Kritiken
Kritiken 2010
Abschiedsessen für Erika
Abschiedsessen für Erika
Der japanische Autor und Regisseur Toshiki Okada erinnert mit seiner Körper bewegten Szenenfolge "Hot Pepper, Air Conditioner, and the Farewell Speech", an absurdes Theater. Vielleicht weil die Situation von billig geheuerten und schnell wieder gefeuerten Leiharbeiterinnen und einer Jugend ohne Zukunft, worauf er den Fokus richtet, eben absurd ist.
Zwei Leiharbeiterinnen und ihr Kollege sitzen in der kargen Kantine um den Tisch und wollen das Abschied essen für Erika organisieren. Doch weil sie wissen, dass sie selbst bald an der Reihe sind, monologisieren sie lieber über ihre Wünsche für die eigene Abschiedsfeier, oder darüber wie der Schlüssel für die Beteiligung aller sein soll. Schließlich verdienen die fest Angestellten mehr, also sollen sie auch mehr spenden.
Blackout
Zwei Festangestellte, eine junge Frau, ein junger, etwas überdrehter Mann stehen unter der Klimaanlage. Kommunikation oder gar einen Flirt gibt es nicht, sondern eine Klagelitanei der Frau, dass ihr 23 Grad zu kalt seien. Der Partner wirft nur noch gequälte Gickslaute ein oder rät, doch die Polizei zu holen. Die Angestellte geht nicht darauf ein, jammert in endloser Suada weiter. Bis die Mittagspause zu Ende ist.
Blackout
Die fünf Kolleginnen, LeiharbeiterInnen und Angestellte, treffen aufeinander und warten auf Erika. Endlich tanzt sie an, ziert sich ein wenig und hält dann die verlangte Abschiedsrede. Aber auch sie sagt nicht, was sie sagen will, sondern erzählt, lebhaft und durch Kichern unterbrochen, von ihren Schuhen, die ihr als verliebte Pinguine erschienen und von einer Zikade, die sie tot getreten hat. Fast hätte ihr der Mord den Tag verdorben. Sie muss wieder zur Wohnung, der Zikade die letzte Ehre geben. Als Erika wieder am Tatort steht, hat die Katze die Leiche bereits verspeist. Erika hat ihre Pflicht getan. Erika kann gehen.
Blackout und aus.
Das klingt banal und wäre es auch, hätte nicht Regisseur Toshiki Okada mit seinen DarstellerInnen eine eigene Körpersprache entwickelt, die mehr sagt, als die sich ständig wiederholenden inhaltsleeren Sätze. Außer der schwadronierenden Erika hat kaum eine mehr 20 Worte, die aber in endloser Schleife, zu sagen.
Doch die Körper drehen und winden sich, die Beine werden verrenkt und angehoben, die Hände fahren in die Haare, schlagen mit dem Papierfächer, Die Körper kippen in Schräglage, der Fuß wippt auf den hohen Absätzen, der Rumpf knickt ein, beugt sich fast bis zum Boden. Zombies, aus der Façon geraten, tanzen einen seltsamen Twist, drücken mit dem verkrümmten, zappelnden Körper aus, was, wie aus der Literatur bekannt ist, in Japan unmöglich gesagt werden darf. Kontenance, Höflichkeit und die Angst, das Gesicht zu verlieren (in Europa würde man sagen: die Würde) bestimmten das Leben in Fernost.
Jede der drei Szenen hat ihre eigene Musik (John Cage, Stereolab und Tortoise sowie John Coltraine für Erika), doch der „Tanz“, eher passt der Begriff „Körpergebärde“, nimmt keinen Bezug, darauf und auch nicht auf den gesprochenen Text, er ist ein eigenständiges Element, wie auch die faszinierenden Licht- und Schattenchoreografie von Tomomi Ohira.
Tragik und Erschütterung oder Sozialkritik sind in Toshiki Okadas Stück weniger zu spüren, als Witz und Ironie und die Kraft zeitgemäßes, eigenständiges Theater zu machen, das unterhalten und fesseln kann, auch wenn die Kultur, in der es entstanden ist fremd ist, und die Wörter nur als Schrift an der Wand zu verstehen sind.
Toshiki Okada ist in Wien kein Unbekannter mehr, war doch 2008 sein Stück „Freetime“ bei den Wiener Festwochen zu sehen. Die szenische Trilogie entstand im Vorjahr für das Berliner Hebbel-Theater am Ufer, nachdem „Air Conditioner“ für den „Toyota Choregraphy Award 2005“ nominiert worden war. Danach hat Okada das Duett für sechs Schauspieler/innen auf drei Szenen erweitert. Mit seiner Gruppe „chelfitch“ ( eine Verballhornung des Begriffes selfish / selbstsüchtig), ist der Autor / Regisseur, 1973 in Yokohama geboren, längst über die Grenzen Japans hinaus bekannt.
Gespielt, gesprochen und gebärdet haben Taichi Yamagata, Mari Ando, Saho Ito, Kei Namba, Riki Takeda und Fumie Yokoo.
Toshiki Okada / selfitch: „Hot Pepper, Air Conditioner, and the Farewell Speech", Wiener Festwochen im Museumsquartier, 16. Juni 2010.
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