Kritiken
Kritiken 2010
Die bunte Welt der Jugendlichen
Die bunte Welt der Jugendlichen
szene bunte wähne 13. Tanzfestival für junges Publikum
Ort der Begegnung
Die Eröffnung der diesjährigen Ausgabe des Festivals hätte jedenfalls nicht besser gelingen können. Dem Tanzquartier ist mit dem Gastspiel von Pina Bausch' „Kontakthof. Mit Teenagern ab 14“ ein genialer Coup gelungen. Der Einfluss von Pina Bausch auf das Theater und den Bühnentanz ist bereits Legende. Mit der Erweiterung des Tanzvokabulars durch Sprache, Alltagsgestik und persönliche Geschichten der DarstellerInnen bereitete sie aber auch für den Community Dance einen fruchtbaren Boden. Mit ihrem Bekenntnis: „Mich interssiert nicht so sehr, wie sich Menschen bewegen, sondern was sie bewegt“ hat sie den Tanzbegriff aus der ästhetischen Ecke geholt und einem weiten Experimentierfeld zugänglich gemacht. Ihr Einfluss ist auch durch das ganze szene bunte wähne Tanzfestival hinweg sicht- und spürbar.
Bausch selbst hat ja erst spät die Arbeit mit Laien selbst in Angriff genommen, indem sie zuerst „Kontakthof. Mit Damen und Herrn über 65“ (2000) und anschließend eben mit den Teenagern inszenierte (2008).
„Kontakthof“ ist ein Meilenstein in der künstlerischen Entwicklung der im letzten Jahr verstorbenen Choreografin und verkörpert die Essenz ihrer Stationendramaturgie. Die Struktur des Stückes, ein Ort der vielfältigen Begegnungen, bleibt bei der Arbeit mit den Jugendlichen vollständig bestehen. Die Szenen, in denen seinerzeit die TänzerInnen des Tanztheater Wuppertal ihre persönliche Erfahrung darstellten, wurden nun mit den Erlebnissen der Jugendlichen „gefüllt“. Dadurch bleibt im „Kontakthof. Mit Teenagern ab 14“ einerseits das choreografische Meisterwerk intakt und gewinnt andererseits durch die DarstellerInnen eine neue Perspektive.
An Professionalität wurden hier keine Abstriche gemacht. Klar, die Jugendlichen sind keine ausgebildeten TänzerInnen wie die Mitglieder des Tanztheaters Wuppertal. Auch wenn ihre Bewegungen nicht so perfekt „sitzen“ wie bei den Profis, auch wenn ihre Erscheinung den Maßstäben eines Tänzers oder einer Tänzerin nicht genügen (würden), so haben sie doch eine Produktion auf die Beine gestellt, in der sie ihre Rollen überzeugend spielen und das Publikum in ihren Bann ziehen. Die sorgfältige Einstudierung und Probenarbeit der Bausch-TänzerInnen Bénédicte Billiet und Josephine Anne Endicott haben die Integrität dieses Werkes in vollem Umfang erhalten und die Jugendlichen zu Höchtsleistungen motiviert. Das dreistündige Stück verlor nie seinen Rhythmus, die Spannung und die Leichtigkeit dieser Montage blieben immer erhalten. Die 28 Jugendlichen, die in Wuppertal zur Schule gehen, hätten sich kein besseres Coaching wünschen können und haben sich vollends auf diese komplexe Arbeit eingelassen. Wie viele der Arbeiten von Pina Bausch ist auch „Kontakthof“ vom Gesellschaftsbild der 1950er Jahre geprägt. Das Gefühlsspektrum der Menschen hat sich aber offensichtlich nicht gravierend verändert, denn die Teenager scheinen mühelos an die Emotionen und die Scharmützel zwischen den Geschlechtern andocken zu können. Damit war am ersten Abend ein leuchtendes Beispiel für die künstlerische Arbeit mit (in diesem Fall jugendlichen) Laien zu sehen. Demnächst kommt übrigens die Doku „Tanzträume - Jugendliche tanzen Kontakthof von Pina Bausch“ ins Kino.
Ort der Findung
Die offiziellen Eröffnung des Festivals fand zuvor im brut wien statt, mit einem der profiliertesten Choreografen für Kinder und Jugendliche und Stammgast beim szene bunte wähne Tanzfestival: Ives Thuwis des belgischen Theaterateliers Kopergietery. Auch in diesem Jahr waren seine Stücke die Highlights des Festivals.
Abhängig von den DarstellerInnen sind seine Arbeiten jeweils auf diese abgestimmt. In Dramturgie, Aufbau, Choreografie und Musikauswahl ist seine künstlerische Verwandtschaft zu Pina Bausch offensichtlich. Auch ihm gelingt es mit viel Humor und Leichtigkeit das Gefühlsspektrum seiner DarstellerInnen erfahrbar zu machen.
