maia_steyeaertGroteskes Körpertheater. Raúl Maia und der Thomas Steyaert perfektionieren ihre eigenwillige Körpersprache und zaubern ein Stück Tanztheater in immer neuen Variationen auf die Bühne.

Sam Hogue und Augusts Benjamin (alter Ego von Maia und Steyaert) sind zwei große, hagere Männer mit langen Beinen und beweglichen Armen, Händen, Fingern, Füßen und Zehen und einem ganz eigenen Kopf. Sie tanzen ein Ballett, das mit dem herkömmlichen Begriff wohl wenig zu tun hat, aber ebenso präzise und aufregend ist. Für Sam und Augusts haben Raúl und Thomas ein spezielles physisches Kommunikationssystem entwickelt, in dem mit Wiederholungen und Spiegelungen gearbeitet wird, wobei Antrieb und Bewegungsreiz in Echtzeit wahrgenommen und verarbeitet werden. Aufgeführt wurden Variationen des „Balletts“ im Lauf des jahrelangen künstlerischen Prozesses zuerst auf öffentlichen Plätzen, am Strand und im Park,  im Museum und auch im Kinosaal. Die Bühnenfassung wurde im April 2011 im Cultursentrum De Spil von Roeselare, Belgien uraufgeführt. Beide Tänzer, Maia stammt aus Portugal, Steyaert ist Belgier, haben früher in Vim Vandekeybus’ Compagnie Ultima Vez getanzt.

Obwohl in der Begegnung, Anziehung und Abstoßung der beiden Körper keine Geschichte erzählt wird und den Bewegungen keinerlei Bedeutung unterlegt ist, entstehen im Kopf der Zuschauer, unterstützt von elektronischem Sound und Musik, eine nahezu unendlich fließende Reihe von Bildern und Situationen. So sehe ich die beiden ausgemergelten Figuren in schlotternden Unterhosen (diesmal) im Dunkeln stehen während der Wind heult, das Feuer knistert und der Donner grollt. Sie warten. Auf Godot oder auf sonst jemanden. Sam ruhig und senkrecht in die Höhe ragend, Augustus ihm zu Füßen liegend. Wenn es allmählich heller wird, beginnen auch die Standbilder sich zu bewegen –  im Zeitlupentempo, kaum wahrnehmbar. Bald verschmelzen sie zu einem Tier mit zwei Köpfen, vielen Armen und Beinen. Ein Kampf? Eine Umarmung? Abgewinkelte Ellbogen, Arme wie Schlangen, sich selbständig bewegende Zehen und Fersen, Rippen und Schulterblätter tanzen unabhängig vom Restkörper. Nach dem plötzlichen Einbruch von Discomusik sehe ich zwei hungrige Bettelmönche auf einsamer Straße, die einander umkreisen, voreinander fliehen, einander verfolgen, bis die tosende Musik ein Ende hat und die Körper wie erstarrt im Gleichgewicht bleiben. Bald verbiegt Sam wieder seinen Rumpf und Augustus versucht sich im Froschhüpfen. Am Ende wird die Kinese romantisch. Zum alten Satchmo-Hit “What a wonderful world“ (gesungen von Eva Cassidy) wird tatsächlich ein Tänzchen gewagt.

Sam Hogue (Raúl Mia) und Augustus Benjamin (Thomas Steyaert) zeigen ein Ballett der neuen Art, einen Tanz der Körper, Muskeln und Knochen, intensiv, spannend, mitunter auch beängstigend, ein kinetisches Theater, das für die Fantasie der ZuschauerInnen viel Raum lässt und dennoch nichts erzählt. Manchmal sprechen die beiden Performer von einem ritualisierten „mystic ballet“ – Tanz, spannend, aufwühlend, theatralisch auch und mitunter befremdend, doch Tanz in jedem Fall.

Raúl Maia & Thomas Steyaert: The Ballet of Sam Hogue and Augustus Benjamin“, 17. Juli 2012, WuK im Rahmen von ImPulsTanz.

Nächste Performance am 22. Juli.