WingsOfDesire iconFliegende Wesen und der Zauber des Zaubers. Die taiwanesische Century Contemporary Dance Company (CCDC) gastierte am 30. September im Rahmen des Brucknerfestes im Linzer Posthof. Als Österreich-Premiere wurde das Stück „Wings of Desire“ in der Choreografie der künstlerischen Leiterin Shu-fen Yao gezeigt, eine Reminiszenz auf Wim Wenders Filmklassiker „Der Himmel über Berlin“. Davor tanzte die CCDC das Kurzstück „Wild Butterflies“ von Mario Schröder.

Das 35-minütige Stück „ Wild Butterflies“ von Mario Schröder, Ballettdirektor und Chefchoreograph des Leipziger Balletts, wurde 2015 für die CCDC choreographiert. Es ist vor allem ein solide gebautes Kurzstück, das auf einen mittlerweile fast durchgreifend sich definierenden Stil von zeitgenössischem Tanz bezieht, der sich auch an den Staats- und Stadttheatern als dynamische Mixtur aus klassischem Ballett, Modern Dance und zeitgenössischen (Boden-)Techniken durchgesetzt zu haben scheint. Dieser Stil reichert sich auch gerne um weiteres Genre-Crossover an, wie in diesem Fall um ein wenig HipHop oder Martial Arts. Letztere Stileinsprengsel traten bei „Wild Butterflies“ allerdings eher im Kontext einer Erzählung hervor, die sich laut Programmheft als „Observation eines typischen Tages in Taipeh“ entwickelte, als dass sie besonders hervortretende Eigenheiten in der Tanzsprache dargestellt hätten. Ebenso trifft dies auf das titelgebende Schmetterlings-Thema zu, das sich, relativ spärlich eingesetzt, etwa als Flügelzittern in den Fingerspitzen zeigte – und sowieso als generelle Metapher im Tanz. Natürlich war das alles gut gemacht und mit Video- und Lichttechnik einwandfrei unterstützt. Bemerkenswert war zu Ende des Stücks eine Szene, die mit Eric Saties Gymnopédie No. 1 unterlegt war – also mit der Satie-Nummer schlechthin. Hier wurde statt der üblichen Klavierfassung eine relativ opulente Orchesterfassung gewählt, die zusammen mit einem völlig ironiefreien Schmetterlingsthema zu einem recht eindrücklichen Erlebnis wurde: Ob das die im Programmheft erwähnte „schwül-feuchte Atmosphäre von Taipeh in der Regenzeit“ ist, oder eher Lebensgefühl nach dem Schema Asiarestaurant, ob das leichter Tanzzauber mit echten Gefühlen drinnen war oder auch nur ein schwerer Schmalzhefen, bleibt hier dem Geschmack des Zuschauers, der Zuschauerin überlassen.WingsOfDesire2

„Wings of Desire“, das zweite Stück des Abends, gestaltete Shu-fen Yao, Gründerin und künstlerische Leiterin der CCDC, in Zusammenarbeit  mit dem deutschen Opernregisseur Thilo Reinhardt. Das 2013 uraufgeführte Stück  ist eine Reminiszenz an Wim Wenders Filmklassiker „Der Himmel über Berlin“ aus dem Jahr 1987. „Wings of Desire“ (übrigens auch der englische Film-Originaltitel) verweist durchgehend  auf  Themen, Szenen, Stimmungen im Film – nicht zuletzt durch die Verwendung von  Filmmusik. So sorgte Nick Caves „From Her to Eternity“ für einen düster-kraftvollen Einstieg in einen graugekleideten Alltag des getanzten menschlichen Elends zwischen Monotonie, Moloch und Ausbruch. Kurz darauf mischten sich zwischen die erhaben aufgestellten WächterInnen des Lebensmutes, also zwischen die zitierten Engelsgestalten, zwei sehr kleine Menschen – ein etwa dreijähriger Bub und ein älterer zwergwüchsiger Mann, beide in unterschiedlicher Beziehung  zum auch im Stück zitierten Handke-Gedicht „Lied vom Kindsein“ ( „Als das Kind Kind war“). Diese beiden Figuren, das Kind in kurzen Auftritten von sprühender Natürlichkeit und bemerkenswerter Aufmerksamkeit, sowie der Alte mit performativ-philosophischem Blick auf Zeit und Leben, bereicherten die tänzerische Präsenz der Company. Einer Company, die auch unter der künstlerisch-choreografischen Leitung von Shu-fen Yao einen Crossover-Style des Zeitgenössischen präsentierte – mit einer Stärke in dynamischen Gruppenszenen. Manches Mal transformierte dieser Tanzstil die Themen des Filmes sehr spannend  (Flugszene) manches Mal blieb beides eher unverbunden und die Handlungsanspielung untermalend (Zirkusszene). Durch das gesamte Stück zog sich ein im Programmheft vollmundig als ‚Cutting Edge’ der Tanz- und Performancekunst angekündigtes bahnbrechendes Zusammenwirken von Tanz, Videoprojektion, Design und Musik. Gemeint war damit sicherlich vor allem die Kombination aus großflächiger Projektion und Lichtdesign, die durch das gesamte Stück Effekte von dahinterliegender Welt, Transparenz und Perspektivenverschiebung erzeugte. State of the Art sind diese Anwendungen von Trick und Technologie, allerdings soll hier auf die allgemein praktizierte Theatertrickkiste, sowie auf die mittlerweile auch vielerorts beforschten künstlerischen Möglichkeiten der neuen Technologien verwiesen werden. Tatsächlich bescherten die Techniktricks von „Wings of Desire“ Momente voller Theaterzauber. Was das ‚Cutting Edge’ der künstlerischen Anwendung, also die Kombination von Aussage, Mitteln und Technologien betrifft, hat man zuweilen aber ein wenig das Gefühl, dass alles zusammen insofern zu sehr ins Gefällige schießt, als dass dem Stück der aktuelle, zeitgemäße künstlerische Stachel fehlt. Nicht zuletzt der künstlerische Stachel einer filmischen Vorlage, die melancholisch, aber umso existenzieller  am menschlichen Wesen rührte. Einer Vorlage, die selbst recht kraftvoll auf das Berlin der 80er Jahre, also bildlich gesprochen auf tristen Zirkus, böse Musik und Einsamkeit referenzierte. Schlussendlich bildete auch das am Ende des Stücks nochmals zitierte Handke-Gedicht vom Kindsein nur den Rahmen und nicht unbedingt die Aussage einer im Film sehr radikalen poetischen Behauptung: Dass sich eine, die als arme Trapezkünstlerin schon immer Richtung Himmel wollte, und ein anderer, den es eigentlich gar nicht gibt, der aber dann mit dem Auftrag der Liebe und mit der Aussteuer einer antiken Ritterrüstung auf die Erde geschickt wurde, tatsächlich treffen und glücklich werden können. Oder auch: No Future meets Ewigkeitsüberdruß. Leider fehlte diesbezüglich eine eindringliche eigenständige Aussage. Konklusio: Erstaunliche Momente, aber es ist nicht alles radikal poetisch, was sich zauberhaft gibt.

Century Contemporary Dance Company: "Wild Butterflies/Wings of Desire", Österreich-Premiere am 30. September im Linzer Posthof im Rahmen des Brucknerfestes.