locuscorpusWenn beim Betreten eines Ausstellungsraumes dem Besucher kurz der Atem stockt – zuerst aus Überraschung und dann aus Faszination –, dann hat da etwas gegriffen, dann hat eine Kunstaktion, eine künstlerische Geste seinen Adressaten, den Rezipienten, erreicht: So geschehen bei „Locus Corpus“, einer performativen Intervention in der Ausstellung „Bittersüße Transformation“ im Kunsthaus Graz.

So erlebbar durch fünf (bis zum Ende der Performance) bewegungslos auf dem Boden liegende, nackte, dezent drapierte Menschen-Körper – zwischen einer Wand mit kleinen Schwarz-Weiß-Bildern auf der einen Seite und auf Sockeln präsentierten Skulpturen auf der anderen Seite; nach hinten der Raum weit geöffnet.

In ihnen, in ihrer konsequenten, in ihrer geradezu erbarmungslosen Nicht-Bewegung manifestiert sich an diesem Abend am überzeugendsten das, was in diesem Projekt (Konzept und Bewegungsdesign: Ursula Gigler-Gausterer), im „Dialog über den Körper als Ursprung alles Erfahrbaren“ „(Alina Szaposznikow) vor Ort Vervollständigung zu den in der Ausstelllung präsentierten „fragmentierten Körpern“ zu sein versucht.

Nach diesem ersten, in der Tat „lustvollen Erfahrungsraum“ unbewegt lebendiger Skulpturalität war das an „Körperarchitekturen“ dem Publikum daraufhin Gebotene eher von wenig Markantem gekennzeichnet. Wenn die in weitgehender Nacktheit erfolgende Gegenüberstellung eines jungen und nicht mehr jungen Tänzerinnenkörpers bezwecken sollte, in deren ästhetischer Unterschiedlichkeit umso mehr die jeweilige individuelle Qualität in Bewegung und Ausdruckskraft hervorzukehren, hat sich dies dem Zuseher nur wenig vermittelt.locuscorpus2

Der darauffolgende Pas de Deux (Jessica Moretto, Xianghui Zeng) überzeugte hingegen: Zwar nicht, wie auf dem Folder angegeben, als in nachvollziehbar „gespiegelten Bewegungen von TänzerInnen, Publikum und Objekten“, aber sehr wohl als für sich stehende, intensiv-sinnlicher Bewegungs-Dialog. Die daraus resultierende Bewegungssequenz der beiden an der Wand in Form eines monologischen Dialogs in synchronen und asynchronen Variationen vermittelte und erreichte durch seine zurückhaltende Zartheit vielleicht sogar noch mehr an emotionaler Tiefe und erotischer Spannung.

Der sich schließlich als eine Art Handlungsstrang ergebende Pas de Trois hatte wiederum nichts von obigen Qualitäten: Nicht nur, weil er kaum etwas zur spezifischen Raumdynamik beitrug geschweige denn sie erweiterte oder intensivierte, sondern vor allem, weil hier durch wenig kreative Bewegungsabfolgen und oberflächliche Rollendarstellung nochmals die Chance vergeben wurde, jenseits klischeehafter Erwartungen individuelle Qualitäten im Körperausdruck ins Treffen zu führen: in dem einer jungen, sprühenden Frau oder eines sensibel-kraftstrotzenden jungen Mannes – und vor allem in dem einer erfahrenen, zutiefst und facettenreich geprägten Frau: grundsätzlich ideal besetzt mit der temporär zur sogenannten Tanzkompanie BWST geladenen Liz King, einer Persönlichkeit, die ohne jeden Zweifel über die hierfür notwendige künstlerische Kapazität verfügt.

Vergleichbar unterschiedlich wie die Qualität der einzelnen Szenen des Projekts waren die Reaktionen des Publikums; ihre Heftigkeit sowohl im Positiven wie auch im Negativen unterstreicht allerdings (konstruktiv interpretiert) das Wesentliche jeder künstlerischen Aktion: Sie soll etwas bewirken, bewegen – was jedenfalls geschah.

„Locus Corpus. Walking through“.  Eine Performance im Rahmen der 25. Internationalen Bühnewerkstatt & Tanztheaterfestival Graz 2016 am 30. Juni im Kunsthaus Graz