Die Erinnerung wach halten

Schon im Jahr 2008 ließ der damalige Operndirektor Ioan Holender aus dem entdeckten Material eine Ausstellung (im Mahlersaal der Staatsoper) gestalten.
Diese Ausstellung holte der heutige Operndirektor Dominique Meyer dann nach Paris. Nun ist sie wieder nach Wien zurückgekehrt und wird noch einmal im Institut Français gezeigt.
Die Ausstellung kann natürlich nicht den gesamten Umfang der enormen Zerstörungen, die die NS-Herrschaft an der Wiener Staatsoper angerichtet hat, dokumentieren. Doch sprechen die Bilder und Dokumente, die Zahlen und aufgezeigten Fakten für sich. Pathos ist nicht notwendig. Es genügt einige Schicksal zu verfolgen. Etwa das der 19 TänzerInnen, die von den Nationalsozialisten des Hauses verwiesen, vertrieben, deportiert und auch ermordet worden sind Einige konnten, andere wollten nicht mehr zurückkehren.
Als Beispiel sei die Tänzerin und Ballettmeisterin Margarete Wallmann, eine sogenannte „Volljüdin“, genannt. 1938 erschien dem „nationalsozialistischen Staat die Fortsetzung des […] Dienstvertrages nicht mehr möglich“. Margarete Wallmann, erfuhr von ihrer Kündigung 1938 in Argentinien, wo sie am Teatro Colón als Gastchoreografin engagiert war. Nach dem Krieg war sie Ballettdirektorin an der Mailänder Scala, wandte sich später der Opernregie zu und wirkte an den wichtigsten Opernhäusern der Welt. An der Wiener Staatsoper ist „ihre“ „Tosca“ noch immer auf dem Spielplan. Margarte Wallmann ist 1992 hochbetagt gestorben. Eine vergleichsweise glückliche Biographie. Auch die Tänzerin Risa Dirtl, Tante Willy Dirtls, der von 1950–1970 Erster Solotänzer an der Staatsoper war, wird nur wenige Tage nach dem Anschluss mit „Heil Hitler“ ihrer Stellung als Ballettschullehrerin enthoben. Der Tänzer und Choreograf Sascha Leontjew wird 1942 im KZ Mauthausen ermordet.
Wie schmerzhaft die Eingriffe der neuen Machthaber waren, zeigen die Aufführungs-Plakate bei denen die Namen jener (vielen) Mitwirkenden mit roten Linien markiert sind, die bald danach „vertrieben, verfolgt, ermordet“ worden sind.
Welche kulturellen und künstlerischen Folgen die Herrschaft der Nationalsozialisten hatten, kann besonders aus der Tanzgeschichte gelesen werden: Mit den Menschen war auch ihre Kunst verschwunden und nach dem Krieg tat sich ein tiefes schwarzes Loch auf, wo eigentlich der zeitgenössische Tanz sein Publikum (wieder) finden sollte. Erst in den 1980er Jahren zeigten sich die ersten zaghaften Versuche, neben dem klassischen Ballett auch neuen Formen des Bühnentanzes wieder eine Bühne zu geben.
Die Kuratoren Andreas und Oliver Lang gemeinsam mit Ruth Ortmann (wissenschaftliche Beratung Oliver Rathkolb) haben mit Plakaten und Briefen, Zeitzeugenberichten und Fotos eine klare und eindringliche Ausstellung zusammengestellt, ohne Schuldzuweisungen und bedrängendes Pathos. Darum geht es wohl auch nicht. Es geht darum, die Erinnerung wach zu halten, damit nie wieder eine Frau inhaftiert wird, weil sie mit einem Juden verheiratet ist; ein Mann, weil er homosexuell ist. Damit sich die Geschichte der Ausgrenzung, Verfolgung und Gewalt nicht wiederholt ...
„Opfer, Täter, Zuschauer“ – Die Wiener Staatsoper und der Anschluss 1938“, bis 10. April im Institut Français, Palais Clam-Gallas, Währingerstraße 30, 1090 Wien. Täglich von 9 bis 13 und 14 bis 19 Uhr. Eintritt frei.
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