dornroeschen_esina1Die zweite Vorstellung in nahezu total geänderter Besetzung degradiert die Premiere der „Dornröschen“-Serie an der Wiener Staatsoper zur Voraufführung. Artig überreichen die Feen ihre Geschenke im ersten Akt, akkurat tanzen die Paare im Pas de quatre im letzten. Und dazwischen brilliert Olga Esina als Aurora, fröhlich und gelöst als Teenager, kühl und unnahbar als Vision, verliebt und glücklich als erwachsene Braut.

Nicht erst als Olga Esina als Prinzessin Aurora nach dem Prolog auf die Bühne schwebt ist klar, dass diese Aufführung des Märchenballetts „Dornröschen“ (Marius Petipa / Peter Wright) ein Erlebnis sein wird. Schon wenn im Prolog die Damen und Herren des Corps de ballet die Blumengirlanden in anmutigem Bogen schwingen, darf ich mich freuen. Lebhaft und sicher tänzeln die Feen ihre Variationen, lassen kaum spüren, dass sie in der Rolle debütieren. Besonders angenehm auffallend: Rui Tamai als Fee des Gesanges mit Davide Dato; Franziska Wallner-Hollinek als Fee der Lebhaftigkeit mit Richard Szabó.

Dass Olga Esina in makelloser Technik die Bühne beherrscht, muss nicht betont werden. Doch sie ist auch ein menschliches Wesen, ein bezauberndes Girlie, das sich über seinen Geburtstag freut und kein Geschenk zurückweisen will, nur die Freier mit ihren grauen Perücken (würdig und attraktiv, zum ersten Mal: Igor Milos, Kamil Pavelka, Alexandru Tcacenco, Martin Winter) noch nicht brauchen kann. In der Vision, die die Fliederfee (Dagmar Kronbergers elegante Ausstrahlung und Bühnenpräsenz ist unnachahmlich) dem Prinzen (Vladimir Shishov) zaubert, tanzt Esina eine Traumfigur, schwerelos, immateriell. Dass das Böse auch schön und faszinierend sein kann, macht Ketevan Papava als Beleidigte und vor Rachedurst strahlende Carabosse klar. War sie in der ersten Aufführung der Serie trotz der gleißenden Schwärze des prächtigen Kostüms ein Lichtblick im dahinplätschernden Ablauf, ist sie nun schlicht ein Teil einer gelungenen Aufführung. Auch Shishov als Florimund trägt seinen Teil dazu bei. Ganz edler Prinz mit hervorragender Beinarbeit und weiten Sprüngen zeigt er auch Gefühle und reißt im Grand Pas am Schluss gemeinsam mit seiner Partnerin das Publikum immer wieder zu frenetischem Zwischenapplaus hin.

Einen der vielen Höhepunkte dieser Vorstellung schenken auch Davide Dato und Irina Tsymbal als verzaubertes Liebespaar. Dato ist ein edler Blauer Vogel, Tsymbal eine ebensolche Prinzessin. Auch dieses Paar feiert ein Rollendebüt. In die durchwegs festliche Stimmung fügt sich auch Dirigent Paul Connelly ein und animiert das Orchester Tschaikowskis Ballettmusik so zu spielen, wie es sich der Komponist gedacht hat. Eher jämmerlich sind wie üblich die Bläser, doch die Jagdszene des 2. Aktes, gehört sowieso nicht zu den besten Szenen, die Peter Wright eingefallen sind, auch wenn Lukas Gaudernak als Galifron eine liebenswerte Witzfigur abgibt. Wenn nach dem stupenden Grand Pas der Goldregen auf das königliche Paar fällt, sind tatsächlich alle glücklich. Die auf der Bühne, weil diese vorweihnachtliche Aufführung zum Fest geraten ist und die im Saal, weil sie daran teilhaben durften. Sie tun dies mit Trillerpfeifen und Hochrufen auch enthusiastisch kund.

„Dornröschen“, 2. Vorstellung der Serie in der Staatsoper am 23. Dezember 2011.