ifratelliFür sein Ballett „I Fratelli“ ließ sich der italienische Choreograf Maruo Bigonzetti von den italienischen neorealistischen Filme aus den 1930 bis 1960er Jahren inspirieren, für die er ein Faible hat: basierend auf dem Film „Rocco und seine Brüder“ von Luchino Visconti aus dem Jahr 1960 verwendet Bigonzetti damit eine Vorlage, die noch nie als Sujet für ein Ballett diente, das 2006 für das Stuttgarter Ballett entstand und in der laufende Saison seine Wiederaufnahme erlebte.

Er entwickelt seine tragische Geschichte um eine Mutter und ihre fünf Söhne, die in der Hoffnung auf Arbeit und Zukunft ihr Glück in der Großstadt Mailand suchen: Während Vincenzo als ältester das Mädchen Ginetta heiratet und im großstädtischen Leben Fuß fasst, versuchen sich Rocco und Simone als Boxer, um damit Geld zu verdienen und werden dabei von ihrem Bruder Ciro unterstützt. Mutter Rosaria hingegen kümmert sich um Luca, den jüngsten. Einer griechischen Tragödie gleich bringt eine Dreiecksgeschichte aber das Scheitern der Söhne und die Zerstörung der Familie mit sich: Simone verliebt sich in die Prostituierte Nadia, die sich auch zu dessen sensiblen Bruder Rocco hingezogen fühlt. Erfüllt von Neid und blind vor Eifersucht ersticht Simone Nadia und legt die Leiche seinem Bruder Rocco vor die Füße, der gerade seinen Sieg bei einem Boxkampf feiert: Bestürzung, Verzweiflung, lähmendes Entsetzen – zurück bleibt die trauernde Mutter mit dem jüngsten Sohn.

Wie in einem Schwarz-Weiß-Film läuft die Handlung um Liebe, Verrat und Mord ab. In der Düsternis der Szenerie (Bühne: Fabrizio Montecchi; Licht: Carlo Cerri) als Schauplatz der Seelen ist einzig das Rot in Nadias Kleidung (Kostüme: Maurizio Millenotti) Sinnbild für ihre vulgäre Verruchtheit. Nur in der Liebesszene mit Rocco trägt sie das Grau der bürgerlichen Welt, will ihrem bisherigen Leben entfliehen. Als dies nicht gelingt – die beiden werden von Simone und seinen Handlangern überfallen – Rocco wird zusammengeschlagen und Nadia vergewaltigt, gibt sie sich auf und stellt sich ihrem Schicksal. Symbolträchtige Bewegungen wie das Schlagen auf die Brust – als ob hier ein unauslöschlicher Abdruck der Zusammengehörigkeit hinterlassen werden soll oder die fünf Finger der Hand als Synonym für die fünf Söhne ziehen sich durch den plastischen Stil der choreografischen Handschrift Bigonzettis. Auch die von Bruno Moretti komponierte Auftragsmusik übernimmt ihren wichtigen Part zur Gestaltung des Handlungsdramas, ist oftmals Aufschrei und Mahnmal zugleich. Der klagenden Pfeifton zu Beginn, das sich wiederholende epische Thema aber auch die fast sphärischen Klänge zur Darstellung der seelischen Zwänge unterstreichen die Dramatik.

Jason Reilly verkörpert Simone, den stärksten der Brüder; großartig, wie er dessen  Heißblütigkeit deutlich macht, die ihn zwar zum idealen Boxkämpfer macht, aber zugleich sein ärgster Feind ist. Beklemmend zu verfolgen, dass er aus dieser Unfähigkeit sich seinen Gefühlen stellen zu können, aus Neid und Missgunst schließlich zum Mörder wird. Marijn Rademaker als Rocco ist glaubhaft der liebenswert sensible, helle Charakter. Die übrigen Brüder sind ebenso treffend besetzt: Evan Mckie ist der ruhige, besonnene Vincenzo und Arman Zazyan als Ciro der fröhlichste und treueste Unterstützer seiner Brüder.

Als Rollengestalterin der ganz besonderen Art zeigt sich einmal mehr Marcia Haydée (als Gast). Ihre Personifizierung der Mutter Rosaria ist ergreifend: in ihrem Bestreben, die Familie zusammen zu halten, muss sie ihre Grenzen erkennen, indem sie ihre Kinder nicht vor dem drohenden Unheil schützen kann und schließlich fassungslos-ohnmächtig vor dem zerbrochenen Kosmos ihrer kleinen Familienwelt steht. Katja Wünsche als Nadia ist der Schlüssel und Auslöser der Katastrophe: eine nach Liebe hungrige Frau, die letztlich erkennt, dass es für sie kein dauerhaftes Glück gibt und die daher gefasst dem Tod entgegensieht.

Dimitri Magitov (Impresario), Rachele Buriassi (Ginetta) und Tim Faske (Debütant aus der John Cranko-Schule) als jüngster Bruder Luca ergänzten das stimmig agierende Ballettensemble; ebenso erfüllte das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Wolfgang Heinz seinen Teil mit entsprechender Emotionalität. Eine heftig akklamierte Aufführung, die nachhaltig beeindruckte.

Stuttgarter Ballett: „I Fratelli“ Ch: Mauro Bigonzetti, 10. Februar 2010 im Rahmen der Ballettfestwochen im Staatsthater Stuttgart