-Akademie.

Ausgerechnet die Vertreter der zeitgenössischen Musik, waren es, die um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts dem Countertenor wieder zu Ruhm und Rollen verhalfen. Benjamin Britten, Aribert Reimann, John Taverner und zuletzt auch Olga Neuwirth schrieben in ihre Opern eigene Rollen für Countertenöre und rückten damit auch die Barockoper in den Mittelpunkt des Interesses. Populär gemacht wurden die Nachfolger der Kastraten mit ihren klaren und festen Stimmen im vorigen Jahrhundert durch das britische Ensemble King’s Singers; in die Konzertsäle fand der Countertenor mit Alfred Deller (und seinem „Consort“) Einzug. Seit einigen Jahren hat jedes Opernhaus, das auf sich hält, mindestens eine Oper von Händel oder Purcell, Vivaldi oder Monteverdi im Spielplan.

Während die einen über den Untergang der „Oper“ diskutierten und das Genre auf dem absteigenden Ast sahen, blickten die anderen weit zurück, um nach den Wurzeln zu suchen und das musikalische Theater von der Quelle her zu erneuern. Die Renaissance der Barockoper nahm in Frankreich ihren Anfang und ist nun, mit einem Franzosen als Operndirektor, auch in Wien angekommen. Dominique Meyer macht aus seiner Liebe zur Barockoper keinen Hehl und kann mit Stolz auf seine Ära als Direktor des privaten Pariser Musiktheaters Théâtre des Champs-Élysées zurückblicken, in der er innerhalb der 20 Jahre mehr als 100 alte Opern wieder zum Leben erweckt hat.

Nicht verwunderlich, dass die EMA (Europäische Musiktheater-Akademie) ihre Tagung zum Thema „Oper im 17. und 18. Jahrhundert“ gemeinsam mit Meyer und „seinem“ Théâtre durchgeführt hat. Um die interessanten Diskussionen, Vorträge und Interviews nicht in den Archiven der (an der Universität Wien ansässigen) EMA verstauben zu lassen, ist nun eine Publikation erschienen, die die gegenwärtige Situation vor allem in der Praxis beleuchtet und einen Einblick in die verschiedenen Bereiche der alten Oper und auch die Problematik heutiger Aufführungen gibt.

Denkt man über historische Aufführungspraxis nach, so darf nicht vergessen werden, dass in der französischen „Opéra lyrique“ Musik und Tanz eng verschwistert waren und auch im 19. Jahrhundert keine Oper ohne üppige Tanzeinlagen denkbar war. Richard Wagner musste dies schmerzhaft erfahren. Die französische Choreographin und Leiterin der Compagnie „Fêtes Galantes“, Béatrice Massin, berichtet, dass zur Zeit Ludwig XIV: (17. Jh.) Musik- und Tanzlehrer eine Person waren. Pierre Beauchamp, der im Auftrag des Königs eine Tanzschrift entwickelt hatte, war sowohl Choreograf als auch Komponist, er spielte die Geige und tanzte die Sarabande. Seine Notation der Tanzschritte ist als Beauchamp-Feuillet-Notation bekannt. Noch heute wird im klassischen Ballett in leicht abgewandelter Form die „fünfte Position“ gelehrt, die Beauchamp eingeführt hat.

Massin sieht das 17. und 18. Jahrhundert als eine einzige Schule der choreografischen Schöpfungen und spricht von der unaufhörlichen Weiterentwicklung des Bühnentanzes damals. Der „barocke“ Tänzer tanzt, so erklärt sie, wirklich mit der Musik: „Sein Körper ist ein musikalisches Instrument. Es ist die Musik die die Schritte einer Choreografie diktiert.“ Für die Choreografin repräsentiert der Barocktanz „die räumliche Architektur der Musik.“ Heute, so meint Massin, diene der Raum als choreografisches Material. „Ein ,Développée‘ setzt einen Raum voraus.“ Im barocken Tanz, so Massine, werde der Raum auf verschiedenen Ebenen behandelt und quasi erst durch die Schritte, die durch die Musik bedingt sind, geschaffen. Barocke Choreografien waren meist für Paare einstudiert, so sieht Massin auch zwischen den Tänzern einen sehr subtilen Raum.

Der broschierte Band bietet mit zahlreichen Beiträgen von Praktikern und Theoretikern einen kreativen Dialog zwischen Kunst und Wissenschaft, Produzenten und Konsumenten.

Schade nur, dass die Zusammenfassung der französischen Artikel, den Kern des Themas nicht treffen, sondern aus willkürlich gewählten Sätzen bestehen.

L’Europe Baroque / Oper im 17. und 18. Jahrhundert, L’Opéra aux XVIIe et XVIIIe Siècles
Isolde Schmid-Reiter und Dominique Mayer (Hg)
Schriften der Europäischen Musiktheater-Akademie, Band 7,
Paperback, 256 S., zahlr. z.T. farb. Abb.
ISBN 973-3-940768-17-9

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