bosse1„Oder die Evakuierung der Gegenwart“ untertitelt Claudia Bosse ihre jüngste, im Tanzquartier Wien erstaufgeführte Arbeit „Oracle and Sacrifice1“. Mit archaischer Anmutung ins Zeitgenössische, beinahe Zeitlose gestellt, hinterfragt Claudia Bosse Begriffe wie Opfer und Oracle auf ihre Deutung und Bedeutung in den Zeiten und Kulturen, vor allem aber im Jetzt und Hier.

Inspiration waren die von den Babyloniern kultivierten Leber-Orakel, später auch von anderen Völkern, so den Etruskern, übernommenen, die nach dem Prinzip des „pars pro toto“ den Willen Gottes im Aussehen von Lebern geschlachteter Opfer-Schafe erforschten. Ausgebildete Opferschauer leiteten daraus Aussagen über die Zukunft ab. „Was wäre, wenn wir unsere Zukunft in unseren Organen tragen?“

Vor 25 Jahren gründete Claudia Bosse ihr „theatercombinat“, mit dem sie seit dem „experimentelle Aktions- und Wahrnehmungsräume zwischen Theater, Installation, Choreographie, Performance und Diskurs“ entwickelt. Begehbar, oft im öffentlichen Raum, zuweilen mit Chören, also großen Gruppen projektgebunden eingeladener PerformerInnen. Auch „Oracle and Sacrifice“ wird solcher Art im Sommer des kommenden Jahres fortgesetzt. Der für sie neue Frontal-Charakter ihrer ersten Solo-Arbeit ist den Corona-induzierten Sicherheitsauflagen geschuldet. Den Begriff Solo erweitert Claudia Bosse augenzwinkernd. Zwei zeitweilige Parallel-Erscheinungen auf der weißen, fast wie ein steriler OP-Saal wirkenden Bühne, ihre „KomplizInnen“ Julia Zastava als alter ego und Jonas Tonnhofer, ein paar vergraute Organ-Präparate oder -Nachbauten, Röhren, Stäbe, Mikrofone und ein aufgeschlitzter Schaumstoff-Torso leisten ihr Gesellschaft. Eine frischrote, immer wieder per Gebläse und Schlauch aus dem Off gefüllte Lunge atmet die bedeutungsschwangere Bühnenluft.bosse3

Performativ führt sie das Publikum durch eine Reihe von orakelhaften Handlungen. Ein Bewegungs-Orakel, ein Haut-Ritual. Das Eier-Orakel wird an einem fast nackten Jüngling (Jonas Tonnhofer) vollzogen. Weitere, sich nicht immer erschließende, rituell wirkende Aktionen regen die Phantasie der Zuschauenden an, so sie mitgehen. In gläsernen Behältern auf die Bühne gezerrte, graue Organ-Präparate (Lebern?, Herzen?) schleudert sie, hängt sie sich um den Hals, stellt sie sich auf den Kopf.

Mit ihren Worten, englisch, deutsch, französisch, die ihr Atem schwer beginnt zu formen, untersucht sie „Opfer“, „opfern“, „geopfert werden“, „sich opfern“, „Ritual“, „Gewalt“, „Verbrechen“, kontextualisiert deren Bedeutungen im Wandel von religiösen, politischen, sozialen und gesellschaftlichen Verhältnissen und Instrumentalisierungen. Sie spricht im vollendeten Futur und begibt sich damit neben alle Zeit, stellt so Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig in diesen weißen Bühnenraum. Eine Bielefelder Staatsanwältin, die tatsächlich auch Claudia Bosse heißt, lässt sie auf der Bühne berichten. Von Gerechtigkeit spricht sie, von Beziehungstaten und den Abgründen des Menschen. Während die Künstlerin Bosse mit ihrem Spiegelbild ringt. Sie singt mit elektronisch in verschiedenen Intervallen verdoppelter Stimme (Sound: Günther Auer), redet viele Worte, auch mit „Leihgaben“ von Christa Wolf. Gegen Ende legt sie drei Mikrofone vor eines der vergrauten Organe, um dessen Botschaft in den Saal zu tragen.

bosse2Die den Menschen ausmachende Dreieinigkeit aus Körper, Geist und Seele reduziert Claudia Bosse in ihren Sujets vielfach auf den denkenden Körper. Die Untersuchung der Erscheinungen und des Prozesses des sich Manifestierens in ihnen jedoch vernachlässigt das sie erzeugende Moment, das, was sich im Physischen schließlich repräsentiert. Vielleicht liegt darin der etwas sperrige, sich einer vornehmlich rationalen Rezeption anbietende Charakter dieser komplexen, vielschichtigen und -deutigen Arbeit begründet.

Das Bedürfnis nach Sicherheit ist Produkt der Angst vor dem Leben, das, zunehmend komplex, unübersichtlich und voller wenig erfreulicher Prognosen, sich jeder Kontrolle entzieht. Weil es Leben ist.bosse4

„Wie lange kann Gaia uns noch tragen?“, fragt die Leber dreistimmig. Und die mythische Personifikation der Erde Gaia aka Claudia Bosse trägt schwer an einem von der Decke gefallenen Herzen, das sie fast erdrückt mit seinem Gewicht. Der Donner grollt. Auf allen Vieren stemmt sie sich der Last entgegen, der Last eines mit zu- und eingeschriebenen Bedeutungen aufgeblasenen riesigen Herzens. Aus Plastik, weiß, blutleer, tot. Es taugt nicht mehr zum Orakeln. So muss sie schlachten und findet die Antwort auf ihre Frage in den Eingeweiden des Lebens ...

Claudia Bosse: „Oracle and Sacrifice oder die Evakuierung der Gegenwart“, am 9., Oktober 2020 im Tanzquartier Wien