sacregrazWas vor 100 Jahren mit zügigem Schritt völlig neue Tanzpfade eroberte, wird durch das kluge Präsentations-Konzept dreier Choreographien dieser Zeit gut nachvollziehbar gemacht. Denn in diesem Programm, „Celebrating Sacre“, ist jedes der Werke von einem anderen Choreografen neu interpretiert worden – ein wenig in Analogie zu dem, was auch historisch durch divergierende Ansätze geschah.

Eröffnet wurde der Uraufführungsreigen mit „Daphnis“ zu Maurice Ravels Musik „Daphnis et Cloé“, choreographiert vom Grazer Ballettchef Darrel Toulon. Hinter dem langsam sich hebenden Vorhang wird man vorerst lediglich zweier Füße und Beine gewahr: Auf leisen Sohlen, geheimnisvoll, aber auch ein wenig beängstigend schleicht sich Pan (mit knalligem Irokesen-Schnitt) heran, zieht mit unaufhaltsamer Präsenz seine Kreise, verschwindet im Laufe des atmosphärischen Beziehungstableaus immer wieder, taucht wieder auf - unvorhersehbar (stark: Michael Munoz). Im Hintergrund vorerst: Genau und fein erarbeitet und widergegeben das holprige Gefühls-Erwachen von Daphnis (Bostjan Ivanjsic). Es folgt ein turbulentes, nicht unbedingt stringentes und damit im Grunde umso bezeichnenderes Auf und Ab jugendlicher Liebesbeziehung(en) und –wallung(en). Nicht immer fühlt man sich unmittelbar mitgenommen, manchmal aber auch sehr mitgerissen in den Empfindungs-Trubel, manchmal tief berührt von Szenen hoher Sensibilität und darstellerischer Kraft des Paares (Cloé: Jura Wanga). Dass mit dem Bühnenbild (Vibeke Andersen) das Füllen eines unbeschriebenen Blattes evoziert werden soll, ist nicht unbedingt ersichtlich, seine schlichte Abstraktion und diskrete Wandlungsfähigkeit aber umso überzeugender. Nicht ganz geglückt das „Beschreiben“ des Blattes durch Rutsch- und Kletteraktionen der Tänzer ebendort.

Mit „Fauno“ von Vasco Wellenkamp zu Claude Debussys „Prélude à l‘après-midi d’un faune“ wird nach der Pause fortgesetzt: in einem Bühnenbild zwischen Romantik (Felsen, Mond, Wald) und Gegenwart (geometrisch-schlichtes Sofa), was eine stimmige Parallele zur choreographischen Interpretation ergibt, insofern, als der Faun ein Zerrissener nicht nur grundsätzlich in seinem Wesen ist, sondern auch in seinen Emotionen, die zwischen Träumerisch-Gefühlsüberschwänglichem und ungezähmtem, ungefiltertem Lustverlangen changieren. Bostjan Ivanjsic ist dieser divergierenden Anforderung tänzerisch wie darstellerisch überzeugend gewachsen. Auch das von Wellenkamp intendierte, verwobene und rhythmische Nebeneinander von Realität und Traum geht gut auf, wenngleich kurze Spannungseinbrüche durch Ähnlichkeiten und Wiederholung nicht ganz zu übersehen sind.

„Sacre“ zur Musik „Le sacre du printemps“ von Igor Strawinsky steht in einer Interpretation des jungen Choreographen James Wilton aus England an diesem Abend auf dem Programm – nach einer sehr geglückten Überbrückung der kurzen Umbauphase: In riesigen Schreibmaschine-Buchstaben werden sämtliche Aufführungseckdaten dieses Werkes chronologisch auf den Vorhang „gehämmert“. Eine beeindruckende Auflistung der wichtigsten Choreographen des letzten Jahrhunderts.

Mit sicherer Hand hat Wilton seine beiden Solisten gewählt: Micháel Zábavik und Norikazu Aoki. Und auch sein inhaltlicher, zeitimmanenter Fokus geht auf: Die Darstellung der latenten, überbordenden Gewaltbereitschaft des Menschen. Aktueller denn je: die Macht der Masse respektive die Machtlosigkeit des Einzelnen gegenüber ihrem Sog. Kongenial das Lichtdesign von Mario Ilsanker sowie die Bühnengestaltung von Vibeke Andersen und, last but not least, die musikalische Leitung von Domingo Hindoyan (der durch seine Bemerkung bei der Einführungs-TanzNite zu diesem Stück, dass es nämlich außerordentlich schwierig zu interpretieren sei, besonders aufmerksam zuhören ließ).

Massenszenen in stampfend angespannter Eindringlichkeit, Gruppen in markant dezentralisiertem Agitationseinsatz, Pas seul, Pas de deux und Pas de trois in beklemmender Gewichtung – ein Minimalismus, eine „straightness“ , die das Publikum nachhaltig erreichen. Denn alle medialen Möglichkeiten sind auf ihre stringenten Notwendigkeiten reduziert - dem einen und anderen möglicherweise zu sehr – auf eine Ebene hie und da reduziert , während die in Duos abgehandelten Kämpfe gegen Schluss eine Reduktion gut vertragen würden.

Aber das alles wird nochmals in der Abschlussszene wettgemacht: von der bildlichen wie inhaltlichen Dimension der Strohpuppen einerseits und dem Abschluss-Pas de trois/ Pas de deux ( Aoki, Zábavik und Serge Desroches) andererseits.

Tanzkompanie der Oper Graz: „Celebrating Sacre“, Uraufführung an der Oper Graz am 16. März 2013. Weitere Vorstellungen: 21. März., 3., 5., 10., 26. April, 4. Mai, 2. und 9. Juni