Für „Als der Tag verschwunden war“ sind 13 DarstellerInnen zwischen 8 und 15 Jahren auf der Bühne und die Selbstverständlichkeit mit der sie in dieser Choreografie agieren, lässt darauf schließen, dass sie mit Bühnen- und Bewegungsarbeit vertraut sind. Thuwis und die Regisseurin Eva Bal nahmen die Gedichte des niederländischen Dichters Hans Lodeizen (1924-1950) zum Ausgangspunkt für ihre Stimmungstableaus genommen, sind sie doch ein direkter Ausdruck des Gefühls, jung zu sein. Da treffen ungebändigte Lebenslust auf Melancholie, Verliebtsein auf Verlassen-Werden, Sehnsucht auf Hoffnung. Die Kinder suchten in ihrem Leben Verbindungen zu Lodeizens Dichtung und entwickelten Szenen, die Thuwis und Bal zu einer poetischen, temporeichen und berührenden Montage aus Worten, Tanz und Jazzmusik zusammensetzten. Leider kam in Wien die Dernière zur Aufführung, denn dieses Stück würde es verdienen noch lange gespielt zu werden.
Nachdem sich Thuwis in den vergangenen Jahren wiederholt mit Testosteron-geplagten jungen Männern auf Identitätssuche begab, hatte er sich in „Girls!Girls!Girls!“ mit dem schönen Geschlecht zu tun. Dass dieses zahmer ist als ihr männlicher Counterpart entpuppte sich bei dieser Produktion des Jungen Schauspiels Hannover als überholter Mythos, denn diese 11 jungen Frauen überraschten mit ihrer entwaffnenden Offen(herzig)keit, ihrem Witz und ihrer Selbstironie. Stars, Karrierefrauen oder Mutter - die Suche nach dem eigenen Weg ist komplex und voller Fallen. Die Girls aus Hannover untersuchen sie mit Lust am Klischee und halten damit nicht nur ihren Altersgenossen einen Spiegel vor, der manche von ihnen wohl peinlich berühren mag. Abgesehen davon setzen sie den Mix aus Show, Tanz und (Selbst-)Darstellung mit Temperament und vollem Engagement um. Thuwis hat jedenfalls nicht zensierend eingegriffen und die Jugendlichen wieder dort abgeholt, wo sie sich zur Zeit befinden.
Orte der Verwirrung
Kabinet K., ebenfalls aus Belgien, hat in den letzten Jahren immer wieder tolle Arbeiten nach Wien gebracht. Umso erstaunlicher, dass diesmal ein Stück herausgekommen ist, das die Kinder in ihrem Freiraum einschränkt. Gerade die Erforschung desselben ist laut Programmheft aber Thema des Stücks „Unfold“ von Joke Laureyns und Kwint Manshoven. In der Vormittagsvorstellung führte das Stück bei den ZuschauerInnen ab 9 aber zu einigem Unmut und verunsicherte die drei Kinder auf der Bühne zusehends. Das vorsichtige, an Pathos grenzende Ausloten von Befindlichkeiten, wollte einfach nicht von der Stelle kommen. Das abstrakte Konzept, eine sehr reduzierte Choreografie (ausgeführt vom Tänzer Kwint Manshoven und den Kindern), die dazwischen eingestreuten Späßchen, die den „sicheren Lacher“ bringen, die Balladen von Gittarist und Sänger Niko Hafkenscheid schweben richtungslos im Raum. Man hat das Gefühl, dass auch die Kinder (9 und 11 Jahre alt) nicht wirklich wissen, was sie auf der Bühne tun - außer jener Szene, in dem Silke zur etwas lebhafterer Musik einmal so richtig abtanzen kann und alle mit Sonnenbrillen auftreten. Aber schließlich enden alle auf einer Decke vor einem Zelt in einer Art Lagerfeuerromantik.
„Pitsers“ hieß das Stück für Zuschauer ab 14 des belgischen Produktionshauses fabuleus, bei dem es um das Thema Gewalt ging. Die elf Jugendlichen werfen ihre gesamte Energie ins Zeug, schmeißen sich und die zahlreichen Stühle über die Bühne, rennen, intrigieren, quälen - teils physisch, teils über Zeichnungen, die mit Overheadfolien auf eine Leinwand und über das „Opfer“ projeziert werden. Ein klug aufgebautes und sehr gut umgesetztes Stück, und dennoch ein Negativ-Beispiel für Jugendtheater. Denn was hier völlig offenbleibt, ist die Haltung der Theatermacher gegenüber dem gewählten Thema. Ob es sich um die alltägliche Schulhof-Rangelei, den angekündigten Gruppenselbstmord oder Amoklauf handelt - die Energie, der Output und der Raum für diese körperlich ausagierten oder verbal geäusserten Gewaltakte bleibt immer auf einer Ebene. Unverständlich, ja eigentlich schockierend, dass die Verantwortlichen Jef van Gestel und Karoline Verlinden bei diesem derart brisanten gesellschaftlichen Thema jeglicher Differenzierung aus dem Weg gegangen sind.
