Kritiken
Kritiken 2010
Der Körper als Piktogramm
Der Körper als Piktogramm
Saskia Hölbling übersetzt die zweidimensionalen Zeichen, die den Alltag beherrschen, in die dritte Dimension. In „Pictographic Events“ werden gezeichnete Piktogramme zu bewegten Figuren. Statt des aussagekräftigen, bekannten Bildes, sollen die Körper von fünf Tänzerinnen sprechen. Ihr Vokabular ist schwer zu entschlüsseln.
Menschen sollen es keine sein, die sich da meist gemessen auf der Bühne in verschiedenfarbigem Licht bewegen, eher Strichmännchen. Strichweibchen richtiger. Vom Scheitel bis zur Sohle in enganliegende Kunsthaut gesteckt, geben sie Zeichen, sind sie Zeichen, machen sie Zeichen. Sind Wegweiser oder Tier auf allen Vieren kriechend, sehen einander an oder kehren den Rücken, stoßen und rempeln, tätscheln das andere unbekannte Wesen oder beatmen es. Kaum meine ich, eine Information zu verstehen, hat sich das Zeichen verflüchtigt, die Lage geändert, haben sich die Figuren neu arrangiert.
Anfangs sind es nur vier bewegliche Zeichen, zwei weiße (Gipsfiguren?), zwei schwarze (Schokoladeweibchen?), die etwas mitteilen wollen, was wir nicht verstehen. Später kommt kurzzeitig Leben in die sich ohne erkennbaren Zusammenhang bewegenden Piktogramme: Eine knallrote Figur tänzelt quer über die Bühne. Sympathisch, diese keinerlei Zeichen gebende Teufelin. Wie sich das Licht (Reto Schubiger) wandelt, wechseln die Figuren auch ihren Kokon, das bringt ein wenig Farbe in das piktographische Einerlei.
Ohne Erklärung ist nicht zu verstehen, was uns Saskia Hölbling mit diesem einstündigen Arrangement sagen will. Da helfen auch die auf der Videowand gezeigten, ineinander schmelzenden und auseinander fallenden (echten) Piktogramme (Video und Bühne: Doron Goldfarb) nicht. Lediglich Heinz Ditsch bringt mit seiner Komposition (Musik und Geräusche) Struktur in die vier ( + eine rote) Gestalten. Sie bestimmt, in welchem Tempo sich die Figuren bewegen, wie schnell sie Arme und Beine heben, Köpfe senken, sich zu Gruppen arrangieren. Wenn ich will und mich nicht immer wieder frage: „Was soll das bedeuten?“, kann ich mir schon eine Geschichte zusammen spinnen, oder wenigstens Teile davon. Auch wenn die Gesichter verhüllt sind, sehe ich schelmische Blicke, Annäherung und Zurückweisung, Zärtlichkeit und Gewalt, Freundschaft und Liebe. Doch weil Zeichen zwar auf der Leinwand tanzen können, aber nicht auf der Bühne, versinke ich schon nach 20 Minuten in der gähnenden Monotonie. Da hilft auch die sporadisch erscheinende rote Teufelin nicht. Die in ihre Anzüge eingenähten Figuren (Kostüme Gudrun Lenk-Wane) bleiben Zeichen im Raum. In sich verschlossen, haben sie im Gegensatz zu realen Piktogrammen, nichts mitzuteilen. Eine Verschwendung der Talente. Die Tänzerinnen (Rotraut Kern, Heide Kinzelhofer, Alexandra Mlineritsch, Moravia Naranjo, Charlott Ruth) sind zu Zeichen degradiert, die sich dauernd wandeln und dennoch starr und inhaltslos bleiben.
pictrographic events, Uraufführung, 17.12.2010, Tanzquartier
- Wie sich die Bilder gleichen
- Im Sog der Großstadt
- Variation der Variationen
- Der gewöhnliche Körper ist langweilig
- In allen Tönen ist Tanz
- Mit voller Kraft voraus
- Barbara Kraus ist nicht zu fassen
- Eine gewisse unmögliche Mögliche
- Perpetuum Mobile des Lebens
- Kaiserliche Hochzeit
- Auf dem Weg zur Gelassenheit
- Bewegt durch Glauben
- Wechselseitige Energieschübe
- Tableaux Vivants, eine lebendige Performance
- Zukunftsblick mit Galgenhumor
- Senkrecht im stählernen Raum
- Graue Theorie perfekt getanzt
- Chowaniec mit Grenier im Ballroom
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