Kritiken
Kritiken 2010
Lebendiges Repertoire
Lebendiges Repertoire
Andere Aufführungsorte, anderes Licht und die fortwährende Entwicklung der Beteiligten, lassen Publikum und Mitwirkende auch ein Repertoire-Stück neu erleben. In wiederholten Aufführungen wird der Prozess deutlich, den die KünstlerInnen druchlaufen. Pilottanzt & Silk machten das mit dem eindrucksvollen Stück „Slik“ sicht- und fühlbar. Und auch Raul Maia, der die zweite Hälfte der tanzwut-Eröffnung bestritt, zeigte ein wandelbares Stück, seine Illusion „Augustus hears cars like sea weaves“.
Silke Grabinger, deren tänzerische Wurzeln beim Breakdance liegen, hat das mit Roderich Madl entwickelte Stück verändert, weil sich ihr Körper verändert hat. Ihre einst ganz dem Streetdance ergebenen Bewegungen sind weicher und sinnlicher geworden, ihre Mimik lockerer und die Künstlerin ist nun locker und mutig genug, um Humor und Selbstironie mittanzen zu lassen. Der Ausgangspunkt der Choreografie, die Zerlegung in Real- und Kunstkörper wird deutlicher erkennbar. Der nach außen gerichtete „urban Style“ ist aufgeweicht, die expressive Tanzsprache Madls prallt nicht mehr als Kontrast auf, sondern ergibt sich als fließendes Ergebnis.
Einzig das Licht hat als Teil der Choreografie seine Rolle verloren, es bildet keine Räume mehr, sondern leuchtet nur. Das mag jedoch an den technischen Bedingungen der kleinen Bühne im ambitionierten Kosmos-Theater liegen. „Slik“ wieder gesehen zu haben, war dennoch reine Freude und das Publikum, das frühere Aufführungen weder in Salzburg noch im Festspielhaus St. Pölten (Österreich tanzt) gesehen hat, war begeistert.
Auch Raul Maia, Portugiese in Wien und auch gern für Kinder auf der Bühne, überschreitet Genregrenzen und bietet im froschgrünen Gummioverall ein Solo, das Musical und Clownerie, Performance und Oper, Autobiografie und Märchen ist. Augustus schont sich nicht, rollt über den Boden und bläst sich zu Übergröße auf, sackt in sich zusammen, als ginge einer aufblasbaren Puppe die Luft aus und macht sich mit der Mundharmonika in der Mundhöhle die eigene Musik dazu. Augustus wird zum Tigerman und betet ein Mantra, um sein inneres Kind zu finden. Augustus hat den Mut eines Karatekämpfers und die Zärtlichkeit eines frisch gebackenen Vaters und steckt voller Überraschungen. Der, der ihn geschaffen hat, Raul Maia, ist undurchschaubar und ungeheuer komisch und hält sich an keinerlei Regeln. Auch nicht an die, dass weniger mehr wäre. So bleibt der Eindruck zwiespältig. Ein ausgezeichneter Performer gibt seinen Ideen und Einfällen allzu freien Lauf.
Doppelabend Pilottanzt & Silk / Raul Maia im Rahmen von tanzwut, Kosmos Theater, 9. November 2010.
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