blaubartDas Märchen vom Ritter Blaubart, der seine Frauen ermordet, nimmt Choreograf Stephan Thoss nur als Ausgangspunkt für sein Ballett über die falsche und die richtige Liebe. Die Premiere des Wiener Staatsballetts in der Volksoper wurde zurecht mit großem Jubel aufgenommen. In den Hauptrollen brillierten Dagmar Kronberger, Kiril Kourlaev und Alice Firenze.

Dynamisch, brutal, explosiv und hoch emotional erzählt Thoss die Geschichte einer schwierigen Beziehung. Allerdings erst nach der Pause, wenn Blaubart die Neue auf sein Schloss führt. Dort lauert die Mutter. Keine Chance,  diesmal meint er es ernst.

Davor, im ersten Teil, werden zur Musik von Henryk Górecki Beziehungen geprobt. Die leere Bühne ist von aus Lot geratenen Wänden begrenzt, die nicht ganz auf den Boden reichen, sodass das die an den Beziehungsspielen Männer und Frauen (wechselweises Balzen, Flirten, Erobern, Dominieren, Unterwerfen – wenig zärtlich, meist wild und machtergreifend, manchmal witzig), auch drunter hervor kriechen können. Ein Aperçu im Bühnenbild – wie die in gedämpften Farben seidig schimmernden Kostüme ebenfalls von Stephan Thoss entworfen – macht nachdenklich: Links, hoch oben auf der schrägen Wand steht bedrohlich eine Männerfigur. Rührt sich nicht. Rechts hängt eine Frau im blutroten Gewand kopfüber am Treppengeländer. Tot. Ergebnis des Geschlechterkampfs oder doch nur eine Reminiszenz an den Ur-Blaubart? Diesen ersten Akt nennt Thoss „Präludien“, Vorspiele zur eigentlichen Geschichte. Erika Kovacovà und Kirill Kourlaev, Kiyoka Hashimoto und András Lukács, Maria Alati und Mihail Sosnovschi sowie Liudmila Trayan sind die nicht als Personen definieren SolistInnen, die die schwierige, gestenreich verschlungene Choreografie ebenso meistern wie das Corps de ballet.

Die eiskalte Mutter. Kourlaev ist nicht nur einer von vielen, sondern der Mann, Blaubart. Wie der Blitz trifft ihn die Liebe zu Judith (Alice Firenze), die er mit nach Hause nimmt. Jetzt, im zweiten Teil mit der anschwellend-abschwellenden Musik von Philip Glass, muss er ihr Vertrauen gewinnen, ihr alle seine Geheimnisse verraten und sich endlich von der besitzergreifenden aber eiskalten Spinnenmutter befreien. Mit der Darstellung dieser den Sohn fest in ihren klebrigen Insektenarmen haltenden Mutter, gelingt es Dagmar Kronberger Thoss’ expressive Tanzsprache makellos auszuführen. In einer mit starken hell-dunkel Kontrasten operierenden Lichtchoreografie von Klaus Krauspenhaar kommt Thoss’ Vorliebe, Arme und Beine als scheinbar unabhängig vom Torso in immer neuen Figuren und Verschlingungen einzusetzen, besonders zur Geltung. Kirill Kourlaev, hat nicht nur als „Schicksal“ in Patrick De Banas Ballett „Marie Antoinette“ gezeigt, wie sehr ihm die dem Ausdruckstanz entnommenen Vokabel, dramatische Rollen und „dunkle Charaktere“ (Kourlaev) liegen. Als Blaubart darf er mit Hilfe seines „Alter Ego“ (Andrey Kaydanovskiy)  trotz der Gespenster, die er nieder zu ringen hat, auch helle Seiten und warme Gefühle ausdrücken. So ist es Judith, der Braut, auch möglich die wüste Vergangenheit Blaubarts zu ertragen, der Mutter die Tür zu weisen – großartig das Bühnenbild mit den sich ständig verschiebenden Wänden, den Türen, die sich öffnend die Leichen im Seelenkeller freigeben und sich wieder schließend, Vergangenes verbergen – und Blaubart die Hand zu reichen. Alice Firenze, bereits als „Schatten der Marie Antoinette“ erfolgreich, hält als Judith mit den beiden Stars Kronberger und Kourlaev tapfer mit. Sie ist nicht nur ein glaubwürdige Judith, jung, unerfahren aber klug genug, des Mannes Geständnisse auszuhalten, sondern auch ohne Spitzenschuhe eine beeindruckende Tänzerin.

Perfektion im Orchestergraben. Das Gelingen dieses aufwühlenden Abends lag auch in Händen des Dirigenten Wolfgang Ott, der schon 2011 die Uraufführung des Balletts in Wiesbaden dirigiert hat. Willig folgte ihm das Volksopernorchester mit warmem Klang der Streicher und setzte Thoss’ perfekt an der Musik orientierter Choreografie noch ein Glanzlicht auf. Bedankt wurde auch Sayuri Hirano, Korrepetitorin an der Volksoper, für ihre Interpretation der beiden Klavierkonzerte (Górecki im 1. Akt, Philipp Glass im 2.) bedankt. Rundum also, mehr als Zufriedenheit.

„Blaubarts Geheimnis“, Ballett von Stephan Thoss, Premiere am 15. Dezember 2012, Volksoper.

Weitere Vorstellungen: 19.12., 17., 29.1., 1.2. und im Juni.