Kritiken
Kritiken 2010
Gelungene Überraschung
Gelungene Überraschung
Mit Vladimir Shishov in der Titelrolle, Ketevan Papava als Tatjana und Liudmila Konovalova, die ihre Debüt in Wien als Olga gab, und vor allem James Tuggle am Dirigentenpult war die aufgefrischte Vorstellung von John Crankos „Onegin“ ein freudige Überraschung für das Publikum. Die Überraschung für die Tänzer servierte Ballettchef Manuel Legris: nach der erfolgreichen Vorstellung: Shishov und Roman Lazik wurden zu Ersten Solisten ernannt.
Die Aufführungsserie von „Onegin“ hat Legris nicht von ungefähr geplant. Feiert doch die Ballettwelt am 17. Oktober den 200. Todestag von Jean Georges Noverre, den Ballettreformer. Der Franzose, der seine Thesen, wie im 18. Jahrhundert üblich in Briefen festhielt, hat das Ballett von seinem Schattendasein als Aufputz der Oper erlöst und es zu einem eigenständigen Kunstwerk erhoben. Ballett war für Noverre eine (andere) Form des Musiktheaters, dessen Erzählung das Publikum ebenso erschüttern sollte, wie die dramatische Oper. Das subtile aber überaus dramatische Handlungsballett nach dem Versroman von Alexander Puschkin ist ein großartiges Beispiel, für die Erfüllung von Noverres Forderungen. John Cranko konzentriert sich auf die Gefühle der vier Personen im Mittelpunkt der Handlung und kontrastiert diese inneren Konflikte großartig und nicht ohne Humor mit dem fröhlich-festlichen Treiben der Gesellschaft auf dem Land und in der Großstadt.
Dass Crankos Intentionen in der hier gerühmten Vorstellung so detailliert und klar zur Geltung kamen, ist vor allem dem Dirigenten James Tuggle zu danken, der als langjähriger Musikdirektor des Stuttgarter Balletts quasi an der Quelle saß. Er konnte beweisen, dass die von Kurt-Heinz Stolze instrumentierten Musikfragmente von Peter Tschaikowski nicht als undifferenzierter Brei aus dem Orchestergraben plätschern muss und durchaus auch etwas über die Befindlichkeit der Personen und den die Dramatik der Handlung aussagen kann.
Liudmila Konovalova, bisher Solotänzerin am Staatsballett Berlin, feierte mit der Rolle der Olga ihren Einstand in Wien. Noch ist die neue Solotänzerin dabei sich mit den KollegInnen und Gegebenheiten vertraut zu machen, doch besticht sie in der Rolle durch heitere Leichtigkeit und sicheren Stand auf der Spitze. Am „amerikanischen Abend“ an dem Legris mit „Juwelen der Neuen Welt“ seine erste Premiere als Ballettdirektor feiern wird (24. Oktober) ist Konovalova in William Forythes „The Vertiginos Thrill of Exactitude“ zu sehen. Man wird sehen.
Ihr Partner in Onegin ist Eno Peci, der als Lenski keinen schwärmerischen, verträumten Dichter tanzt, wie Vladimir Malakhov ihn interpretiert, sondern ein bodenständiger Künstler, der Eifersucht und Jähzorn glaubhaft machen kann. Ketevan Papava tanzte zum ersten Mal die Tatjana, das versponnene Mädchen vom Land, das sich Knall und Fall in den Schnösel Onegin verliebt. Was der von der Gesellschaft auf dem Lande hält, signalisiert Vladimir Shishov mit dem ersten Schritt, wenn er hoch erhobener Nase aus dem Kulissengang stolziert. Ein gelangweilter Salonlöwe, der diese Landpartie nur seinem Freund Lenski zuliebe unternommen hat. Onegin betritt also den Garten, in dem sich die Gesellschaft fröhlich unterhält, und es wird kalt. Tatjana sieht ihn an und wir wissen, sie ist verloren.
Cranko schenkt den Paaren großartige, teils liebliche (Olga / Lenski), teils überaus dramatische Pas de deux (Tatjana / Onegin) und lotet damit die unterschiedlichen Gefühlsebenen aus. Shishov hat in den Proben mit Manuel Legris nicht nur an Ausdruckskraft und Bühnenpräsenz gewonnen, sondern kann mit den schwierigen Hebungen und Drehungen auch seine perfekte Technik zeigen. Papava hält tapfer mit aber nicht ganz durch. Gegen Ende der Geschichte (Onegin erkennt nach 10 Jahren, was er da verpatzt hat, wirbt um die verheiratete Tatjana, doch die lässt den Verstand über das Herz siegen und weist ihn ab) zeigt sie leichte Ermüdungserscheinungen. Was an dem wunderbaren Abend, an dem sich auch das Corps de Ballet durchaus motiviert und trittsicher zeigte, und auch am Jubel des Publikums nichts ändern konnte.
Onegin, 9. Staatsoper, 9. Oktober 2010.
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