martin puttkeMartin Puttke, einer der wichtigsten Vertreter des Balletts in Deutschland, hat einen offenen Brief an die Berliner Zeitung geschickt. Anlass sind die Differenzen zwischen dem Berliner Staatsballett und der vom Berliner Kultursenat neu bestellten Leitung. Der Brief ist am 21. Oktober in gekürzter Fassung in der Berliner Zeitung erschienen. Auf tanz.at lesen Sie das Plädoyer für die Rechte der Tänzer in ungekürzter Version.

Anfang September gab der Berliner Bürgermeister die Berufung von Sasha Waltz, zeitgenössische Choreografin, und Johannes Öhman, Leiter des Königlich-Schwedischen Balletts, als Direktoren des Berliner Staatsballetts ab der Saison 2018/19 bekannt. Seither ist der Protest nicht verstummt. Auf Change.org hat die Petition „Rettet das Staatsballett“ inzwischen über 18.000 Unterstützungsunterschriften.

„Nach der bundesweiten und in erster Linie sehr abfälligen Berichterstattung fast des gesamten deutschen Feuilletons über das Berliner Staatsballett anlässlich der Bestellung der neuen künstlerischen Leitung, wurde die Ablehnung des neuen Generalmusikdirektor durch das Orchester der Komischen Oper Berlin unkommentiert berichtet; in der Öffentlichkeit keine Proteste wegen Anmaßung, keine Beschimpfungen des Orchesters“, schreibt Martin Puttke an tanz.at. Ob dieser Ungleichbehandlung sei ihm „der Kragen geplatzt": In einem offenen Brief an die Berliner Zeitung stellt er die Frage nach dem Mitspracherecht der Tänzer bei der Neubestellung von Direktoren.

„In Ihrer Ausgabe vom 18.10. 2016 berichten Sie vom Widerspruch des Orchesters der Komischen Oper gegen die Berufung eines neuen Generalmusikdirektors: sachlich und objektiv.

Fast zur gleichen Zeit wird in Berlin einer anderen Berufsgruppe des Theaters, dem Staatsballett Berlin aus Anlass der Neubesetzung ihrer Chefpositonen, eben dieses Recht völlig abgesprochen. Von der Kulturpolitik durch voreilige Entscheidungen kundgegeben und vom Feuilleton 'fachkundig' sekundiert.

Die Orchestermitglieder nehmen selbstverständlich und unwidersprochen für sich das Recht in Anspruch, darüber zu entscheiden, mit welchem Chefdirigenten sie aus ihren Instrumenten - toten Objekten wohlgemerkt - welche Töne, Klänge, Musik erzeugen wollen. TänzerInnen in der gleichen Kommune schlägt von Seiten der Kulturpolitik und fast des gesamten Feuilletons völliges Unverständnis in einer vergleichbaren Situation entgegen. Sie haben schweigend ihre Körper zur Verfügung zu stellen. Ein eingefordertes Mitspracherecht befindet man als völlig aus der Art geschlagen. Eine geradezu frappierende Wiederbelebung der Leib - eigen - schaft, nur notdürftig mit dem Mantel einer zeitgenössischen, programmatischen Neuausrichtung verhüllt.

Als wäre das noch nicht genug, steigert man die Entmündigung noch, indem man den TänzerInnen als Eigentümer ihrer künstlerischen Körper die gewünschte ästhetische Befindlichkeit und das erwartete künstlerische Selbstverständnis vorschreibt. In unserer aufgeklärten Welt ein Rückfall ohnegleichen. Diese politische Bevormundung scheint nur die logische Konsequenz einer - allerdings nicht unbekannten - aber über die Maßen arroganten 'Ahnungslosigkeit' über das Wesen der Klassik im Tanz zu sein und über jene, die dafür ihre Haut zu Markte tragen - die 'Hupfdohlen und Tanzmäuse'.

Wesentliche künstlerisch-materielle Ressource, das Instrument, ist nicht wie in der Musik ein lebloses Objekt, sondern das Kostbarste was die Tanzkunst zu bieten hat: den menschlichen Körper! Und darum geht es in erster Linie, erst dann um künstlerische Konzepte und meinetwegen auch um kunstpolitischen Nachhilfeunterricht - aber dann bitte auf Augenhöhe und in beide Richtungen.

Das ist die eigentliche politische Dimension dieses Konflikts. Und das hat mit Sascha Waltz erst mal nichts zu tun.

Martin Puttke“

Prof. Martin Puttke, an der Moskauer Theaterhochschule »GITIS« im Bereich Ballettpädagogik / Männertanz bei Prof. Tarassow ausgebildet, war künstlerischer Leiter und Direktor an der Staatlichen Ballettschule Berlin und leitete nach der Wiedervereinigung Deutschlands das Ballett der Staatsoper Berlin, wo er u. a. mit Rudolf Nurejev, Patrice Bart und Maurice Béjart zusammenarbeitete. Von 1995 bis 2008 war er Ballettdirektor des aalto ballett theaters essen, das er durch seine geschickte Mischung von klassischen und moderen Werken zu einem Zentrum der jungen Choreographie machte. Puttke gilt als einer der international führenden Ballettpädagogen der Gegenwart und hält auf der ganzen Welt Vorlesungen, Seminare und Gastunterricht. Außerdem ist er Herausgeber mehrere Fachbücher. Er kreierte ein neues Lehrkonzept v.a. für den Klassischen Tanz auf der Grundlage der Zusammenführung von Tanzdidaktik, Tanzmethodik, Neurokognition und Biomechanik: DANAMOS, dance native motion system, das er seit 2007 in Zusammenarbeit mit den Neurowissenschaftlern Dr. Bläsing und Dr. Dimitri Volchenkov von der Universität Bielefeld weiterentwickelt. Für den Tanz und die Rechte der Tänzer war und ist Puttke politisch in mehreren Fachverbänden und Interessensvertretung aktiv.