GrazVigilMit durchkonzipiertem Programm in der Hand habe man sich Anfang März alsbald auf den einen und anderen Kopfstand sowie auf die Kunst der Jonglage verlegt. So der einleitende Kommentar des Festivalintendanten von La Strada, Werner Schrempf, bei der nunmehr gültigen Programmpräsentation. Aber freilich auch in der Oper Graz sowie bei der Bühnenwerkstatt war die eine oder andere ungewohnte Verrenkung angesagt.

La Strada

Aus dem bislang gut einwöchigen Programm des Internationalen Festivals für Straßenkunst, Figurentheater, Neuen Zirkus und Community Art ist nunmehr ein ganzjähriges geworden: „Ein Festival in vier Sätzen. Vom 1.Jänner bis 31.Dezember 2020“ – so manch arbeitssuchender Clown und anderer Künstler dürfte angesichts dieser Akrobatik großgestisch seinen Hut ziehen.

Das Projekt von Joanne Leighton „The Graz Vigil“ läuft seit Jahresbeginn zwei Mal täglich: 732 Menschen wachen zu Sonnenauf- und Sonnenuntergang mit Blick vom Schlossberg über die Stadt und notieren anschließend ihre Gedanken. Nur wenige Tage ist der Aktions-Ort dieses „1.Satzes“ in das jeweilige Zuhause verlegt worden.Muthspiel

Der „2.Satz: Kunst findet Stadt“ manifestiert sich von 24.Juli bis 1.August an unterschiedlichen öffentlichen Orten des städtischen Alltags. Als Installation und weit ausgebreitete Klangskulptur bei Strijbos &Van Rijswijk. Als Solo für viele das Projekt „Die sanfte Antwort“ von Günter Meinhart, zu dem alle, die ein Musikinstrument beherrschen, mitzumachen eingeladen sind. Corona-konform selbstverständlich; dieses und alle anderen Veranstaltungen des Festivals wie auch „Human Music Machine for Graz“ von Christian Muthspiel & Orjazztra Vienna, bei dem in weiträumigem Social Distancing 18 Musiker die Spaziergänger wie Vorbei-Eilenden eine Art musikalisches Perpetuum Mobile erleben lassen.

WilliDornerAktive Publikumsteilnahme ist bei Willi Dorners „It does matter where“ gefragt, in dessen Choreografie mittels im öffentlichen Raum aufgestellter Sessel Platz genommen wird.

Die acht TänzerInnen der Cie Liquid Loft wiederum arbeiten in einer Zeit der Aufforderung zu Distanz das Körperliche und die Nähe heraus: als utopische Charaktere, die überraschend im öffentlichen Raum in Soli auftreten, sich zusammenfinden und wieder auflösen. All dies sowie ein weiteres Projekt von workinglifebalance ltd und Theater im Bahnhof, in dem das Phänomen urbaner und menschlicher Einsamkeit hinterfragt wird, kann an einzelnen Tagen in Kleingruppen auch im Rahmen einer geführten „Wanderung durch die Straßen der Stadt“ erlebt werden.

Im „3.Satz“ stehen von 28.August bis 5.September sind Outdoor-Theater-Produktionen geplant, die sich insbesondere für kleine Zuseher Gruppen eignen. Dazu zählt „While no one is watching”, eine Choreografie von Alex Deutinger & Alexander Gottfarb, die sich spielerisch um das Thema Sicherheit rankt – aus der Sicht der Polizei.
Valentina Moar zeigt das abendfüllende Tanzstück „Lebendige Formen“, in dem, unterstützt vom Multimedia-Künstler Paolo Scoppola, sich die Bewegungslinien von Tanz mit solchen der Architektur des steirischen Bauhaus-Schülers Hubert Hoffmann an- und zueinander fügen.DeutingerGottfarb

Die Performance „LANDSCAPE(s)#1“ der Cie La Migration (FR) vermischt tänzerisch -akrobatisch zeitgenössischen Zirkus mit Visual Art, darstellende Kunst mit der Erschaffung kinetischer Strukturen. Arrangiert um die Frage: Setzt der Mensch die Maschine in Bewegung oder umgekehrt.

LaMIgrarionIn „Gravir“ beantworten die beiden kraftvollen Stunt-Frauen von Les Quat’fers en l’air in einem Burlesque-Universum Fragen nach Gründen zur Gipfelerstürmung.
Steinbauer&Dobrowsky zollen gemeinsam mit Eddi Luis and his Jazz Passengers dem König von New Orleans, Buddy Bolden, Tribut. In „STORYVILLE“ mit einem „Tanz um Wahrheit, Fiktion und Poesie“.

