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tdt2Was man in drei Monaten mit Laien auf die Bühne stellen kann, das zeigte das Team von Tanz die Toleranz zum Abschluss der Herbstkurse in der Brunnenpassage. Sechs Gruppen mit insgesamt etwa 150 Tänzern präsentierten ihre Arbeitsergebnisse zu Choreografien der Tanz die Toleranz-Künstlerinnen. Der Abschluss kann gleichzeitig als ein großartiger Auftakt für 2017 gelten, wenn das Projekt der Caritas Wien sein 10-jähriges Bestehen feiert.

Tanz die Toleranz ist wohl eines der erfolgreichsten Tanzprojekte der letzten Jahre in Wien. Kernstück des Lernangebots sind die Gruppen für Kinder, Youths und Adults, für die in diesem Herbst Gisela E. Heredia, Monica Delgadillo und Alessandra Tirendi choreografisch verantwortlich waren. Neue Kooperationen haben das Angebot an Kursen laufend erweitert. So entstand etwa durch die Zusammenarbeit mit der WU die Youth Dance Company unter der Leitung von Romy Kolb, Juliett Zuza betreute die Initiative „Lernen macht Schule – Musik Buddy“. Der Kurs für  „Menschen ab der Lebensmitte“ wurde von der mexikanischen Choreografin Cinthya Gonzalez geleitet, die als artist in residence in Wien war. Das umtriebige Tanz die Toleranz-Team tanzt mit Flüchtlingen in Traiskirchen, gibt Ballettunterricht für Menschen plusminus 60, hält Workshops im Festspielhaus St. Pölten, und, und, und …

Da die  künstlerisch-kreative Arbeit im Mittelpunkt steht, sind alle Kurse als choreografische Workshops konzipiert, bei denen auf eine Aufführung hin gearbeitet wird. Zeitgenössischer Tanz, urban dance und Tanztheater gehen hier eine natürliche Fusion ein, vorgefertigtes Schrittmaterial wird von individuellen Interventionen der TeilnehmerInnen ergänzt. Das Ergebnis ist eine lebendige, inklusive Tanzplattform, in der bei aller Offenheit sehr gezielt und diszipliniert gearbeitet wird. Die Laientänzer werden behutsam und doch bestimmt für eine professionelle Bühnenpräsenz vorbereitet und erfahren so nicht nur die physischen, sondern ebenso die kognitiven und sozialen Aspekte der Performancearbeit. Die ChoreografInnen von Tanz die Toleranz verstehen es jedenfalls, ihre Studentinnen und Studenten (in einem sehr ausgeglichenen Gender-Verhältnis) zu Höchstleistungen zu motivieren.tdt1

Natürlich hat Tanz die Toleranz als Projekt der Caritas Wien eine hohe soziale Komponente. So ist die Teilnahme an allen Veranstaltungen kostenfrei. Das mag dazu führen, dass diese Arbeit in Wien, wo der sogenannte „Community Dance“ eine relativ neue Erscheinung ist, als Sozialprojekt verstanden, und damit sehr oft mit Dilettantismus gleich gesetzt wird. Nur, das Eine hat mit dem Anderen rein gar nichts zu tun.

Ich habe in den letzten Jahren viel öfter Dilettantisches bei angeblichen Profis gesehen als in partizipativen Tanzprojekten, und sicher nie bei Tanz die Toleranz. Es ist eher verwunderlich, dass diese Art von Tanz nicht mehr von den main players in der Szene aufgegriffen und gefördert wird, dass Institutionen nicht auf das enorme Potenzial dieser Projekte für die Publikumsentwicklung setzen. Während in Großbritannien etwa jede Compagnie, jedes Tanzhaus und Theater ein „educational programme“ im Programm hat, wird diese Arbeit in Österreich noch immer gering geschätzt (eine Ausnahme ist das Festspielhaus St. Pölten mit einem breiten Kulturvermittlungsprogramm). Es wäre auch hierzulande an der Zeit eine Brücke zwischen den einzelnen Bereichen zu schlagen, damit aus einzelnen Pilotprojekten nachhaltige Strukturen entstehen können.

Die Qualität der Arbeit von Tanz die Toleranz ist jedenfalls state of the art und braucht den Vergleich mit internationalen Standards nicht zu scheuen. Dem choreografischen Team unter der Leitung von Monica Delgadillo kann man zu dieser Entwicklung nur gratulieren. Im Moment ist die Jubiläumsfeier jedoch in finanzieller Gefahr, da ein Sponsor ausgefallen ist. Wenn es nicht gelänge die Jubiläumsproduktion zum zehnjähriges Bestehen anders zu finanzieren, wäre das jedenfalls ein Armutszeugnis für das kulturelle Verständnis in dieser Stadt.

Die Aufführungen der Herbstgruppen von Tanz die Toleranz fanden von 12. bis 15. Dezember 2016 in der Brunnenpassage statt.

 

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