DjordjevVom viel-schneidigen Vergnügen des Zuschauens – so könnten drei Veranstaltungen des zweiten „steirischer herbst“ - Wochenendes auf einen gemeinsamen thematischen Nenner gebracht werden: „A Place That Will Be the Last to Collapse, But That Will Inevitably Collapse”, „no apokalypse not now“ und „Das Vergnügen ist ganz unsererseits“. Formal verbindet sie Gegensätzlichkeit – sowohl was technischen Aufwand als auch was Aufführungsorte betrifft. Die Nach-Wirkung liegt im Detail.

Ein deftig-zartbitteres Kammerspiel

Die Performance „A Place That Will Be the Last to Collapse, But That Will Inevitably Collapse” (Autor: Goran Ferčec, Regie:Bojan Djordjev) stellt ihren dichten Text (in dem es zwar die eine oder andere kleine inhaltliche Wiederholung gibt, der aber ansonsten nahezu ohne Atemholen einprasselt) in einen metaphorischen Rahmen, in einen lokalen. Spielt doch die fiktive „Handlung“, die sich in Überlegungen, Beobachtungen, Erinnerungen und Ahnungen der wirr-logischen Gehirnganglien zweier Köpfe manifestiert, im Haludovo Palace Hotel auf Krk in der Zeit des ehemaligen Jugoslawien, in einem Luxushotel der dekadentesten Art also. In einem, das allerdings schon nach einem Jahr in Konkurs ging (und nun verfällt). Gehalten wurden die Monologe eines Mannes (Werner Halbedl) und einer Frau (Jula Zangger) in einer Suite des Grazer Grand Hotel Wiesler; vorgeführt in „choreographierten Bewegungen“, wie es am Programmzettel treffend heißt, für ein zahlenmäßig sehr begrenztes Publikum in dennoch als eng, aber damit als unmittelbar empfundenen und jeweils bestens genutzten (verhängten und chaotisch drapierten) Räumen - mehrfach „verkommenen“, in subtiler Art beengend. Hautnah war jeder einzelne Teilnehmer somit auch bei den beiden Darstellern, die in nahezu ausnahmsloser Präsenz zwischen den Zusehern ihre ironisch-sarkastischen, gesellschaftskritisch zukunftspessimistischen und vergangenheitsanalysierenden Texte „spielten“: gleichermaßen überzeugend engagiert wie distanziert.Djordjev2

Ein quasi touristisches Trampeln über Ideen-Trümmer, ein Beschau ideologischer Reste; ein wahrlich bedrückendes Vergnügen für Augen und Ohren in seinem perspektivenreichen Aufblättern vergangener und gegenwärtiger Schein-Zustände, Machtkämpfe und ausbeutender Lebensformen auf jeder Seite politischer Ideologien. Ein hochintellektuelles, deftig-zartbitteres Kammerspiel kunstvollster Art.

AshbelReste der Zivilgesellschaft

Auf der großen, technisch gut ausgestatteten Bühne des Grazer Orpheums machten sich Ariel Ashbel and friends in „no apokalypse not now“ aufwändig auf die Suche nach dem, was war, ist und in Zukunft sein könnte.“To make a new world you start with an old one, certainly“, heißt es einmal in dem wenigen, was an Text vorkommt. Zu Beginn wohlumhüllt in einem einschmeichelnden Musik- und Lichtbad, sieht man sich dann konfrontiert mit diversen, auf der Bühne verteilten Resten einer Zivilgesellschaft. Was tun und ob tun, scheint die Frage. Nicht allzu lange gilt dies für die vier Darstellerinnen, von denen in mehr oder weniger absurder Weise geduldig und mit Konzentration mit dem Gesuchten/Gefundenen umgegangen wird. Rituelle Ansätze lassen sich ahnen, Aufarbeitungen allgemeingültige, persönlicher Erlebnisse (der Künstler) hineininterpretieren; Parallelen zur eigenen Hilflosigkeit und Unbeholfenheit vorstellen, wenn man vor so wenig fürs Weiterleben stünde. Mit viel an Muße und (vielleicht) Überlegen wird geschaut und dann (kaum nachvollziehbar) agiert. Der Zuseher schaut auch und versucht Wesentliches zu sehen, zu verstehen. Dass Aussichtslosigkeit nach gegenwärtigem Wissen und Empfinden zu Wutausbrüchen, zu Schreiorgien führt, kann nachempfunden werden; die Enttäuschung angesichts mancher Schimäre ebenso und dass entsprechend alter, hier angedeuteter Mythen geträumt wird auch. Mehr allerdings kaum. Dass Licht immer wieder im Fokus des Geschehens ist – in Form echten Feuers oder auch in der kreisender Scheinwerfer – lässt gerne hinschauen. Beim Zurückschauen ist es allerdings nicht mehr viel, was sich an Erhellendem auftut.

HannaRohnEine amüsant-informative Lecture-Performance

Hanna Rohn bezeichnet ihre kleine Soloarbeit „Das Vergnügen ist ganz unsererseits“ als Lecture-Performance - und das ist sie auch; Eine interaktive und eine, bei der auch das Zusehen Freude macht, denn die junge, in Graz lebende Performerin und Sozialpädagogin hat Bühnenpräsenz und in charmanter Manier die Fähigkeit, mit dem Publikum zu interagieren. Die Gedankengebäude, die sie rund um „pleasure“ und „desire“ (in Englisch) spinnt, sind weder provokant noch ironisch oder kritisch. Vielmehr versucht sie amüsant-informativ und auch mithilfe persönlicher Erfahrungen diese Begriffe näherzurücken, bewusster, verständlicher und damit greifbarer zu machen. Als Beitrag zu mehr, zu intensiverer Kommunikation – lautet eine mögliche Hypothese. Das zur späteren Stunde in der Herbstkantine vorwiegend junge Publikum war von der leichtfüßigen „Unterweisung“ sichtlich und in ihrer Art, die nicht sosehr nach künstlerischen Aspekten fragt, auch berechtigterweise angetan.

Steirischer Herbst: „A Place That Will Be the Last to Collapse, But That Will Inevitably Collapse”, 27. September, Grand Hotel Wiesler; „no apocalypse not now” , 28. September, Orpheum; “Das Vergnügen ist ganz unsererseits“, 28. September, herbstkantine