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omv BallettfondsWenn Andere gerade dem Karrierehöhepunkt entgegenstreben, heißt es für BalletttänzerInnen Abschied von der Bühne zu nehmen. Und danach? Daran haben sie in der Regel nicht viel gedacht bzw. denken können – für solche Überlegungen gibt es keine Zeit. Nun macht ein von der OMV eigens für das Wiener Staatballett eingerichteter Ballettfonds die Entscheidung leichter, denn er unterstützt TänzerInnen bei der Aus- und Weiterbildung und den Umstieg in einen neuen Beruf. 

OMV Generaldirektor Rainer Seele erinnert sich noch an die letzte Nurejew-Gala, als das Publikum miterleben musste, wie der Erste Solist Davide Dato sich so schwer verletzte, dass er nicht mehr aufstehen konnte. Das machte wohl allen bewusst, wie prekär ein Tänzerleben ist. Also ließ sich Seele von Staatsoperndirektor Dominique Meyer und der Staatsballett-Geschäftsführerin Simone Wohinz überzeugen, TänzerInnen beim Übergang in eine zweite Karriere zu helfen. Die OMV ist nicht nur Hauptsponsor der Wiener Staatsoper, sondern sei sich als österreichischer Großkonzern auch seiner „sozialen Verantwortung“ bewusst, so Seele. Mit seinem vorerst mit 50.000 Euro dotierten Fonds unterstütze er nun TänzerInnen am Ende ihrer Laufbahn bei der „Suche nach Perspektiven“. 

Atilla Bakó, der in der letzten Saison im Alter von 36 Jahren das Wiener Staatsballett verließ, ist der erste Stipendiat der neuen Stiftung. Auch er bestätigt, dass die Finanzierung eine große Hilfe bei seiner Studienwahl war, die auf den dreijährigen Studiengang „Kommunikationswirtschaft“ an der FH Wien der WKO gefallen ist. Auch wenn der OMV-Chef sich durchaus vorstellen kann, den Tänzer nach seinem Abschluss (vorbehaltlich guter Noten) auch in seinem Unternehmen anzustellen, würde es Bakó vorziehen im kulturellen Bereich zu Arbeiten, da er dort auch sein Know-How als Tänzer einbringen kann. Denn als ausschlaggebend für seine Wahl nennt er „die Nachfrage“, aber auch „die eigenen Fähigkeiten“ und den „eigenen Wunsch“.

Dass die Hilfe für Tänzerumschulungen beim Wiener Staatsballett nun eingerichtet wurde, liegt einerseits an der Wertschätzung des Operndirektors Dominique Meyer, der seit seinem Amtsantritt dem Ballett am Haus einen neuen Status verliehen hat. Andererseits wird nun das neue Dienstrecht schlagend. TänzerInnen, die vor 1999 in die Compagnie eintragen, waren nach dem Bundestheaterpensionsgesetz abgesichert. Sie erhalten nach ihrem Abgang (in der Regel mit 45 Jahren) eine Pension. Diese soziale Absicherung ist nach dem nun geltenden ASVG nicht mehr gegeben. TänzerInnen unterliegen den Pensionsregelungen, die für alle Arbeitnehmer gelten und das heißt: mindestens 40 Dienstjahre und arbeiten bis 60 bzw. 65.

Das alte Versicherungsrecht war mit ein Grund, warum Bemühungen in diese Richtung bislang ohne Folgen blieben. Mitte der 1990er Jahre, als die International Organization for the Transition of Dancers gegründet wurde, versuchte deren Gründer Philippe Braunschweig auch in Österreich den Fokus auf das Thema zu lenken. Forscher der Princeton University, des Columbia University Teachers College und der australischen Macquarie University unterstützten ihn bei seiner Mission mit Untersuchungen, die sie im Advocacy-Report: „Making Changes: Facilitating the Transition of Dancers to Post-Performance Career“ veröffentlichten. 

Darin stellten sie unter anderem Fest, dass die unzureichenden Maßnahmen für die Umschulung für TänzerInnen nicht nur ein individuelles Problem sind. Vielmehr sei es für die gesamte Tanzbranche wichtig, dass man sich um das Wohlergehen seiner Mitglieder kümmert. Außerdem bedeutet das frühe Karriereende ohne weitere Aussichten eine Verschwendung von Humankapital. Volkswirtschaftlich macht es jedenfalls wenig Sinn die mannigfaltigen Assets, die der Tanzberuf mit sich bringt, wie Disziplin, harte Arbeit an sich selbst, Teamgeist oder kreative Lösungsorientiertheit nicht für ein Berufsleben nach dem Bühnenabgang nutzbar zu machen.  (Der Report ist auf der Homepage des IOTPD zum Download zu finden.)

Seit Gründung des internationalen Dachverbands gibt es in immer mehr Ländern „Transition Centers“, großteils operieren diese unabhängig von bestehenden Compagnien und stehen damit allen TänzerInnen zur Verfügung. In Österreich wird zur Zeit ausschließlich betriebsinterne Vorsorge getroffen, etwa mit der Theaterstiftung Graz, die seit 1994 nicht nur TänzerInnen, sondern allen Bühnenangehörigen die Möglichkeit zur Umschulung anbietet. Erst im Sommer diese Jahres präsentierten Vladimir Malakhov und Michael Kropf, Direktor am Stadttheater Baden, ihre Initiative Dance4Dance.

Wie auch immer die Struktur aussehen mag, jede Initiative ist wertvoll und mit dem OMV Ballettfonds ist ein wirkungsvolles Instrumentarium für die Tänzerumschulung des Wiener Staatsballetts geschaffen worden. Attila Bakó und seine KollegInnen haben nun die Chance, ihre Zukunft aktiv gestalten zu können, neue Kompetenzen zu erwerben und sich in anderen Bereichen des Berufslebens weiterzuentwickeln.

Übrigens: Davide Dato ist nach seiner schweren Verletzung auf dem Weg der Besserung und wird hoffentlich bald wieder auf die Bühne zurückkehren.

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