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Midsummer2Zweimal Shakespeare gab es im April im Theater an der Wien: Benjamin Brittens „A Midsummer Night’s Dream“ und das Opernmedley „Wherefore Love“ von Jugend an der Wien, das sich an den Sommernachtstraum anlehnte. Bei beiden Produktionen stand Puck, der Unheilstifter, im Mittelpunkt der Handlung.  Während die Britten-Oper musikalisch vollends, aber szenisch weit weniger überzeugte, zeichnete sich die Regie der Jugendoper erneut durch ihre differenzierte Rollengestaltung aus.

A Midsummer Night’s Dream

Regisseur Damiano Michieletto verlegte Shakespeares Story aus dem geheimnisumwitterten Wald in einen gänzlich unromantischen Turnsaal (Bühnenbild: Paolo Fantin). Denn sein Puck ist ein Waisenkind, dessen Eltern bei einem Autounfall umgekommen sind. Diese fantasiert er sich nun als Oberon und Tytania im Feenreich zusammen. Erst gegen Ende werden wir Zeuge des Unfalls: als Pyramus und Thisbe in der als Satire inszenierten „Antikentragödie“ der Handwerker ihren Doppelselbstmord ausführen, wird der Autounfall per Video eingeblendet.Midsummer3

Damit fügt Michieletto den mehrfachen Handlungssträngen des Stücks – die Feenwelt, die Liebenden (Hermia, Lysander, Helena und Demetrius) und die Handwerker – also noch eine zusätzliche Ebene hinzu und beraubt gleichzeitig die Komödie ihrer Leichtigkeit. Denn Maresi Riegner verkörpert den Puck als traumatisiertes Kind, als Außenseiter, der sich in der Welt nicht zurecht findet. Diese Konstruktion erweist sich nicht zwingend als schlüssig. Ebensogut hätte man Puck in ein Altersheim versetzen könnten. Dann wäre zumindest der Komödiencharakter erhalten geblieben, wenn Puck Demetrius und Lysander verwechselt und dem Falschen die Liebestropfen in die Augen träufelt. Dem Befehl Oberons folgend sollte er ja Helena und Demetrius miteinander vereinen, was bekanntlich vorerst daneben geht. Auch die Doppelrolle von Tytania als Feenkönigin und (verstorbende) Mutter wird nicht logischer, wenn sie etwa den Esel als Objekt ihrer Liebe besingt und sich dabei nur auf den Puck bezieht.

Midsummer1Musikalisch stellte diese Inszenierung hingegen wohl ein Highlight der laufenden Wiener Opernsaison dar: Die Wiener Symphoniker schwingen mit dem Zauber des nächtlichen Waldtreibens in Brittens Komposition unter der Leitung von Antonello Manacorda. Mit dem lyrische Countertenor Bejun Metha als Oberon und Daniela Fally als Tytania sind die Hauptpartien optimal besetzt, an deren Seite die Liebenden Natalia Kawalek (Hermia), Mirella Hagen (Helena), Rupert Charlesworth (Lysander) und Tobias Greenhalgh (Demtrius) sowie die Handwerker, die Theater im Theater proben, gesanglich ebenso bestehen.

Mit der musikalischen Qualität kann die Regie jedoch nicht mithalten. Pucks imaginierter Wald senkte sich als grüne Leuchtröhren-Installation auf den tristen Schulsaal. Fallys stilisiert-manieristischen Armhaltungen lassen Tytania eher wie eine Gliederpuppe denn als Geisterwesen erscheinen. Ebensowenig feenhaft gaben sich die St. Florianer Sängerknaben. Sie scheinen überhaupt vorbereitungslos auf die Bühne geschickt worden sein. Scheinbar lustlos sangen und agierten sie, und sahen dabei eher hilflos aus. Etwa, wenn sie wie Schüler in der Pause halbherzige Klimmzüge an den Turngeräten versuchten. (Bekommen Knabenchöre eigentlich kein Bewegungstraining?`)

Midsummer4Midsummer5Es scheint als hätte Michieletto bei seiner Regie all sein Augenmerk auf das Handwerker-Schauspiel gelegt. Denn die Komödie um Pyramus und Thisbe ist als Laientheater vom Feinsten in Szene gesetzt und mit dem richtigen Timing landeten die humorvollen Pointen von Nick Bottom als Pyramus (Tareq Nazmi), Francis Flute als Thisbe (Lukas Jakobski) und vor allem von Tom Snout als die sie trennende Wand (Andrew Owens) ganz à la Shakespeare.

