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Dekeersmaeker2In den ersten Monaten unter der neuen künstlerischen Leiterin Bettina Masuch wurde im Festspielhaus St. Pölten mehr denn je getanzt. Nach Sidi Larbi Cherkaoui und Sharon Eyal (tanz.at berichtete) kam mit Anne Teresa de Keersmaekers eine weitere Ikone zeitgenössischer Tanzkunst ins Haus. Mit ihren „Mozart / Concert Arias“ endete der Tanzreigen 2022 – nicht nur entsprechend der Jahreszeit – überaus stimmig. Davor gab es mit Oona Doherty ein durchaus fragwürdiges Experiment und mit der Groupe Acrobatique de Tanger lustvolle Akrobatik für die ganze Familie. 

Der zeitgenössische Tanz ist flüchtig, kaum eine der (an Ressourcen beschränkt ausgestatteten) Compagnien kann sich eine nachhaltige Repertoirepflege leisten. Die Kreation steht im Vordergrund, das Experiment will gelebt werden. Und ja, das meiste, das in diesem Labor entsteht, sind Entwicklungsschritte, die man auch gut und gerne vergessen darf. 

Gegen die Depression?

DohertyEin Beispiel dafür war „Navy Blue“ von Oona Doherty, in der ein potenziell sozialkritischer Ansatz in eine persönliche Therapie abgeruscht ist. Dabei begann es so vielversprechend. Zu Rachmaninovs Klavierkonzert gelangen der choreografischen Nachwuchshoffnung aus Belfast wunderbare Szenen, die in sich die Kraft der Aussage bargen. In marineblauer Arbeitskleidern folgen die Tänzer*innen dem Sog der Gruppe, bündeln sich, zwanghaft, solidarisch, panisch oder kämpferisch. Nach und nach fallen sie zu Boden, in der Musik vermeint man Schüsse zu erkennen. Keiner entkommt. Da ist dann schwer anzuknüpfen, wenn alle bereits zur Halbzeit tot daliegen … Für den zweiten Teil des Stücks wurde Doherty offenbar von der persönlichen psychischen Befindlichkeit übermannt und konzentrierte sich auf einen Text, mit dem sie weitgehend undifferenziert ihren Frust ablässt. Die Tänzerinnen werden zu Zombies oder Requisiten, die eigentlich keine Rolle mehr spielen. Oona Doherty, so liest man im Programmheft, hat mit ihnen ihrer Depression „behandelt“. Bei den Zuseher*innen hatte das hingegen eher den gegenteiligen Effekt: Sie verließen frustriert das Theater. Selbst das über die Maßen begeisterungsfähige St. Pöltner Publikum brachte gerade einmal einen höflichen Applaus auf.

Für das Leben!Tanger

Die sympathische Goupe Acrobatique de Tanger aus Marokko setzte dazu ein veritable Gegenposition: Mit überbordende Lebens- und Spielfreude schreien Sie förmlich ins Publikum: „FiQ – wacht auf“! Die bunte Truppe aus Akrobat*innen, Urban Tänzer*innen, Martial-Arts-Artist*innen und dem großartigen DJ Dino holen damit zerstreuen mühelos jeglichen „Blues“ und katapultiert das Publikum in eine Welt, in der präzise und virutose Leichtigkeit, Witz und Tempo dominieren. Die Nummernrevue in der Regie und Circografie von Maroussia Diaz Verbèke, in der sich Stunts mit Tanzszenen abwechseln und Zitate auf großen Papierplakaten das Lebensgefühl der jungen Marokanner*innen vermitteln, wird allein durch die Energie, die sie freisetzt, zu einem politischen Statement.

Dekeersmaeker6Der Mozart-Spirit

Den Klassikern der Avantgarde bietet nun Jan Vandenhouwe, Künstlerischer Leiter des Opera Ballet Vlaanderen, eine Bühne. In einer Programmreihe nimmt er die Highlights des belgischen Tanzschaffens der letzten Jahrzehnte wieder auf. Anne Teresa de Keersmaekers „Mozart / Concert Arias“ drängt sich dabei zu Recht gleich auf.

