Warten auf Pina
Jo Ann Endicott, Tänzerin der ersten Stunde in Pina Bausch' Tanztheater Wuppertal, ist für immer gefangen. In ihrem Buch schildert sie eindringlich, wie sie versucht, ihr Leben zwischen den Ansprüchen der genialen Choreografin und ihrer Familie in Einklang zu bringen.
Es ist ein Hass-Liebe, die Jo Ann mit Pina verbindet. Einerseits ist da die absolute Bewunderung: „Man kann sie nicht mit Worten beschreiben. Vielleicht Tanzschöpferin? Elegant gleitet die Tanzkönigin durch den Saal. Ikone, Legende, Idol, Heldin, Madonna. Sie ist sehr, sehr besonders. Sie ist Pina Bausch. And I guess I still love her“, schreibt sie.
Und das obwohl ihre jahrzehntelange Zugehörigkeit zur Compagnie auch eine ziemliche Leidensgeschichte ist. Denn Pina will alles von ihren Mitarbeiterinnen. Wenn sie in der Sekunde, in der sie sie braucht, nicht zugegen sind, ist sie beleidigt und zutiefst enttäuscht und lässt sie fallen. Dann vergehen Jahre, in denen Endicott auf einen ihrer Anrufe wartet, der sie wieder in den Schoß des Tanztheaters zurückholen sollte. Er kommt nicht - oder er kommt doch, denn Pina braucht eine Assistentin, die mit der Pariser Oper den „Sacre“ einstudiert, die das Projekt „Kontakthof mit Damen und Herren über 60“ einstudiert, eine die für die unglaublich vielen Projekte zur Hand ist.
Das Buch „Warten auf Pina“ vermittelt aber auch Einblick in die Psyche der Pina Bausch. Wie sie sich bei jeder Produktion völlig verausgabt und Raubbau an ihrer Gesundheit treibt, der sie an den Rand der absoluten Erschöpfung treibt. Es portraitiert Pina als fürsorglich-liebende und als tyrannisch-manipulierende Frau gegenüber ihren TänzerInnen und als eine von ihrer Kunst Besessene. Eine zwiespältige Persönlichkeit, die alle zu faszinieren und zu fesseln weiß.
Jo Ann Endicott kommt von ihr nicht los, nimmt nach jahrelangem Warten auf Pinas Anruf die fixe Assistenstelle an, wohl wissend, dass sie damit vollkommen zu Pinas Verfügung sein muss. Die Familie zieht nicht mit - Jo Ann Endicott bleibt allein, aber bei Pina. Das Leben hat einen neuen Sinn.
Ein lesenswertes, lebendig geschriebenes Dokument über das Leben in den Fängen der größten Tanzschöpferin des 20. Jahrhunderts.
Jo Ann Endicott: Warten auf Pina. Aufzeichnungen einer Tänzerin
Erscheinungsjahr: 2009
AvivA Verlag
ISBN: 978-3-89487-631-9
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