Eine großartige Performance bot Andreas Denk (Niederlande) mit seinem Solo „Sophie“. Ein dem Alkohol anhängender Mann auf einem Spießrutenlauf durch sein Atelier. Mit akrobatisch-geschickten Manövern schlängelt er sich durch die herumliegenden Holzstücke und Werkzeuge, hämmert einen Sarg (für Sophie?) und säuft sich zwischendurch durch zahlreiche Gläser und Flaschen. Bei aller Kunstfertigkeit, die Andreas Denk mit dieser Performance beweist und die Betroffenheit, die er auslöst, stellt sich die Frage ob die ZuschauerInnen (ab 10) den thematischen Zusammenhang zwischen dem Titel und dem Alkoholgenuss herzustellen wissen.
Klarheit in der Aussage und Einstellung zu einem Thema ist eine der wichtigsten Ingredienzien der Arbeit mit und für Jugendliche. Gerade in einer Zeit, wo die Auseinandersetzung mit ihren Bedürfnissen sehr oft zu kurz kommt, ist die Verantwortung der KünstlerInnen umso größer. Bei Kindern und Jugendlichen darf diese Aufgabe nicht zu kurz kommen.
szene bunte wähne 13. Tanzfestival für junges Publikum, Tanzquartier, brut, Dschungel, WUK Wien, 26.02.2010 bis 07.03.2010
- Lichtspiele im Dunklen
- Unterrichtsspektakel, nicht ernst genommen
- Möbelrücken
- Das breite Publikum gibt es nicht
- Weiblich oder männlich?
- Ich bin eine andere
- Subjektives Zeitempfinden
- Die Tiefe der Oberfläche
- Die Eleganz der Möbelpacker
- Theaterfaszination für die Kleinsten
- Auf dem Prüfstand
- Im Aufwind
- Tanzfestival für junges Publikum
- Ganz zu eigen gemacht
- Warten auf Pina
- Die Ästhetik des Widerspruchs
- Uplifting
- Ein Schaf zum Verlieben
- Staunen, träumen – verstehen
- Liebeserklärung an den Tanz
- Horror-Klamauk
- Einfach traumhaft
- Die Kunst der Unterhaltung
- Neue Einblicke
- Mit voller Kraft voraus
- Akustisch-optische Schockwelle
- Eintauchen in Pinas Welt
- Ton-Licht-Bewegungsspiele
- Körper sprechen Bände
- Pinas Blick
- Männer in Gefahr?
- Aus dem Netz geschlüpft
- Tanzen bis der Boden bebt
- Von Müttern und neuen Medien
- Niederösterreichische Theaterwähne
- Eröffnungsmarathon
- Can We talk About This?
- Lustvolles Denken: "Philosophy on Stage"
- Freiräume durch Zaudern
- Protest als Nabelschau
- Im tönenden Licht-Labor
- Wo stehen wir in der Welt?
- Senkrecht im stählernen Raum
- Variationen eines Musters
- Jede Menge Uraufführungen
- Die Tücke der Objekte
- Vom Verlust der Anonymität
- 15. Tanzfestival für junges Publikum
- Intakte Schlagerseligkeit
- Einfach ein raffiniertes Spiel
- Zwischen den Kulturen
- Väter, Söhne, Sex und mehr
- Tanzoffensive aus Österreich
- Hansi, Feminismus und die Liebe
- Chaos deluxe
- TanzTag.12
- Zwischen den Gendern
BÜRO GESUCHT
Tanzprojekt sucht dringend Büroräume in 1160: Gesucht werden ca. 40 m2 für 3 PC-Arbeitsplätze und eine kleine Lagermöglichkeit für Kostüme und Requisiten. Optimal wäre eine Lage in Gehdistanz zum Yppenplatz/Brunnenmarkt. Über jeden Hinweis freuen wir uns. Kontakt: beate.bauer@caritas-wien.at; T: 0664/8427669AUSSCHREIBUNG
für das FESTIVAL DER REGIONEN 2013 / UMGRABEN in Eferding von 7. bis 16. Juni 2013 werden Projekte aus allen künstlerischen Bereichen und Genres gesucht. Bei aller Offenheit werden Vorhaben für ortsspezifische Arbeiten bevorzugt, Ambitionen, die sich mit Gesellschaft und Geschichte der Stadt Eferding beschäftigen und möglichst Bevölkerungsgruppen oder einzelne gute Kräfte einbeziehen. Weit gefasste Beziehungen zum Festival-Motto UMGRABEN werden ebenfalls berücksichtigt.
Alle Informationen zur Teilnahme am Wettbewerb auf http://www.fdr.at
Bewerbungsschluss ist der 16. Mai 2012!
Hip Hop Pädagogin gesucht
für die Teenager Gruppen am Freitag Nachmittag. Dance Art bietet eine fixe Anstellung, ein tolles, motiviertes Team und volle Klassen.
Bewerbungen bitte an: info@danceart.at


