lloft_mushroomNachdem im perfekten Garten von Liquid Loft der „Wellness“ gehuldigt worden ist (2011), lassen Chris Haring und sein Team nun die Schwammerl wachsen. „Mush Room“ ist der zweite Teil der Reihe „The Perfect Garden“, die aus immer neuen modularen Performances besteht. Dabei ist die Veränderung, das Wachsen und Werden, organischer und anorganischer Körper und Objekte ebenso Bestandteil des Geschehens wie der sich ständig wandelnde Klangraum, in dem sich die TänzerInnen bewegen.

Einfach ist es nicht, sich im Garten von Michel Blazy zurecht zu finden. Silbrig glänzende, klebrige Fäden teilen den Kubus aus der Bühne in kleine und kleinste Räume, entwickeln ein Eigenleben, reißen ab, tropfen zu Boden, behindern die TänzerInnen oder weisen ihnen den Weg. Der französische Künstler liebt, wie Chris Haring, der künstlerische Leiter von Liquid Loft, das Experiment und die Veränderung. Blazys Materialien, die er für seine Werke (Malereien, Skulpturen und Installationen) benötigt, sind der Natur entnommen (ausgepresste Orangenhälften, Kartoffelflocken, Agar-Agar) oder stammen aus Baumärkten und Gartencentern. Die verarbeiteten Produkte überlässt er, als Metaphern des Wachstums,  dem natürlichen Veränderungsprozess, den er nur bedingt beeinflussen kann.

Fasziniert von den Arbeiten Blazys hat ihn Chris Haring für seine Serie „The Perfect Garden“ als Setdesigner engagiert, um seine eigenden Gedanken über die Zeit, ihr Fortschreiten und Vergehen, zu visualisieren. Kann man die Zeit anhalten? Ein Ereignis immer wieder zurückholen, um das Glück erneut zu erleben und zu genießen? Die Natur hält sich nicht an die Wünsche des Individuums, die Schaumgebilde (in „Wellness“) wachsen unaufhörlich zu fantastischen Skulpturen, bis sie in sich zusammensinken und neue Bilder entstehen lassen. Auch die von der Decke des Würfels hängenden Fäden aus erwärmter Isoliermasse folgen ihren eigenen Gesetzen. Die TänzerInnen müssen sich anpassen. „Michel Blazys Arbeiten, die sich mit Langsamkeit, Vergänglichkeit und Entwicklung auseinandersetzen, haben durchaus auch einen choreografischen Aspekt. In ihrem, mitunter zehn Jahre dauernden, Verfalls- und Veränderungsprozess hinterlassen Michels Installationen und Bilder Spuren. Die Bewegungen der Tänzer und Tänzerinnen hinterlassen keine. Sie gehen verloren.“ Diesem Prozess möchte Haring entgegenwirken. Spuren sollen hinterlassen werden, „aber Entwicklung ist sehr schwer darzustellen.“

Die Körper der TänzerInnen agieren nicht nur im installierten Garten des Michel Blazy sondern auch im Klangraum von Andreas Berger. Auch dieser ist ständigen Veränderungen unterworfen,  verschiebt sich, bewegt sich vor und zurück steht still, dehnt sich und schrumpft, wird auch bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Wie in einem experimentellen Film wiederholen auch die TänzerInnen bestimmte Sequenzen, bewegen sich in der Dimension Zeit vor und zurück, dekonstruieren ihre Bewegungen und setzen sie neu zusammen.

„Der Sound“, sagt Haring, „ist das Wichtigste, davon gehen wir aus. Das Experimentieren mit akustischen Settings ist integraler Bestandteil jedes Bühnenstücks. Der Sound ist schon da, bevor ich mit der Choreografie beginne.“ Natürlich ist auch die gemeinsam mit Blazy ausgwählte Gartenbepflanzung schon da. Der Auswahlprozess ist schwierig und langwierig, weil Blazy mit einem reichhaltigen Fundus an Materialien experimentiert. Ursprünglich hätten diesmal Glasnudeln den Garten bewachsen sollen. Doch dann wurde der Kunststoff bevorzugt, aber Chris Haring hängt am Nudeltopf: "Die kommen schon auch noch dran." Vielleicht, wenn der Garten im Freien aufgebaut wird.

Die modulare Konstruktion der Gärten hat nämlich, abgesehen von der darunter liegenden Theorie, auch einen praktischen Wert. „Wir können Teile herausnehmen und in anderer Umgebung zeigen oder mit anderen Teilen neu zusammensetzen. Unser Ausgangspunkt ist willkürlich gewählt: Eine einzige Minute aus dem Probenprozess haben wir zur zentralen Szene der Aufführung gemacht. Damit wird gespielt.“ Der Garten ist transportabel und „Mush Room“ wird nach der Uraufführung im Tanzquartier auch auf dem Residenzplatz in Salzburg, mitproduziert von der Szene Salzburg, zu sehen sein. Ebenso beim Festival tanz ist in Dornbirn und im Hochsommer beim Internationalen ImPulsTanz Festival in Wien.

Ein gutes halbes Jahr arbeitet Haring mit seinem Team (jeweils aus allen Ecken der Welt anreisend) an einem neuen Gartenmodul. Ruhender Pol und langjährige Stütze von Liquid Loft: die Tänzerin und Choreographin Stephanie Cumming, die im Schwammerlgarten sowohl mittanzt als auch als choreografische Assistentin ist. Apropos „Schwammerl“, genau das soll „Mush Room“ nicht sein, sondern „ein Schwammerlaktionismus, ein Marionettentheater.“ Sich als Zuschauerin im „Perfect Garden“ zu unterhalten, ist erlaubt, kuscheliges Wohlgefühl und purer ästhetischer Genuss jedoch nicht beabsichtigt.

Chris Haring / Liquid Loft: „Mush Room“, 9., 10., 11. Februar 2012, Tanzquartier, Halle G.