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chopindanceshhMit „Chopin Dances“ präsentiert das Hamburg Ballett zwei Stücke des amerikanischen Choreografen Jerome Robbins zur Musik von Frédéric Chopin. „Dances at a Gathering“ uraufgeführt 1969, zeigt zehn Menschen, die einander tanzend begegnen; „The Concert“, 1956, ist eine Scharade der menschlichen Schwächen, eine raffinierte Parodie auf die Kunst und ihr Publikum.

Der amerikanische Choreograf Jerome Robbins, 1918–1998, hat nicht nur für das klassische Ballett choreografiert sondern auch für den Broadway, der direkte Zugang zum Publikum war im wichtig. Den findet auch das Hamburg Ballett mit der Neueinstudierung des abstrakten Balletts „Dances at a Gathering“ durch Ben Huys und Susan Hendl. Federleicht in zartes Pastell gehüllt schweben und fliegen die Tänzerinnen unter blauem Himmel auf der dekorationslosen Bühne von einem Arm in den anderen. Auch wenn Robbins gemeint hat, sein Ballett hätte keine Handlung, so sind die Duos, Trios und Solos und erst recht der Chor eine einzige zarte Liebeserklärung, klar, einfach, ehrlich. Kühl und verhalten zu Beginn, in ansteigender Kurve leidenschaftlich gesteigert am Ende.

Robbins wählte Klaviermusik von Chopin (in Hamburg interpretiert von Michal Bialik), vor allem Walzer und Mazurkas, als Begleitung, erinnert mit folkloristischen Aperçus an die Nationalität des Komponisten und will sich auch kleine Scherze nicht verkneifen. Ein Schulterzucken, ein Schlenker mit dem Bein, durchbricht die romantische Träumerei. Auch wenn das Neumeiersche Publikum Anderes gewöhnt ist – breite Erzählungen in üppigem Dekor, literarische Ballette mit erkennbarer Handlung –, ließ es sich (in der 5. ausverkauften Vorstellung) sofort von der schwebenden Klarheit und den reinen Linien der Begegnung im Tanz einfangen. Robbins 40 Jahre altes Meisterwerk, schimmert so frisch wie bei seiner Geburt und wird von John Neumeiers Ensemble so schwebend leicht getanzt, als wären den Tänzerinnen und Tänzern die Schritte und Drehungen, die Hebungen und Begegnungen eben erst eingefallen.

Danach wurde es schwierig, weil satirisch. „The Concert“ wirkt wie ein auf die Ballettbühne gestelltes Werk des Autors und Humoristen Loriot. Robbins nimmt die KonzertbesucherInnen und die Rezeption der Musik (Chopins) liebevoll aufs Korn und zeichnet mit feinsten Strichen ein Kompendium menschlicher Schwächen. Dabei geht es um einzelne Typen (die überdrehte Ballerina, ein von seiner Frau gepeinigter schlapper Ehemann etwa) aber auch um den Kunstbetrieb an sich und die Interpretation von Kompositionen. Wenn die Tänzerinnen und Tänzer mit Regenschirmen auf die Bühne kommen, so denkt man sofort an Chopins bekanntes „Regentropen-Prélude“, doch so plump ist Robbins nicht: Gespielt wird nämlich ein ganz anders Stück, wie auch während der gesamten Szene kein einziger Tropfen fällt. Gegenläufige Bewegungen und Brechungen des Mythos um Frédéric Chopin und seine Musik heben den tänzerischen Spaß hoch über eine oberflächliche Satire hinaus. Am Ende werden aus den Schwänen Schmetterlinge und der Pianist hat genug vom Dasein eines Begleiters, schnappt sich das Netz und geht auf die Jagd. Das Publikum erkennt die Doppelbödigkeit dieses so fein und kompliziert erdachten Balletts (Ordnung in der Unordnung zu halten, ist nicht so einfach, wie es aussieht), ist beglückt und bedankt sich lautstark.

Im kommenden Mai wird auch das Wiener Staatsballett einen Abend als „Hommage an Jerome Robbins“ gestalten. Neben dem unterhaltsamen „Concert“ hat Ballettdirektor Manuel Legris „Glass Pieces“ (Musik Philip Glass) und „In the Night“ (zu Nocturnes von Chopin) ausgewählt. Premiere ist am 5. Mai 2011.

Jerome Robbins / Hamburg Ballett: Chopin Dances, 12. Dezember 2001, Hamburgische Staatsoper