Zwischen Dissoziation und Synthese
Schnitzlers Novelle „Fräulein Else“ diente dem Gut Ensemble als Vorlage für eine theatrale Umsetzung der psychischen Konflikte der Protagonistin. Die Regisseurin Rachelle Nkou und die Choreografin Anna Hein haben die Rolle von Else auf sechs Schauspielerinnen und eine Tänzerin verteilt und setzen überlegt und geschickt die Sprache mit der Ausdrucksstärke des Körpers in Verbindung.
Schnitzlers Geschichte beleuchtet die Doppelmoral der Gesellschaft am Beginn des letzten Jahrhunderts. Die 19-jährige Else erreicht in den Ferien ein Brief ihrer Mutter, in dem sie ihre Tochter auffordert, Geld für den in Schwierigkeiten geratenen Vater vom reichen Kunsthändler Dorsday zu erbitten - zur existentiellen Angst der Mutter gesellt sich die Furcht vor einem Skandal. Die lebenslustige Else überwindet ihre Abneigung gegen Dorsday, doch dieser macht seine Hilfe von einer Gegenleistung abhängig. Er will sie nackt sehen. Im Abwägen zwischen Prostitution und Pflichtgefühlen gegenüber der Familie wählt Else schließlich den Freitod. Schnitzler gestaltet diese Erzählung als inneren Monolog.
Wie Schnitzlers Novelle beginnt auch das Stück mit einem Tennismatch. Sieben junge Mädchen in Tennisdressen spielen mit einem imaginären Partner bis die Schiedsrichterin (Rachelle Nkou) von ihrem erhöhten Stuhl aus das Match beendet. Sie sitzt außerhalb, beobachtet als Über-Ich das Geschehen und wird am Ende als Todesengel über dem Bühnenraum schweben. Dieser ist ein großer, transparenter PVC-Kubus, eine Art Vakuum, in dem sich Elses Konflikte abspielen.
Die sieben Darstellerinnen finden sich zu einer Gruppe, bewegen sich als Einheit im Raum – eine Else bestehend aus sieben Einzelteilen, die sich nach und nach verselbstständigen. Jede Schauspielerin übernimmt einen Teilbereich von Elses Persönlichkeit, die sie in ihrer Gedankenwelt durchlebt: das Kind, die Femme Fatale, die Zynikerin, die aggressive, herausfordernde Frau, die Hysterikerin, die ängstlich Verschreckte, die selbstbewusste Lady. Die von den jungen Schauspielerinnen (Kristina Bartashova, Rita Dummer, Sabine H. Heilig, Sascia Ronzoni, Chantal Stummer und Eli Veit) entwickelten Rollen bleiben eindimensional und ohne Zwischentöne, jede von ihnen ist mit ihrem eigenen Pathos behaftet. Die Aufsplitterung von Schnitzlers Text auf sechs Charaktere treibt die Handlung voran. Der innere Kampf verlagert sich nach außen und das Aufeinanderprallen dieser Persönlichkeitsaspekte verleiht der Geschichte eine dramatische Dynamik.
Während die dissoziierten Elsen in oberflächlichen Geplauder dem Unheil der Selbstzerstörung quasi unbewusst zusteuern, synthetisiert der Tanz von Anna Hein den emotionalen Konflikt. Sie verkörpert Elses widerstreitende Gefühle, macht sie in einem sich zum Todestanz steigernden Ausdrucksgestus sichtbar, spürbar, nachvollziehbar.
Schnitzlers Texte muten heute aufgrund ihres Gesellschaftsbildes veraltet an. Die beschriebene Praxis allerdings, Kinder für den eigenen Nutzen zu verkaufen und der Prostitution auszuliefern, ist in unserer Gesellschaft, wenn auch vielleicht nicht in unseren Breiten, noch immer weit verbreitet. Das daraus resultierende psychische Dilemma der Betroffenen ist also sicher nicht Schnee von gestern. Das Team von DAS GUT hat der emotionalen Gültigkeit dieser Novelle nachgespürt, ohne sie krampfhaft auf Aktualität zu trimmen.
Schade nur, dass die Besucher sich nicht frei um den Kubus bewegen konnten, um an den einzelnen Aktionen näher dran zu sein. Die Bestuhlung, obgleich in Arena-Form, war für dieses Stück nicht die beste Lösung.
DAS GUT: "Being Else. Von menschlicher Verwundbarkeit", Kosmos Theater, 26. Jänner 2011
Weitere Vorstellungen: 28., 29. Jänner 2011
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