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Merce1Von Ordnung und Freiheit. Warum beschäftigt sich ein Choreograf wie Elio Gervasi, der bislang mit feinsinnig-klugen, hochkarätig getanzten Arbeiten zu begeistern wusste, mit einer so wichtigen Figur des zeitgenössischen Tanzes wie Merce Cunningham? Die Antwort gibt er am Ende seiner neuesten Arbeit „Merce 2-for-7“.

Der Titel dieser Arbeit beschreibt konzentriert das Konzept: Zwei Choreografen (Cunningham und Gervasi, unterstützt von Alberto Franceschini) choreografieren gemeinsam dieses für ursprünglich sieben TänzerInnen entwickelte Stück mit der Kernfrage: Welchen Wert hat Cunningham für die heutigen, jüngeren TänzerInnen? Auf dem strahlend weißen Bühnenboden stehen hinten links eine blaue Wand, rechts eine Skulptur aus hölzernen, über Scharniere beweglich miteinander verbundenen Dreiecken, teils gefüllt mit silbernen Flächen. Nach und nach erscheinen die 6 TänzerInnen, bewegen ihre Gliedmaßen. Gestreckte Arme, gewinkelte Beine, Vereinzelung der Körperteile, simplifizierte Körper-Mechanik nach dem Zufallsprinzip. Die Ausdifferenzierung von Nuancen mit ungeheurer Präzision erzeugt eine strenge Ästhetik und klare Formensprache. Merce2

Ebenso die Bespielung der Bühne. Die komplizierte Geometrie in den Körpern setzt sich in ihrer Stellung im Raum und zueinander fort. Verschieden viele TänzerInnen weit und wie zufällig verteilt oder frontal zum Publikum, es von der Seite anschauend, mit dem Rücken zu ihm, hinten in Reihe nebeneinander, in der Mitte hintereinander, direkt vor der Tribüne, dieser das Gesicht oder den Rücken zugewandt.

So wie einst Cunningham die von John Cage, seinem künstlerischen und Lebens-Partner komponierte Musik vom Tanz entkoppelte, so haben der Sound von Alessandro Vicard und das Bühnengeschehen in „Merce 2-for-7“ nur ihre Gleichzeitigkeit gemeinsam. Der von vielen perkussiven Elementen durchsetzte Klang ist im eigentlichen Sinne nicht rhythmisch, nicht metrisch. Er begleitet das Zufalls-Prinzip des Bewegungsmaterials akustisch. Und damit wird klanglich-visuell ein großer konzeptioneller Rahmen gesetzt, der sich im Kleineren fortsetzt. 

Merce3Die bei Cunningham akribisch recherchierten Bewegungs- und Körperstudien zeigen Körper in ihre Komponenten zerlegt, die einzeln und im Zusammenspiel mit anderen Körperteilen auf einer hohen Abstraktionsebene bewegt werden. Die sechs TänzerInnen (Marina Rützler, Nicola Manzoni, Megan Castro, Luca Zanni, Paula Dominici und Serena Zaccagnini) heben die individuell-physische Geometrie mit Soli, ganz kurzen, nur hingehauchten Duetten und Gruppen-Szenen in eine den Bühnenraum variantenreich bespielende Strukturiertheit.

Diese bricht Gervasi mehrfach auf, nicht nur durch einige kurze Blackouts, wie bei Cunningham üblich. Von der blauen Wand (monochrom wie frühere Bilder Robert Rauschenbergs, der für Cunningham mehrmals Bühnenbilder entwarf), die wie ein Portal für Zeiten, Geist und Stile fungiert, präsentieren seine TänzerInnen, aus der Ecke in den Raum entsendet, neben dem historischen Material sich selbst in von den Anderen beobachteten oder in Gruppenszenen eingebetteten Soli. Hier zeigt sich die tänzerische Qualität der Kompanie auf beeindruckende Weise. Insbesondere die vier Frauen glänzen in ihren Parts, der Choreograf ließ seinen TänzerInnen hierfür viel Freiraum, mit geschmeidig-kraftvoller, in brillanter Technik demonstrierter Individualität.Merce4

So entsteht auf dem weißen Boden eine in die Zeit gestellte, also serielle Collage aus angedeutet-klassischen und Cunningham-Zitaten sowie zeitgenössischem Material. Ordnung und Freiheit interagieren hochkomplex miteinander: konzeptionell, choreografisch, dramaturgisch, stilistisch und individuell. 

Die hautengen Overalls von Hanna Hollmann betonen die Körperlichkeit dieser Arbeit und differenzieren zugleich mit ihren Farben von hellerem Grau bis Schwarz die Persönlichkeiten der TänzerInnen. Das Decken-Licht von Patricia Schoenangerer und Elio Gervasi, von kalt bis warm-gedämpft bescheiden aus dem Hintergrund eingesetzt, gestaltet. Ja: Stimmungen.

Die hölzernen Dreiecke scheinen wie Segel, miteinander verbunden und doch in verschiedene Richtungen gesetzt. Jeder der Sechs auf der Bühne steuert sein eigenes Boot mit seiner Persönlichkeit und Expressivität. Der weiße Bühnenboden wird zur jungfräulichen Leinwand oder dem sprichwörtlichen weißen Blatt Papier. Immer wieder neu beginnend und doch nicht wurzellos zeichnet jeder mit seinem Fahrwasser ganz eigene Linien, kollaborativ interferierende oder individuelle Wellenmuster in die Weltmeere des Tanzes. 

Merce5Vor dem Schlussbild mischt sich in den elektronischen Sound ein Interview mit Merce Cunningham. Wieder zurückgefallen in die Cunninghamsche Strukturiertheit ziehen sie die Kragen und Kapuzen weit über ihren Kopf, als würden sie sich der körperbetonenden Kleidung wie den Diktaten einer physis- und technik-fokussierten Tanzwelt entledigen wollen. Und erscheinen gleichzeitig gesichts-, ja seelenlos. Einer verlässt die Reihe und geht, scheinbar verunsichert, nach vorn. Ende.

Hier bezieht Elio Gervasi Stellung. Neben dem großen Respekt vor der Leistung Cunninghams sieht er doch weit mehr im Tanz als im kühlen Experiment bewegte Körper. Der starren Lehre tänzerischer und choreografischer Scholastik stellt er den Freiheits- und Kunstbegriff des zeitgenössischen Tanzes gegenüber. Aus der Strenge der Form wächst Individualität, aus Strukturen wächst Freiheit. Gervasi, der menschlichen Dreieinigkeit aus Körper, Geist und Seele verpflichtet, mag mit „Merce 2-for-7“ auch einer zunehmenden Rationalisierung performativer Konzepte einen Spiegel vorhalten.

„Merce 2-for-7“ von Elio Gervasi am 31. März 2022 im WUK. Anmerkung des Autors: Eine Covid-Infektion ab dem Tag nach der Premiere verzögerte die Erstellung dieses Textes.