jugendprojekt1Wherefore Love

Das partizipative Format der Jugendoper "Wherefore Love. Shaekespeare, ein Jugendtraum" ist in punkto sorgfältiger Personenführung durchgehend ein role model. Der junge Regisseur Daniel Pfluger, der schon im letzten Jahr das Jugendprojekt („Die Leiden des jungen Faust“, tanz.at berichtete) im Theater an der Wien realisierte, scheut keine Mühen, sein Ensemble von 50 Jugendlichen zwischen 14 und 24 auf ihre Rollen vorzubereiten. Alle haben sie Bühnenpräsenz gelernt, auch das Chormitglied in der letzten Reihe weiß, worum es geht.jugendprojekt2

Zur Ouvertüre, Mendelsohn-Bartholdys „Hochzeitsmarsch“ aus „Ein Sommernachtstraum“, setzen sich die Mädchen und Burschen für ihre Selfies in Szene, bis Puck kommt und erste Fragen nach diesem Ding, genannt Liebe, stellt. Seit Oktober letzten Jahres haben die TeilnehmerInnen Texte und Rollen zu diesem Thema entwickelt, die Pfluger dann zu einer Komödie in fünf Akten zusammenbaute. In Monologen und Dialogen wird über die Liebe und deren Sinnhaftigkeit philosophiert, wobei die flotten Texte in Anlehnung an Shakespeare von den Jugendlichen adaptiert und die Charaktere des Sommernachtstraums mit Romeo und Julia sowie eigenen Rollenkreationen ergänzt wurden. Der Wechsel der unterschiedlichen Ebenen funktioniert reibungslos, denn es sind die DarstellerInnen, die hier vollends überzeugen. Vielleicht waren die SolistInnen nicht ganz so stimmfest wie in der letztjährigen Produktion, aber zumindest ebenso hochmotiviert und engagiert. Dafür entpuppte sich das Ensemble heuer in den Tanzeinlagen als bestens koordiniertes Corps de ballet. (Regelmäßiges Tanztraining ist übrigens ebenso wie Stimm- und Schauspieltraining Teil des Projekts.)

jugendprojekt3Aus dem Bühnenbild von „A Midsummer Night’s Dream“ waren die Turngeräte verschwunden und die Ausstattung auf das mobile Proszenium reduziert. Das Handwerkertheater aus dem Sommernachtstraum wird in dieser Shakespeareschen Liebescollage an einen Solisten übertragen: Anton Puscha intoniert einen Liebesarien-Reigen von Mozart bis Lehár. Mit beeindruckender Sicherheit singt er jeweils den Anfang der sehr unterschiedlichen Lieder, begleitet von fliegenden Kostümwechseln.

„Wherefore Love“ realisiert aber auch immer wieder den Zauber von Shakespeares Komödie: So schweben zwei freche Luftgeister mit Federfingern zu Purcells „We the spirits of the air“ aus „Indian Queen“ auf die Irdischen herunter, um ihre Liebesambitionen schön durcheinander zu wirbeln. Das jüngste Ensemblemitglied hat die stumme Rolle des in rosa gekleideten Amor inne. Nur ist er leider frustriert, weil er seit den Social Media keine Arbeit mehr hat, und tritt schließlich in Streik. Flatterhaft betörend die zwei  Elfen mit ihrem fantasievollen Kopfschmuck, der ihre Herkunft aus dem Wald gleich verrät. Magisch der Sternenhimmel, den die Gruppe mit Handy-Taschenlampen in den Raum zeichnet.jugendprojekt5

Für die Musikdramaturgie von Purcell über Wagner zu Orff und Poulenc zeichneten der Regisseur gemeinsam mit dem musikalischen Leiter Raphael Schluesselberg verantwortlich, der das Orchester der Oberstufe des Musikgymnasiums Wien mit souveräner Hand führte.

Das Ergebnis ist ein kurzweiliges Musiktheater, das beim künstlerischen Qualitätsanspruch des Wiener Opernhauses keine Kompromisse macht. Kurz: Kulturpartizipation at its best und für die jungen TeilnehmerInnen wohl Empowerment pur.

Das nächste Jugendprojekt dreht sich übrigens um das Motto "Traum und Wirklichkeit". Die Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! laufen bereits.

„A Midsummernight’s Dream“ von Benjamin Britten am 23. April 2018, „Wherefore Love. Shakespeare, ein Jugendtraum“ am 29. April 2018 im Theater an der Wien