krenstterIn der zweiten Ausgabe von OdeonTanz setzt Kuratorin Rose Breuss auf die Gegenüberstellung von Gestern und Heute und stellt dabei ganz unterschiedliche Zugänge und Versuche vor. Nach Nikolaus Adlers Sicht auf die heutigen Wilis als NachfolgerInnen von Giselles Schicksalsgenossinnen ("Jennifer oder 'Die Rückkehr der Wilis'"), ließ der zweite Programmpunkt Historisches und Gegenwärtiges aufeinanderprallen.

Sybille Dahms, Claudia Jeschke und Rainer Krenstetter gingen auf wissenschaftlich-künstlerische Spurensuche nach dem Gestenkanon in Glucks Ballett „Don Juan ou Le Festin de Pierre“. Dieses 1761 im Wiener Burgtheater uraufgeführte Stück ist eines der ersten Handlungsballetts, in dem die Geschichte ausschließlich über Tanzbewegungen und Pantomime erzählt wurde (wie Noverre es in seinen bahnbrechenden „Lettres sur la danse et sur les ballets“ einfordert). Solide tanz- und musikwissenschaftliche Recherche trifft in dieser lecture performance auf künstlerische Eingebung: Rainer Krenstetter tanzte drei Szenen aus diesem Ballett in einer nachempfundenen Choreografie von Claudia Jeschke – einen Fandango, den Besuch Don Juans in der Gruft des Komtur und den Tanz der Furien - und gab mit diesen Beispielen einen Eindruck über die Bühnentanzsprache des 18. Jahrhunderts.

Ebenfalls als lecture performance war der erste Teil des Hauptabendprogramms unter dem Titel „Aufforderung zum Tanz – Walzer“ gestaltet. Dem von Rainer Krenstetter wie in einer Inkarnation von Vaslav Nijinsky getanzten „Spectre de la rose“ (Fokine / Carl Maria von Weber) stand die Choreografie „Sphäroide“ von Rose Breuss gegenüber, die von Dorota Lecka eingangs getanzt wurde. Interessanterweise wurde im anschließenden Gespräch erläutert, dass dieses Stück von Wiesenthal-Walzern inspiriert war. Das verwirrte mich, da ich doch in einzelnen Posen eine Verbindung zu Nijinsky hergestellt hatte. Ein weiteres Beispiel dafür, dass sich die künstlerische Absicht nur zu oft nicht im Auge des Betrachters widerspiegelt ... Der Blick der Gegenwart auf Historisches ist natürlich immer spannend. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass an diesem Abend Theorie und Praxis nicht ganz so losgelöst voneinander bleiben würden, wie es der Fall war. Nur Krenstetter gab einen ganz klaren Bezug zur Tanzsprache Fokines: Die Herausforderung des Anfang des 20. Jahrhunderts innovativen Tanzstils liegt darin, den Körper quasi zu teilen, präzise Fuß- und Beinarbeit mit den lyrisch-weichen Armbewegungen zu verbinden. Zum Abschluss tanzten Krenstetter und Lecka gleichzeitig ihre jeweilige „Walzer“-Choreografie und überlagerten in dieser Versuchsanordnung die Tanzcodes und Musik - von Weber mit dem elektronische Sound zu „Sphäroide“ - aus zwei Jahrhunderten.

In dem anschließenden Stück „In Case of Loss / Version Odeon“ loteten Georg Blaschke (künstlerische Leitung), Petr Ochvat und Heide Kinzelhofer die für Blaschke mittlerweile typischen Körpermanipulationen aus. Die individuellen Körperverschränkungen werden bis zum Extrem getrieben, mit einem Partner verknüpft und finden daraus eine „natürliche“ Bewegungsfortsetzung. Blaschkes Arbeit erinnert an Comics, die Performer scheinen wie Avatare in virtuellen Welten zu agieren und die Ernsthaftigkeit ihrer Bemühungen führt stellenweise zu komisch überhöhten Situationen. Diese radikale Recherche nach einer individuellen Körpersprache scheint sich über den traditionellen Tanzkanon konsequent hinwegzusetzen und enthält, etwa in den vertrackten Pas de deux der verwickelten Körper, doch zahlreiche Anspielungen an ihn.

"Restaging Gluck", "Aufforderung zum Tanz - Walzer", "In Case of Loss / Odeon Version", 8. Dezember im Wiener Odeon im Rahmen von OdeonTanz II am 8. Dezember 2010.

Weitere Aufführungen bei OdeonTanz II am 10. und 11. Dezember