VerrueckteZum zweiten Mal wurden im binaren Festival der freien Theater in Graz, newsOFFstyria, aktuelle Entwicklungen in der darstellenden Kunst vorgestellt. Aus den zahlreichen Einreichungen hatte eine dreiköpfige internationale Jury fünf Projekte ausgewählt, die in Kooperation von theaterland steiermark und den steirischen Theaterfesten der Regionen für das Festival produziert und als Premieren präsentiert wurden.

Ob „wir funktionieren“, wie das diesjährige Motto der Theaterfeste lautet, ist tatsächlich und wie Peter Fasshuber, künstlerische Leiter von theaterland steiermark im Vorwort der Programmbroschüre schreibt, ein durchgängiges Thema der Projektauswahl. Verschränkt mit Fragen nach dem Wie und Warum bzw. ob nicht auch das Gegenteil legitim sei.

Über das Anders-Funktionieren

In dieser letztgenannten Weise hinterfragen Hanna Rohn (A) und Emma Berentsen (NL/UK) in „Verrückte“ einerseits die sprachliche Komponente des Anders-Funktionierens im gängigen Alltag sowie, in Interaktion mit dem Publikum, andererseits den von so manchem als fließend eingestuften Standort von Künstlern zwischen mental health und crazy. Das Künstlerische ihrer Performance manifestiert sich in ihrem zwar zurückhaltenden, aber durchwegs überzeugenden darstellenden Spiel (eingestreut auch eine nonverbale, dem contact dance nicht ganz ferne Bewegungsszene) und vor allem in der kreativen, fein durchdachten Aufbereitung sowie Präsentation der weitläufigen und perspektivenreich präsentierten Thematik. Die Dichte der Performance verlangt dem Publikum einiges ab; und so ist man für die eine oder andere Länge in den Texten nahezu dankbar, um gedanklich kurz durchzuatmen. Und in diesem Sinne passt auch die ein wenig ins Leere gehende, für das Publikum intentional wohl auflockernd gedachte Abschlussszene. Es gibt auch so ausreichend Inhalt, der nach-denken lässt.Planeten

Was für das Eröffnungsstück „Keep Stroke“ von Das Planetenparty Prinzip nicht so sehr gesagt werden kann. Das den Inhalt umreißende „Wer nicht im Takt geht, muss gehen“ ist zwar – wie auch der Ankündigungstext – vielversprechend und griffig, kommt aber einerseits nicht mit der notwendigen Überzeugungskraft über die Bühne und lässt vor allem Kreativität in der Be- und Ausarbeitung der (sehr bekannten) Inhalte vermissen: ob etwa mittels überraschender Ecken, scharfer Kanten, leichtfüßigem Witz oder Ironie. Am ehesten entspricht dem noch ihr Abgang mit den Worten: „Da wir nicht wissen, was das Ende ist und was nach dem Ende kommt …“

Zucht(Selbst-)Disziplinierung und Frauenpower

Anders die jungen Darstellerinnen vom Tao! Theater am Ortweinplatz, die den Biss, den sie in der fordernden Vorbereitungszeit haben mussten (übungshalber hautnah erlebter körperlicher Drill), auch über die Rampe brachten; mit einem Ergebnis das (dem Publikum) beinhart unter die Haut ging. Zusätzlich zeigten sie aber auch die Fähigkeit zu wandlungsreichem und sehr feinem darstellenden Spiel. In einer Darbietung, in einem eigenwillig-interessanten Szenen-Mosaik (Regie: Simon Windisch), dessen Teile allerdings kein Ganzes geworden sind; Teile, die sich zwar sehr wohl rund um erwartetes, gefordertes, erträumtes Funktionieren rankten, aber nicht so recht einen gemeinsamen roten Faden fanden. Und noch weniger den passenden Titel, der da lautet: „ZUCHT – neue Zeiten brauchen neue Körper“. In bester Erinnerung bleibt nichtsdestotrotz die Claude Monet-Szene „Picknick im Grünen“: mit gesittet in der Idylle posierenden Damen, die letztlich ja doch gelangweilt den Ausbruch proben – auf der Suche nach ihrer Identität; sowie differenziert Beleuchtetes, Blitzlichtartiges zum Thema Krieg, zur selbst auferlegten Unterordnung, ja Demütigung anhand körperlicher Schmerzen, hier anhand konkreter Ohrfeigen.JulaLena

Landläufig haben Damen (feine) Hände; diese beiden, „JULALENA“ (Jula Zangger und Lena Westphal), haben Theater-Pratzen. Zum bereits 4.Mal in diesem Jahr luden sie mit „Wie du mir so ich dir“ zu einer rundherum und im besten Sinne „selbstgestrickten“ Premiere; zu einem wiederum völlig anderen Thema. Zu einer „Performance und Installation am Bauernmarkt der Zukunft“. In der ehemaligen Grazer Schlachthofhalle und damit auch jetzt noch zwischen Käse und Wurstwaren, Obst und Gemüse; mitten hinein in das dortige, abendliche Stammpublikum. Ihre szenischen Gustostückerln der theatralisch verspielt aufgespielten Art sind aufgefädelt um das bunte Glitzern der 7 Todsünden – in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Erzählen kann man da nichts; das muss man gesehen und gespürt haben, diese brutal-groteske Lebensnähe wie Lebensfreude, diesen getänzelten Totentanz. Nahezu nebenbei, wiewohl sehr textintensiv erfährt man glasklare Fakten zu Bestehendem und sich drohend Entwickelndem. Man wird zumindest daran erinnert: an das, was scheinbar ist und was sein sollte. Selbstverständlich für die beiden nicht ohne Galgenhumor, der sich frech um philosophische Fragen und bitterernste Kritik schlängelt.

TheFrameAlltags-Sensibilisierung

Einen Spiegel der ganz anderen Art halten die gesittet spazierenden oder auch zielstrebig vorbeieilenden Fußgänger in der Grazer Hauptgeschäftsstraße dem sie beobachtenden Publikum vor. Brav auf Bänke in eine Nebenstraße gesetzt und mit Kopfhörern versehen, die mit Musik oder auch einfachen, naheliegenden Texten zu den konkret Vorbeigehenden versorgen oder aber zu Menschenmöglichem ganz allgemein aufhorchen lassen. Die vier Stückentwickler von Eléctrico 28 ließen sich für „[THE FRAME]“ von Georges Perecs und seinen Beobachtungen und Listen anregen. So einfach das Setting der schlichten Wahrnehmung von alltäglichen Begebenheiten und den kleinen Eingriffen der Spieler in dieses mittels Tafeln oder Fragen an die Gehenden wie etwa „What are you doing?“ auch ist – was nehmen wir überhaupt (noch) wahr im Multitasking-Setting unserer Zeit? Eine nette Anregung zur Alltags-Sensibilisierung, die durchaus nachhaltigere Folgen haben könnte; und sei es nur, auch einmal spazieren zu gehen – ohne zu funktionieren.

newsOFFstyria. Die Premierenwoche der Freien Theater in Graz, 10.-14.September 2019: Keep Stroke, 10.September, „Verrückte“ am 11.September, „Zucht“ am 12.September,17h, “Wie du mir, so ich dir“ am 12.September 2019, 20h, „[THE FRAME]“ am 13.September