jedermannKaum zu glauben: In der kleinen Stadt Bruneck in Südtirol mit etwa 15.000 Einwohnern gibt es nicht nur ein Theater, sondern gar eine Europäische Theaterschule, gegründet und beharrlich geleitet von Klaus Gasperi. Zum Jahresabschluss spielten die SchülerInnen Felix Mitterers „Ein Jedermann“ in der Regie von Hanspeter Horner mit choreografischer Unterstützung von Yukie Koji, und zeichneten auch für Kostüme und Requisiten verantwortlich.

Felix Mitterer hat das Original von Hugo von Hofmannsthals „Spiel vom sterbenden reichen Mann“ in die heutige Welt des Turbo-Kapitalismus verlegt. Sein Jedermann ist der skrupellose Chef eines Stahl- und Waffenkonzerns, die Buhlschaft ist seine Sekretärin. Als Gott Vater, Gott Sohn und der Heilige Geist am Vorabend seines Todes über ihn zu Gericht sitzen, mischt sich auch der Teufel ein und erhebt Anspruch auf Jedermanns Seele. Er schleust sich in die Firma ein, gibt sich als Troubleshooter aus, fädelt mit ein paar Telefonaten lukrative Geschäfte ein und saniert das angeschlagene Geschäft. Dafür folgt Jedermann gerne seinen Anweisungen, besticht den Gewerkschaftsboss, damit die Arbeiter den Streik nach Massenentlassungen beenden; droht der Bundeskanzlerin mit Enthüllungen über dubiose Geschäfte, die von der Politik genehmigt waren; gibt sich dem Mammon hin – hier dargestellt von einem Vamp in roter Abendrobe. Das Karussell der testosteron-gesteuerten Aktionen erinnert an den die Memoiren von Jordan Belfort, verfilmt in „Wolf of the Wall Street“, der – ähnlich zynisch und plakativ – die Verstrickungen von Macht, Politik, Sex und Reichtum offen legte.

Als sein Tod naht, wird dieser Jedermann bei Mitterer nicht vom steinernen Gast aufgesucht, sondern von den Geistern seiner Vergangenheit heimgesucht – von seiner verstorbenen Frau, die er in den Selbstmord getrieben hat; von der Unternehmerin, deren Firma er sich in einer feindlichen Übernahme unter den Nagel gerissen hat und von den Kindern, die durch ihn zu Schaden gekommen sind. Hilfesuchend strecken sie ihm auf dem Videoscreen ihre Hände entgegen. Jedermann zeigt Reue, kann jedoch seinen Tod nicht mehr abwenden. Doch wohin die anschließende Reise geht, bleibt offen.jedermann2

Hanspeter Horner stand für seine Umsetzung des (1992 am Theater an der Josefstadt uraufgeführten) Stücks des Tiroler Dramatikers ein vorwiegend weiblicher Cast zur Verfügung. Die sechzehn Rollen wurden von neun SchauspielerInnen verkörpert. Doch Horner hat diese Ungleichgewichte geschickt mit Videos überbrückt, sodass eine Schauspielerin gleichzeitig in mehreren Charakteren auf der Bühne präsent sein konnte. Yukie Koji schaffte mit ihren expressiven choreografischen Einlagen atmosphärische Dichte, die der Handlung zusätzliche Dramatik verliehen und die Beklemmung spürbar machten.

Für die jungen SchauspielschülerInnen war die Aufführung eine enorme Herausforderung. Sie schlugen sich wacker in diesem Stück voll abgeklärtem Sarkasmus, für den ihnen wohl die Lebenserfahrung fehlt. Das Ergebnis war daher auch insgesamt eindimensional. Jedermann (Lukian Guttenbrunner) gab einen gemeinen Fiesling, der nur dem Teufel (von Marlies Untersteiner mit süffisantem Understatement gespielt) gegenüber fügsamen ist und in seiner Buhlschaft (Yamuna Müller) eine willige und berechnende Komplizin hat. Verblüffend war, dass die DarstellerInnen bei ihren multiplen Rollen nicht gleich identifizierbar waren. Da haben Yamuna Müller und ihr Team bei den Kostümen und Horst Herrmann bei den Videoaufnahmen gute Arbeit geleistet.

Ein Blick auf den Spielplan des Stadttheaters Bruneck zeigt, dass die Studentencompagnie vielfältig eingesetzt ist. So spielte sie in dieser Saison zum Beispiel auch in Hans Christian Andersens „Die Schneekönigin“, in der Monolog-Montage „23 People Project“ oder in „Tatort – ein Social Network Projekt“, mit dem das Ensemble in Südtiroler Schulen tourt. Die Europäische Theaterschule im beschaulichen Pustatal verfolgt also ein durchaus ambitioniertes Programm, das ihren SchülerInnen vielseitige Bühnenerfahrungen bietet.

Europäische Theaterschule in "Ein Jedermann" von Felix Mitterer im Stadttheater Bruneck am 13. Mai 2015