De  Keersmaeker ist eine jener wenigen Choreografinnen, die einen unverwechselbaren Stil kreiert hat, und heute – neben Pina Bausch – eine Galionsfigur europäischen Tanzschaffens ist. Doch während Bausch den Rückhalt einer Theaterstruktur hatte, um ihre Stücke über Jahrzehnte hin (und über ihren Tod hinaus) zu pflegen, arbeitet de Keersmaeker weitgehend als freie Künstlerin. Einige ihre Soli oder Duette tanzte sie über viele Jahre immer wieder auch selbst, doch nur vereinzelt ist es gelungen, frühe Stücke mit einem größeren Ensemble wiederaufzunehmen. Vor einiger Zeit zum Beispiel „Rosas danst Rosas“ (siehe auch Wiener Tanzgeschichte vom Oktober 20217), mit dem sie in den 1980er Jahren ihren Durchbruch schaffte. Und nun mit „Mozart / Concert Arias“, einem Stück, das vor 30 Jahren entstand und vom Opera Ballet Vlaanderen einstudiert wurde. Dekeersmaeker1

Mit dieser Arbeit zeigt sich die ganze kreative Bandbreite der Choreografin. Während sie üblicherweise einen sehr stringent durchgängigen Bewegungsmodus zur gewählten Musik verwendet, packt sie hier den ganzen Toolkit aus. Man könnte auch sagen: Sie begegnet Mozart auf Augenhöhe. Die tänzerischen Statements in den 23 Arien und Instrumentalnummern spiegeln die Musik wider, erzählen mit einfachen Gesten, kleinen Sprüngen, mit dem Momentum von „fall and recovery“, mit theatralen Lautgebungen und kostümbildnerischen Verwandlungen die besungenen Geschichten über Liebe, Abschied, Gefühle der Unsicherheit, des Zweifels und der Freude – verspielt und leicht perlen diese Mini-Tanzstücke über die Bühne, reißen mit, machen nachdenklich und – ja, glücklich. Der Tanz pendelt zwischen barocken Gesten, Gebärden und raumgreifendem zeitgenössischen Idiom hin und her, setzt sie verspielt in Begegnungen und Beziehungen in Szene ohne darin zu verharren. Das Leben, ein Fluss. Der Zeiten übergreifende Ansatz findet sich auch in den Kostümen von Rudy Sabounghi wider, der Teile der Rokoko-Kleidung verkürzt, verwandelt bzw. verschwinden lässt. Eindeutiger das Bühnenbild von Herman Sorgeloss, das mit seinen grünen Flächen, weißen Gartenstühlen und mobilen Leuchten einen barocken Lustgarten evoziert.

Dekeersmaeker3Ist der erste Teil eine Art Collage von Miniopern, so entwickelt sich nach der Pause ein dramatugischer Bogen, der in den letzten beiden Arien, darunter „Un moto di gioia“, die als eine At Leitmotiv mehrmals gesungen wird und dem Stück den Untertitel gibt, seinen Höhepunkt findet. Zweieinhalb Stunden taucht man in Mozarts Welt ein, die Spaß macht und gleichzeitig einen Blick in die Tiefen des musikalischen Genies erlaubt. Musikalisch ermöglichen das die Sängerinnen Emma Posman, Raphaёle Green und die in letzter Minute eingesprungene Olga Pasitschniyk im Verbund mit dem Tonkünstlerorchester unter der Leitung von Ulises Maino. Dekeersmaeker4

 Weiter So!

Nach dem spannenden Saison-Auftakt geht es im Neuen Jahr unverändert vielfältig weiter: Bevor das Opera Ballet Vlaanderen am 25. März mit Jan Mertens „Futur Proche“ zurückkehrt, gastiert am 21. Jänner der aus Burkina Faso stammende Choreograf Serge Aimé Coulibaly mit seinem Faso Dance Théatre. Am 24. Febuar steht mit Akram Khans „Giselle“ für das English National Ballet ein weiteres Highlight auf dem Programm.

Oona Doherty: "Navy Blue" am 11. November 2022 

Groupe Acrobatique de Tanger: "Fiq" am 20. November 2022

Opera Ballet Vlaanderen / Anne Teresa de Keersmaeker: "Mozart / Concer Arias. Un moto di gioia." am 3. Dezember 2022

alle im Festspielhaus St. Pölten.

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