burrowsDas Duo Jonathan Burrows und Matteo Fargion gilt als Meilenstein der Performance Szene. Für ihr erstes Duett „Both Sitting Dances“ haben sie gleich einen Bessie Award kassiert. Doch was macht dieses „Programm der Reduktion“ mit vorwiegend im Sitzen und mit Handgesten ausgeführten Tänze, die Burrows, ehemaliger Solist der Royal Ballet zusammen mit dem Komponisten Matteo Fargion als choreografische Trademark entwickelt hat, so attraktiv?

Sicher spielen diese beiden Performer in einer eigenen Liga. Einerseits verfügen sie über eine ungewöhnliche Bühnenpräsenz, mit der sie mit noch so banalen Dingen ein Publikum fesseln können. Andererseits verleihen sie mit dem hinreißenden, britischen Humor des Understatement ihren Minimalaktionen Esprit und Witz. Bei aller Reduktion bleibt ihre Performance unterhaltsam. Grundlage ihrer Stücke ist immer eine spezifische Fragestellung. Doch auch wenn Burrows und Fargion dozieren, belehren sie nicht, sondern  erwecken beim Publikum eigene Anknüpfungspunkte.

Bei dem im Tanzquartier Wien gezeigten Doppelprogramm wird im ersten Teil nicht einmal mehr gestisch getanzt. Vielmehr beschränken sich Burrows und Fargion, in bequemen Lehnsesseln sitzend, darauf, Videos oder Hörproben einzuspielen und Texte über ihre persönliche Beweggründe vorzulesen, aufgrund derer sie ihre Auswahl getroffen. Der Titel „Show and Tell“ ist also Programm und bietet zur Einstimmung einen Videoclip, in dem Männer einer Festgesellschaft in Brampton, Nordengland, einen Jig tanzen. Es folgen: Morton Feldmans „For John Cage“; Szene 4 aus „Les Noces“ in der Einstudierung des Royal Ballet 1964; der Besuch der heiligen Könige bei Jesus in Pasolinis Film „Das 1. Evangelium – Matthäus“; Beispiele von Tadeusz Kantor, Merce Cunningham, Maurizio Kargl, des Reggae-Sängers Neil Fraser aka Mad Professor oder des Stand Up Comedian Max Wall. Dann setzt sich Fargion ans Klavier und begleitet mit Akkorden die schier unendliche Liste von Künstlern, Kunstwerken, Events der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Burrows von seinem Skript abliest. Das ergibt in Summe eine vielfältige Einführung in die neuere Kulturgeschichte. Ich erkennt zu gefühlten 90 Prozent die kulturellen Ikonen und wundere mich, was ich doch schon alles ge- und erlebt habe … (Kennt man heute noch Steely Dan?)

Im zweiten Teil des Abends, „Body Not Fit For Purpose“ wird es politisch: „The Arab-Israeli Conflict“, „A Case on Bankers“, „Special Interrogation Techniques“, „The War on Drugs“, „Respect the poor“ und Figuren wie Silvio Berlusconi, Vladimir Putin und George W. Bush werden musikalisch und gestisch dargestellt – nicht in Form einer pantomimischen Scharade, sondern abstrakt-pointiert mit Burrows bekannten „Handtänzen“. Dabei wird Fargion zunehmend ungehalten und drückt seinen Unmut mehrmals mit einem gebrüllten „Bankers, Bankers, Bankers“ ins Mikrofon.

Burrows und Fragion ist es auch an diesem Abend gelungen das Publikum auf ihre Reise mitzunehmen, einer Reise, in der zwei Männer mittleren Alters spielerisch ihre Vergangenheit und die Gegenwart untersuchen. Einigen war es wohl zu lang, sie sind vor Ende gegangen – und ja, ein paar Minuten kürzer wäre noch besser gewesen. Aber insgesamt bescherten uns Burrows und Fargion intelligentes Entertainment, das ganz beiläufig auf die Absurdität des Lebens verweist.

Jonathan Burrows und Matteo Fargion: „Show and Tell“, „Body Not Fit For Purpose“ am 2. Oktober 2015 im Tanzquartier Wien, weitere Vorstellung am 3. Oktober.