Kritiken
Kritiken 2010
Wie sich die Bilder gleichen
Wie sich die Bilder gleichen
Fabian Barba tanzt Solos der legendären Ausdruckstänzerin Mary Wigman. Der Mary Wigman Tanzabend erinnert an die Amerika-Toruneen der Künstlerin in den Jahren 1930 und 32. Ein interessanter Blick auf die Geschichte des Tanzes, doch so sehr Barba auch seinem Vorbild optisch gleicht, so wenig kann er die Hochstimmung von einst hervorrufen.
Die Ähnlichkeit ist frappierend. Die Füße fest im Boden verankert, den schlanken Körper gebogen, die gelenkigen Arme schwingend, die Hände spreizend, das steife schwarze Lockenhaar schüttelnd. In Rot oder Schwarz, in Silber oder Gold gehüllt, umweht von schmiegsamen, leichten Stoffen, die von allein zu tanzen scheinen: Mary Wigman, wie man sie von zahlreichen Bildern kennt. Der junge Tänzer Fabian Barba, geboren in Ecuador, ausgebildet bei P. A. R. T. S., befasst sich seit zwei Jahren mit der theoretischen und praktischen Erforschung der Arbeit von Mary Wigman (1886-1973), der Ikone des Ausdruckstanzes (in Amerika: „New German Dance“), auf deren Ideen und Entwicklungen, vor allem als Gegenbewegung zum Ballett des 19. Jahrhunderts, auch der heutige Tanz aufbaut.
Genau darum geht es auch Barba in seiner Gestaltung eines Tanzabends, den die Wigman in den USA in den Jahren 1930, 31 gegeben haben könnte. Um die Verbindung von gestern mit heute. Damit er ein breiteres Spektrum zeigen kann, kombinierte er neun Solos (aus dem Tanzzyklus „Schwingende Landschaft“, den „Visionen“ und der „Feier“), mit denen Wigman auf ihrer Amerikatournee überaus erfolgreich war. Barba spricht nicht von einer Rekonstruktion sondern vom Re-Enactment, vom Nachspielen. Barba bleibt Barba, ein glutäugiger Südamerikaner, in der Maske der Tänzerin aus den 1930er Jahren. Perfekt gibt er die Codes wieder, die den Wigmanschen Tanz ausmachen und lenkt so den Blick der Zuschauerinnen zurück in die Zeit, in der der moderne Tanz seine Wurzeln hat.
Ein historischer Abend, der das Interesse wieder aufleben, Gesehenes und Gelerntes lebendig werden lässt, aber nicht packt, wie etwa der Abend von Cesc Gelabert, der Ähnliches mit dem Stück „Schwarz Weiß Zeigen“ von Gerhard Bohner versucht hat. Doch Bohner (1936-1992) ist dem heutigen Tanz und seinem Publikum doch ein wenig näher. Vielleicht fällt dadurch die Verbindung zum Geschauten leichter. Barba schaue ich entzückt zu, weil ich die Bilder kenne und mich an Bruchstücke aus der Biografie der Mary Wigman erinnere. Ich kann auch verstehen, was das Publikum, des zierlichen, seelenloses Getänzels auf Spitzenschuhen überdrüssig, damals begeisterte. Gestern eben, nicht heute. Auch wenn zwei kleine Glasluster von der Decke hängen und der Programmzettel liebevoll auf „alt“ getrimmt ist, lässt die Performance kalt. Es fehlt die Atmosphäre. Die Originalmusik (von Hanns Hasting zu „Schwingende Landschaft“) und die (neuen) Kompositionen von Sascha Demand („Raumgestalt“, „Zeremonielle Gestalt“ und „Drehmomente“) kamen von der CD, das hätte die Wigman niemals geduldet.
A Mary Wigman Dance Evening, Tanzquartier, 09.04.2010.
- Im Aufwind
- Ganz zu eigen gemacht
- Im Sog der Großstadt
- Variation der Variationen
- Der Körper als Piktogramm
- In allen Tönen ist Tanz
- Mit voller Kraft voraus
- Barbara Kraus ist nicht zu fassen
- Eine gewisse unmögliche Mögliche
- Perpetuum Mobile des Lebens
- Kaiserliche Hochzeit
- Auf dem Weg zur Gelassenheit
- Bewegt durch Glauben
- Wechselseitige Energieschübe
- Tableaux Vivants, eine lebendige Performance
- Zukunftsblick mit Galgenhumor
- Graue Theorie perfekt getanzt
- Chowaniec mit Grenier im Ballroom
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