Die dänische Künstlerin Kitt Johnson versucht gemeinsam mit jungen, aufstrebenden Akteurinnen in „Zwischenraum“ im Rahmen einer Tour mittels performativer Elemente den Blick der Teilnehmer auf die eigenen Stadt zu verändern.Angsthase

Und dass auch Programme speziell für Kinder angeboten werden, beweisen in bester Qualität das Theater Anna Rampe (DE) in „Rumpelstilzchen“, das Theater Zitadelle (DE) mit „Der kleine Angsthase“ und Nimú (AT/ES) in „Einfach weggehängt“.

Der „4.Satz“ (Herbst 2020) ist beispielhaft dafür, dass Community-Projekte (auch) bei La Strada immer mehr an Bedeutung gewinnen. Im Rahmen von Graz Kulturjahr 2020 wird von der griechischen Künstlerin Danae Theodoridou mit „What if…? in Graz Reininghaus“ ein integratives Projekt erarbeitet; mit Künstlerinnen und unter Beteiligung der lokalen Community; angelegt um das Thema der Urban Renewal.

www.lastrada.at

OpernsummerspecialSommer Special der Ballettschule

Auch im Grazer Opernhaus, wo bislang weitgehend alles jenseits des Zuschauerraumes den Profi-Künstlern vorbehalten war, öffnen sich seit einiger Zeit und ganz besonders in diesem Sommer vielerlei Tore: in unterschiedlicher Sparten für Tanz-Interessiert allgemein, für Anfänger und für Hobby-Tänzer wie ernstlich Ambitionierte jedes Alters:

Am 29. August heißt es bei freiem Eintritt Ballettschule ganz nah! In halbstündigen Schnuppereinheiten können Kinder wie Erwachsene ihre Vorlieben und Fähigkeiten erproben. Den Schnupperplan dazu finden Sie hier.

Wer hingegen lediglich den Ballett-Tänzern auf die Finger und Füße schauen will, hat dazu im Ballettsaal von 11:00 bis 14:00 Gelegenheit.

Für all diejenigen, die sich bereits für klassischen Tanz entschieden haben, bietet sich vom 24.August bis 4.Sptember für Anfänger wie Fortgeschrittene außerdem die Möglichkeit eines Sommer-Special zum Ausprobieren und Mitmachen. 

HoneyBadgerInternationale Bühnenwerkstatt Graz

Bei dieser Veranstaltung gilt schon seit langem: zusehen oder selbst machen. Heuer finden die Werkstätten von 11. bis 17. Juli 2020 im Theater im Palais statt. Geboten werden Wochenkurse und Wochenendworkshops für Anfänger und Fortgeschrittene. Das Angebot erstreckt sich von Axis Syllabus, über Urban Dance, African Fusion, Improvisation und Ballett bis zu Contemporary Dance.

Die Performances finden am Vorplatz des Theater im Palais statt. Am Eröffnungsabend am 11. Juli geben vor allem die Unterrichtenden Einblick in die Arbeit in ihren jeweiligen Werkstätten. Außerdem präsentiert Tomas Danielis sein neuestes Tanzsolo: „For those who care. Dance work of and for empathy”. Die zahlreichen hier gestellten Fragen fokussieren Gefühlswelten und Identität.PreciousMoment

Das Künstlerpaar Elias und Weng Teng Choi Buttinger kombiniert künstlerisch und dramaturgisch spannungsreich seinen kulturellen Background basierend auf unterschiedlichsten Lebensformen. Thema in „Honey Badger & Wolverine“ ist ein metaphorisches Zusammentreffen von einander unbekannten Wesen. Auch wenn es Alexandros El Greco fast ausnahmslos um aktuelle Themen im urbanen Raum geht, versucht er in der Performance „Each precious moment “, seinen Körper zu einem Sprachrohr einer innersten Wahrheit werden zu lassen. (Beide am 12. Juli)

CarteBlancheAm 16. Juli lässt die CieLaroque in „Carte Blance“ das Paradoxon der Gleichzeitigkeit von Voyeurismus und Partizipation erleben. Ganz aktuell werden Fragen zu Distanz und Nähe gestellt, die Möglichkeit von gleichzeitig abstrakter wie konkreter körperlicher Intensität hinterfragt. In „Moskau-Petuski “ mit Fredrik Jan Hofmann, Claudia Fürnholzer und Alberto Cissello bildet eine Zugfahrt den vieldeutigen Bildhintergrund. Das Potential des Miteinander von gesprochenem Wort und Bewegung stellt sich in dieser getanzten Lesung wieder einmal der Herausforderung Mehrwert zu kreieren.

www.buehnenwerkstatt.at