kattqwIm Reich der Toten. Kat Válastur ad Libdances lässt im Tanzquartier vier Menschen eine Parallelwelt der Erinnerung betreten. In „Oh! Deep Sea – Corpus III your whole life passes before your eyes” ziehen auf den Körpern und Gesichtern der TänzerInnen Emotionen im Zeitraffer vorüber, die deren vergangene Erlebnisse spiegeln.

In ihren minimalistischen, abgehackten Bewegungen und ihrer Mimik wechseln rasch die Emotionen zwischen Freude, Abscheu, Verzweiflung und Trauer. Drei Tänzerinnen und ein Tänzer lassen ihr Leben noch einmal auf ihren Körpern - wie auf einer Film-Leinwand – Revue passieren. Der Film, den die Erinnerung aus ihrem Leben gemacht hat, weist Lücken und kleine Zeitsprünge auf, als würden nur die Besonderheiten zusammengefasst, nicht aber die dazu führenden unzähligen kleinen Details. Portraits der Tänzerinnen und des Tänzers werden dargestellt, in denen Episoden von Beziehungen zueinander in Rückschau aufgegriffen werden. Ihre Vornamen und Szenentitel sind auf einem grauen Gaze-Streifen, der die obere Hälfte über der Bühne füllt, zu lesen: Es tanzen Ana Laura Lozza, Ixchel Mendoza Hernández, Enrico Ticconi und die Choreografin Kat Válastur selbst.

Unter dem grauen Gaze-Streifen wurde die Bühne mit einem weißen Tanzboden-Quadrat ausgelegt. Die Umgrenzung des Quadrats bildet ein dunkler Streifen, in den die TänzerInnen aus der Szenerie ins Off entweichen, wenn eine ihrer Episoden beendet ist. Wenn eine Parallelhandlung im Heute stattfindet, laufen die Bewegungen „flüssig“ ab, ohne Lücken in der Erinnerung und Verkürzungen durch das Gedächtnis oder durch die Erzählung. Die Arbeit der griechischen Choreografin ist inspiriert von Homers Odyssee, von einer Episode, in der der König im Reich der Toten weilt, wo Raum und Zeit bedeutungslos werden. Dieses Entweichen in ein zeitliches Vakuum zeigt die Choreografin durch die fragmentarische, in sich gebrochene Darstellung.

Kat Válastur bleibt aber nicht bei Homers Odyssee haften, sondern erzählt sehr filmisch, mit Hilfe von Parallelhandlungen, Einschüben, Rückblicken und Perspektiven- und Erzählerwechseln heutige Versionen einer Odyssee – Selbstportraits, Träume, Entwicklungsgeschichten und mehr. Sie erzählt in einer interessanten, formal einwandfreien, klaren, kühlen Ästhetik. Aber die Unterschiede in den sechs Kapiteln, den Geschichten, Portraits und Episoden wurden nur schwach herausgearbeitet. So wird die im Ansatz sehr vielversprechende Arbeit zu einer zwar faszinierenden, im Verlauf des Abends sich allerdings wenig entwickelnden Reise in die Erinnerungswelt.

Kat Válastur ad Libdances: Oh! Deep Sea – Corpus III your whole life passes before your eyes, 1. Februar 2013, Tanzquartier Halle G, www.tqw.at