Kritiken
Kritiken 2010
Wie im Märchen
Wie im Märchen
Das Staatsballett Berlin ist ein Ensemble, das im klassischen wie im modernen Ballett brilliert: With/Out Tutu, Staatsoper Unter den Linden Berlin, 17.3.2010 und Schneewittchen, Deutsche Oper Berlin, 18.3.2010
Angelin Preljocaj hat mit seiner Version von „Schneewittchen“, das 2008 mit seinem Ballet Preljocaj uraufgeführt und 2009 mit dem Staatsballett Berlin einstudiert wurde, einen modernen Klassiker geschaffen. Er folgt der Handlung chronologisch, belässt die Charaktere unverändert und verstärkt mit einer Collage mit Auszügen aus Mahler-Symphonien (die hin und wieder durch elektroakustischen Einsprengel unterbrochen wird) den dramaturgischen Bogen. Ausgestattet mit den fantasievollen Kostümen von Jean-Paul Gauthier und von Bühnenbildner Thierry Leproust hat Preljocaj für seine facettenreiche Choreografie ein hochkarätiges Kreativteam zur Seite.
Aus der expressionistisch-dramatischen Gestik der Stiefmutter und Schneewittchens verspielt-leichtem Tanz entwickelt sich ein reizvoller Kontrast zwischen den beiden Hauptfiguren. Die Zwerge sind hurtige Wesen, sie turnen als Bergmänner auf Bungee-Seilen auf der steilen Wand auf und ab, verschwinden in Höhlen und tauchen flugs daraus wieder auf um nach unten und wieder hinauf zu schnellen.
Höhepunkt ist die Wiederbelebung von Schneewittchen. Der Pas de deux, in dem der Prinz die leblose Prinzessin in atemberaubenden Hebungen und Verschraubungen zum Leben erweckt, ist eines der schönsten Duette seit langem. Das Adagetto aus Mahlers 5. Symphonie ist die ideale Musik sowohl für die Liebes- und Trauertrunkenheit des Prinzen über seine (schein-) tote Geliebte als auch für die himmelhoch jauchzende Lebensfreude des Paares. Die großartigen SolistInnen dieses Abends sind Elisa Carrillo Cabrero als hinreißend jugendliches Schneewittchen, Leonard Jakovina als Prinz, Elena Pris als abgrundtief böse Stiefmutter und Natalia Munoz und Xenia Wiest als deren katzenhafte Begleiterinnen.
Am Abend zuvor zeigte sich die Compagnie in drei zeitgenössischen Choreografien ganz klassisch - ein Showcase für das technisch starke Ensemble. „With/Out Tutu“ ist ein dreiteiliges Programm mit Choreografien von William Forsythe („The Vertiginious Thrill of Exactitude“), Jodie Gates („Courting the Invisible“) und Clark Tippet („Bruch Violin Concerto No 1“).
Zu Schuberts Musik entfacht Forsythe ein virtuoses Feuerwerk an schnellen kleinen Bewegungen und flinker Fußarbeit, mit Balancen, die ständig gefährlich am Kippen sind und die TänzerInnen dennoch nie aus der Vertikalen bringen - ein Paradestück für die klassische Technik im späten 20. Jahrhundert (das Stück wurde 1996 uraufgeführt). Während die steifen grünen Tellerröcke den Damen Shoko Nakamura, Beatrice Knop und Polina Semionova einen zusätzlichen optischen Spin verleihen, wirken die Männer Mikhail Kaniskin und Dinu Tamazlacaru in ihren lila, rücken- und beinfreien Bodies eher der Schwerkraft preisgegeben (Kostüme von Stephen Galloway). An der technischen Genauigkeit fehlt es den „Berlinern“ nicht, vielleicht aber an jenem „schwindelerregenden Kitzel“, der im Titel versprochen wird.
Jodi Gates Stück zu verschiedenen Musikstücken von Felix Mendelssohn Bartholdy und seiner Schwester Fanny begann sehr vielversprechend. Ein Tänzer hinter einem transparenten Schnürvorhang und eine Tänzerin davor nähern sich allmählich bis sie, durch den Vorhang getrennt, in einem Pas de deux enden. Hinter einem zweiten Vorhang beginnt ein Tänzer sein Solo wie im Schattenspiel. Leider hält Gates diese geheimnisvolle Atmosphäre nicht durch, die Vorhänge heben sich und die Duette und Gruppenszenen reihen sich scheinbar beliebig aneinander. Dennoch konnten die TänzerInnen auch in diesem klassisch-modernen Stil überzeugen sowohl die drei Solopaare Nadja Saidakova und Michael Banzhaf, Nanami Terai und Leonard Jakovina sowie Elisa Carrillo Cabrera und Martin Buczkó als auch die Gruppe aus 12 TänzerInnen.
In Clark Tippets „Bruch Violin Concerto No 1“ wurde das Ensemble vollends zu einem lebendigen Körper, der in der Musikalität der Choreografie aufblühte. Die Balanchine-angelehnte Choreografie aus dem Jahr 1988 ist einfach pure Tanzfreude mit farblich fein aufeinander abgestimmten Kostümen. Es brillierten Elena Pris mit Mikhail Kaninski, Corinne Verdeil mit Rainer Krenstetter, Gaela Pujol mit Martin Buczkó und die großartige Polina Semionova mit Wieslaw Dudek.
Das Orchester unter der musikalische Leiter von Vello Pähn, Gabriele Kupfernagel am Klavier und der Violinist Wolf-Dieter Batzdorf sorgten an diesem Abend für den hervorragenden Ton.
Die beiden Abende waren eindrucksvolle Beispiele für die durchmischte Repertoirepolitik des Intendanten Vladimir Malakhov, der seine TänzerInnen in einem weiten stilistischen Spektrum herausfordert und dabei ein zunehmend homogenes Ensemble formt. Das Publikum akklamierte diese Leistung an beiden Abenden begeistert.
- Gelungener Absprung
- Romantische Tanzkunst genussvoll zelebriert
- Text und Tanz
- Dieter Blum: Vladimir Malakhov
- Wiener Staatsballett 2010/2011
- Dinu Tamazlacaru: Begeisterung für Neues
- Brillanter Auftakt und zwei Löwen
- Ein Tänzchen zum Abschied
- Gelungene Überraschung
- Offensiv erfolgreich
- Junge Talente
- Gluck, Nijinsky und unsere Zeitgenossen
- Glanz und Gloria
- Begeisterung geweckt
- Zauberbühne und Klamauk
- Der Speed der Neuen Welt
- Goldener Löwe für Guillem
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