Kritiken
Kritiken 2010
Ganz zu eigen gemacht
Ganz zu eigen gemacht
Cesc Gelabert tanzt ein Solo von Gerhard Bohner: Schwarz Weiß Zeigen, Tanzquartier Wien, 19.03.2010
Es ist einem Zufall zu verdanken, dass im Tanzquartier eine nahezu heilige Handlung stattfand. Cesc Gelabert tanzte „Schwarz Weiß Zeigen“, das Solo von Gerhard Bohner, uraufgeführt 1983 in der Berliner Akademie der Künste.
Zu verdanken ist die neuerliche Uraufführung - Gelabert hat aus Bohners „Übungen für einen Choreografen“ ein neue, ganz eigene Performance gestaltet - dem erfolgreichen neuen Chef des Tanzquartiers Walter Heun. Beim Umzug von München nach Wien fand Heun einen Videomitschnitt einer der letzten Aufführungen Gerhard Bohners von „Schwarz Weiß Zeigen“, aufgenommen 1990 im Rahmen des BRDance-Festivals München. Diese Trouvaille - Bohner, Schlüsselfigur des Tanztheaters, ist 56jährig im Juli 1992 in Berlin verstorben - nahm Heun zum Anlass den spanischen Tänzer und Choreografen Cesc Gelabert zu bitten, mithilfe des Videos diesen einmaligen künstlerischen Versuch Bohners, „dem Zuschauer zu zeigen, was ich normalerweise dem Tänzer zeige“ (Bohner), neu zu ertanzen. Nicht von ungefähr war Gelabert der Ansprechpartner, hat er sich doch intensiv mit Bohners Arbeit befasst und mit „Im (Goldenen) Schnitt I und II“ dessen Solochoreografien bereits neu interpretiert.
Anstandshalber steht im Programmheft „Rekonstruktion“ eines Werkes von Gerhard Bohner. Doch was Gelabert (geboren 1953 in Barcelona) mit den Originalrequisiten aus dem Archiv der Akademie der Künste und nach intensivem Studium der Videodokumentation aus Bohners Solo macht, ist bei aller Genauigkeit und Präzision in der Wiedergabe des Originals, ein ganz eigenes, neues, weniger abstraktes, denn bewegendes Stück.
Schwarz-Weiß ist nicht nur die in Dreiecksform gebaute Bühne sondern auch das Kostüm des Tänzers (Rekonstruktion von Lydia Azzopardi); die Musik stammt von Georg Friedrich Händel und Glenn Branca. Bohner deutet in seinem Solo die Bewegungen, die er den Tänzern vermitteln will, nur an, skizziert sie quasi und ersetzt die lebendige Tänzerin, den menschlichen Tänzer durch Requisiten: eine schwarze Treppe, eine Kugel, ein Metronom und eine lebensgroße, hölzerne Gliederpuppe.
Im Zwiegespräch mit Gelabert werden diese Objekte zu lebendigen Wesen, die mit dem Tänzer arbeiten, sich ihm auch widersetzen. Die Gliederpuppe gewinnt gegen Ende der 50minütigen Vorführung ein nahezu gespenstisches Eigenleben. Der Tänzer bleibt gelassen, ist Herr der Objekte und seiner selbst. Gelabert gelingt es, ganz in Bohners Choreografie aufzugehen und doch er selbst, ein beseelter Tänzer, mit fließend weichen Bewegungen, zu bleiben. So konnte im Tanzquartier nicht nur ein tanzhistorisch wichtiges Stück gesehen, sondern ebenso die wunderbare Performance eines begnadeten Tänzers genossen werden.
Heun lässt es jedoch nicht dabei bewenden, einfach ein Stück zum Glotzen auf die Bühne zu bringen, er lockt sein Publikum auch mit einem reichen Rahmenprogramm. Der Vergleich zwischen Bohners und Gelaberts Performance wurde durch die Vorführung des Videos möglich; die digitale Fotoausstellung mit Bildern des Tänzers und späteren Fotografen Gert Weigel, zeigte blitzlichtartig Gerhard Bohner als Mann und Tänzer; für professionelle TänzerInnen verriet Cesc Gelabert sein Geheimnis: „Wie man eine persönliche Interpretation erreicht, ohne an Genauigkeit zu verlieren und die Präzision beizubehalten, die eine rekonstruierte Choreografie verlangt.“ So ist Gerhard Bohner zwar der Ausgangspunkt, doch Ces Gelabert war der Höhepunkt.
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