LindsayAn die Kombination aus Tanz und Violine, aus Klassik, Dubstep, Hip Hop und Pop glaubte außer Lindsay Sterling aus dem kalifornischen Orange County zunächst keiner. Auf ihrem Weg nach oben musste die „tanzende Geigerin“ viel Ablehnung, Widerstand und Entwertung einstecken. Heute gilt sie als die berühmteste Geigerin der Welt. Bekannt geworden ist sie mit ihren selbstproduzierten Musikvideos über youtube.

Zurzeit tourt die Dreißigjährige mit ihrer aktuellen Bühnenshow „Brave enough“. In Wien füllte sie am 7. März die Stadthalle damit. Kämpfte ihre sympathische Vorband, „The „Retrossettes“ aus Manchester tapfer aber vergeblich mit den Dimensionen der Halle, war es Lindsay Sterling, die immer schon groß gedacht hat, ein Leichtes, diese mit ihrer Geige, Keyboarder, Schlagzeuger, vier Tänzerinnen und actionreichen Videos zu füllen.         

„Ich liebe es, Geige zu spielen, zu tanzen, zu komponieren, Videos zu schneiden, mich zu verkleiden und zu performen. Also habe ich das alles miteinander kombiniert, und das kommt dabei raus.“ An ihre Bühnenshow geht sie mit der Unbefangenheit und Sprunghaftigkeit eines Kindes heran. Fegt mit vollem Elan durch in giftige Farben getauchte Landschaften, grafische Entwürfe, zerplatzt in einer Blase aus Eis, fiedelt Mozart auf einer Kindergeige, um über ihre Anfänge zu berichten, überbrückt ihren Kostümwechsel mit unlustigen Backstage-Kalauern und lässt sich im Revue-Mäderl-Kostüm von ihren Tänzerinnen in einer Zauberbox in Stücke schneiden und wieder zusammen setzen – immer fiedelnd mit der Geige in der Hand. Die Leichtigkeit, mit der sie ihr Geigenspiel mit einer übermütigen aber präzisen Mischung aus Ballett und Hip Hop fusioniert, kommt so selbstverständlich daher, dass man ganz vergisst, wieviel Kraft und Koordination dahinter stecken

Auf einen dramaturgischen Bogen legt Sterling dabei keinen großen Wert. Wenn ihre bildgewaltigen Videos von Eis zu Feuer wechseln, bleibt das Wechselspiel der Elemente im Rausch der optischen Selbstbespiegelung stecken, lassen sich hinter der Selbstinszenierung bei ihren Kostümwechseln beim besten Willen keine Transformationsprozesse oder Rollenwechsel herbeiargumentieren. Und selbst wenn sich die Westernkulisse in ein virtuelles grafisches Muster verwandelt, in dem sich ein Rapper in Pixels auflöst, scheint dem kein größerer Plan zugrunde zu liegen und lässt sich keinerlei Statement zur Geschichte Amerikas vom wilden Westen zur Oral History der afromakerikanischen Musik ableiten. Da hilft nicht einmal das Theodor Roosevelt-Zitat: “It is not the critic who counts; not the man who points out how the strong man stumbles, or where the doer of deeds could have done them better. The credit belongs to the man who is actually in the arena.“

Interessanterweise stört das alles nicht. Denn Lindsay Sterling ist die Frau in der Arena. Und die will gar keine Philosophin sein. Keine Frau der leisen Töne: Sie ist und sie tut. Und bei aller Selbstinszenierung ist nicht Lindsays sprunghafter oberflächenverliebter Geist das Zentrum, sondern ihre Geige, ihre „Stimme, die mir hilft mich auszudrücken.“ Und diese spricht so stark und eindrücklich, dass sie nicht nur Klassik, Dubstep, Pop und Rap vereint und locker gegen den Bass anspielt, sondern meist all das zusammen hält, was auseinander zu fallen droht. Die inneren Landschaften, die sie dabei erschafft, kompensieren dabei über weite Strecken die Mängel im Außen.

Lindsay Stirling, Konzert am 7. März 2017 in der Wiener Stadthalle